Mit der Verhaftung des Ko-Kurators Ai Weiwei machte die Ausstellung «Shanshui – Poesie ohne Worte? Landschaft in der chinesischen Gegenwartskunst» im Kunstmuseum Luzern schon vor ihrer Eröffnung von sich reden (vgl. Eintrag vom 23. Mai). Gestern habe ich mir endlich die Ausstellung angesehen: Was auf Anhieb beschaulich tönt, entpuppt sich beim genauen Hinsehen als interessante Auseinandersetzung chinesischer Gegenwartskunst mit der 1500 Jahre alten «Berg-Wasser-Malerei».

In einem Kabinett am Anfang der Ausstellung zeigen die drei Kuratoren Ai Weiwei, Peter Fischer und Uli Sigg einige historische Shanshui-Bilder, damit klar wird, auf welche lange und reiche Tradition sich die chinesischen GegenwartskünstlerInnen beziehen. Diese Leihgaben aus dem Museum Rietberg in Zürich und dem Musée Guimet in Paris sind sozusagen das Resumée der über tausend Jahre alten Tradition der Landschaftsmalerei — es versteht sich von selbst, dass mit ein paar wenigen Werken kaum gelingen kann, die damit verbundene Philosophie und Gedankenwelt zu vermitteln. Den damaligen Künstlern aus der gebildeten Oberschicht ging es nicht darum, Natur perfekt abzubilden, sondern ihre Gefühle und bestimmte Botschaften zu vermitteln. Die gemalten Landschaften waren also Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und oft ein Code für persönliche Messages, politische Aussagen beispielsweise. Verlässt man das Kabinett mit den historischen Shanshui-Werken, hat man immerhin einige Bilder oder Malstile im Kopf, die man vielleicht schon früher einmal gesehen hat, und weiss, dass klassische Shanshui-Bilder Tuschmalereien sind oder als Blau-Grün-Landschaften daherkommen.


«Chinese Landscape Tattoo, No 6» von Huang Yan
(C-Print, 50,5 x 61,5 cm, 1999)
Quelle der Bilder: Kunstmuseum Luzern

Der Katalog unterscheidet bei den neueren Shanshui-Werken zwei Perioden: die ideologisch weiterentwickelte Shanshui-Malerei der Moderne (spätes 19. Jahrhundert bis Ende der Mao-Ära) und postmoderne Shanshui-Bilder. Die eigentliche Ausstellung umfasst etwa 70 Werke chinesischer Gegenwartskunst, die alle aus der Sammlung Sigg stammen und einen Bezug zur traditionellen Shanshui-Malerei haben. Bei fast allen Werken geht es naturgemäss um Landschaft und einen eigenen Anknüpfungspunkt des Künstlers oder der Künstlerin:

Landschaft & Körper
Huang Yan beschäftigte sich eingehend mit der klassischen Shanshui-Malerei und kam zum Schluss, dass die damaligen Literati-Maler sich mit ihren Landschaften selbst darstellten. Er schreibt: «Eine Landschaft zu malen heisst, einen Menschen zu malen, sich selbst zu malen.» Huang Yan begann 1994 sich selber zu bemalen — mit chinesischen Landschaften. Die Serie «Chinese Landscape Tattoo» (Bild oben) besteht aus Fotografien vom Oberkörper und den Armen des Künstlers in unterschiedlichen Posen — sehr eindrücklich.

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«It Looks Like a Landscape» von Liu Wei
(Digitalfotografie, 306 x 612 cm, 2004) — Quelle: www.likeyou.com

Die Körperteile, die auf dem Post-Shanshui-Bild von Liu-Wei abgebildet sind, sehen tatsächlich aus wie eine chinesisch Landschaft, tauchen shanshuimässig aus dem Nebel auf — und zaubern einem ein Schmunzeln aufs Gesicht.

Landschaft & Stadt
China besteht zwar aus weiten, fast menschenleeren Landstrichen, aber heute auch aus boomenden Mega-Cities, so dass zeitgenössische Shanshui-Künstler nicht umhin können, sich mit chinesischen Stadt-Landschaften zu befassen:


Detail von «View of Tide» von Yang Yongliang
(Inkjet-Print auf Reispapier, 45 x 1000 cm, 2008)

Bei diesem zehn Meter langen Bild von Yang Yongliang lohnt es sich genau hinzuschauen: auf den ersten Blick sind Berge und Wasser in einer fast unendlichen Abfolge arrangiert wie in klassischen Shanshui-Bild, auf den den zweiten Blick entpuppen sich die Berge als Berge von Hochhäusern und die Wälder als Wälder aus Starkstrommasten und auf den dritten Blick gibt es viele kleine Details zu entdecken.

Auch Ai Weiwei beschäftigt sich mit Stadt-Landschaften: ein ganze Wand voll grossformatiger Fotos (C-Prints, 97 x 122 cm), die «Provisional Landscapes» zeigen, Stadt-Landschaften im rasanten Wandel. Ihnen allen gemeinsam ist, dass das Alte schon verschwunden, das Neue aber noch nicht da ist. Die unterschwellige Botschaft dieser Post-Shanshui-Landschaften ist Trauer über das Verschwundene und Neugier auf das, was noch kommt. Geile Stadtbilder, die die rasend schnelle Veränderung der chinesischen Städte dokumentieren und vielleicht auch anprangern.

Landschaft & Technologie
Die rasante und oft destruktive technologische Veränderung Chinas wird ebenfalls zu einem Thema der Post-Shanshui-Künstler:

«Untitled (Flight Plan)» von Yuan Xiaofang
(Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm, 1994)

Yuan Xiaofang verwendet in seinen poppigen Landschaftsbildern Blau-Grün-Landschaften von Shanshui-Malern der Nördlichen Song-Dynastie (960 – 1127) und kontrastiert sie mit Kampfjets und Helikoptern. Diese Fluggeräte, die auf zum Teil aggressiv auf den Betrachter zufliegen, wirken wie Fremdkörper über einer entrückten, «heilen Welt». Idyllische Landschaften aus Vergangenheit und brutale Technologie der Gegenwart in einem Bild zu vereinen — das kann nur ein Post-Shanshui-Künstler aus China.

Bei den 70 ausgestellten Post-Shanshui-Werken handelt es sich nicht nur um Bilder, es sind auch einige Videoarbeiten, Rauminstallationen und Plastiken dabei. Nicht alle Werke vermochten mich zu packen, aber viele sind sehenswert und einige faszinierend. Auch ohne Bezug zur klassischen Shanshui-Malerei ist diese sorgfältig gemachte Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst absolut sehenswert, die spürbare Auseinandersetzung dieser zeitgenössischen Künstler und Künstlerinnen mit einer vergangenen Kunsttradition macht sie aber besonders interessant und einzigartig — eine spezielle Ausstellung, die in dieser Art nicht so schnell wieder zu erleben sein wird.

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Die Ausstellung «Shanshui – Poesie ohne Worte? Landschaft in der chinesischen Gegenwartskunst» im Kunstmuseum Luzern dauert noch bis am 2. Oktober 2011.

Der Katalog in Deutsch und Englisch, herausgegeben von Peter Fischer, ist eine tolle Dokumentation mit erhellenden Texten von Ai Weiwei, Nataline Colonnello, Britta Erickson, Peter Fischer, Hu Mingyuan, Katja Lenz, Uli Sigg, Yin Jinan und Zhang Wei. Er umfasst 240 Seiten, ist 2011 im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern (D), erschienen, kostet 54 Franken und ist im Museumsshop erhältlich.

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