Am 3. Juni 2017 haben gute Freunde den Weg von Wien nach Nizza unter die Füsse genommen: WhatsAlp heisst dieses alpenpolitische Weitwanderprojekt, das im Wesentlichen der Route des Vorgängerprojekts TransALPedes folgt, das vor 25 Jahren Furore machte. Seither verfolge ich fasziniert die Whatsalp-Wandergruppe auf dem Internet und frage mich, warum man die Strapazen einer Weitwanderung auf sich nimmt — eine Motivationstypologie des Weitwanderns.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich mit dem Thema Weitwandern befasse. Erstens fasziniert mich die Idee, nicht einfach von A nach B zu wandern, sondern am nächsten Tag nach C und weiter nach D, E und F, deshalb habe ich selber schon einige Mehrtageswanderungen unternommen — mit unterschiedlichem Erfolg. Wenn ich sie Revue passieren lasse, kommen mir unvergessliche Erlebnisse in den Sinn, die sich in meiner Festplatte eingebrannt haben. Weitwandern schärft die Sinne und intensive Erlebnisse bleiben nachhaltig im Gedächtnis. Mein aktuelles Weitwanderprojekt führt rund um den Vierwaldstättersee: Sechs der zehn Etappen habe ich in einzelnen Tageswanderungen (Luzern – Küssnacht – Weggis – Gersau – Brunnen – Flüelen – Seelisberg) absolviert — und schon jetzt stellt sich jedesmal, wenn ich zum letzten Etappenort anreise, um die Tour de lac fortzusetzen, ein besonderes Gefühl ein, das sich zusammensetzt aus Stolz über die bisher erbrachte Leistung und Vertrautheit mit einer Gegend, die ich mir erwandert habe. Da ich meine Wanderungen auch verblogge, recherchiere ich im Nachhinein einzelne Geschichten, auf die ich beim Wandern gestossen bin. So wird meine Seeumwanderung zu einer vertieften Auseinandersetzung mit meiner Wohnregion.

Motivationstypologie des Weitwanderns

Jäger und Sammler mussten weite Strecken zurücklegen, um ihren Beutetieren zu folgen bzw. ergiebige Nahrungsquellen aufzusuchen — sie waren Weitwanderer. Gemäss Wikipedia spielt im Jahr 2000 Jagd und Sammelwirtschaft weltweit nur noch bei rund 3.8 Millionen Menschen eine wichtige Rolle, davon leben 2.8 Millionen in Asien. Mit der Erfindung des Ackerbaus wurden die Menschen sesshaft.

Der Mensch ist seit je ein Weitwanderer.

Auf Weitwandern beruht auch der Nomadismus, die traditionelle Wirtschafts- und Gesellschaftsform der Hirtenvölker trockener und kalter Wüsten, Steppen und Tundren, in denen dauerhafter Bodenbau keine Perspektive hat. Wie viele Menschen heute noch als klassische Voll- oder Halbnomaden leben, vermag Wikipedia nicht zu sagen, nennt aber diverse ethnische Gruppen, die nomadisch leben: z.B. die Samen in Nordskandinavien, die Kirgisen, Kasachen oder Ewenken in Asien, die Fulbe und Tuareg in der Sahara sowie die Somali, die noch zu einem grossen Teil nomadisch leben. Es scheint, dass sich der Niedergang des traditionellen Nomadismus nicht mehr aufhalten lässt, auch wenn z.B. in der Mongolei Ansätze zur Renomadisierung auszumachen sind. An Stelle des Nomadentums tritt in kargen Gebieten die postnomadische Extensivhaltung von Weidevieh, die häufig unter dem Begriff Mobile Tierhaltung zusammengefasst wird.

  • Die Völkerwanderung hat nicht genau so stattgefunden, wie gemeinhin angenommen wird. Die Wikipedia-Karte Europas in der Spätantike zeigt die traditionelle, heute umstrittene Rekonstruktion der „Völkerwanderungen“ ist mittels Pfeilen. Kenntlich sind auch die Ansiedlungsräume germanischer foederati innerhalb des Imperium Romanum.

    Völkerwandern: Eigentlich wollte ich hier schreiben, dass mit der Völkerwanderung (im Zeitraum vom Einbruch der Hunnen nach Europa circa 375/376 bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568) Weitwandern zu einem Massenphänomen geworden sei. Doch gemäss Wikipedia wird der Begriff „Völkerwanderung“ in der modernen Forschung zunehmend kritisch gebraucht, weil nach heutiger Einschätzung das Bild von „wandernden Völkern“ nicht haltbar ist und vielen Gelehrten mittlerweile als widerlegt gilt und die Vorstellung einer Völkerwanderung grundsätzlich als „Forschungsmythos“ verworfen wird. Schade! Mittels DNA-Analyse lässt sich allerdings nachweisen, dass es schon prähistorischer Zeit Wanderungsbewegungen grosser Bevölkerungsgruppen gab. Diese Migrationsströme gibt es bis heute — auch wenn es sich nicht mehr um massenhaftes Weitwandern handelt.

  • Kriegerisches Weitwandern ist tödlich: Diese 1869 veröffentlichte Grafik von Charles Joseph Minard zeigt die Truppenverluste der Napoleonischen Armee auf dem Russlandfeldzug 1812/13 (beige = Vorstoss nach Moskau, schwarz = Rückug, Temperaturen in Réaumur, 1°Ré = 1.25°C). Quelle: wikimedia commons

    Kriegerisches Weitwandern: Auf Feldzügen sind die wenigsten motiviert, die meisten sind gezwungen mitzumarschieren. Ein gutes Beispiel ist Napoleons Russlandfeldzug 1812/13: Als die Grande Armée am 24. Juni 1812 die russische Grenze überschritt, war sie etwas mehr als 420’000 Mann stark, doch schon in den ersten sechs Wochen desertierten rund 50’000 Soldaten. Für die Allermeisten endete dieser verrückte Marsch nach Moskau tödlich: Je nach Schätzung kehrten 20’000 bis 81’000 zurück, alle anderen sind verhungert, erfroren oder getötet worden. Ähnlich fatal endete Mao Zedongs Langer Marsch in China: Um sich aus der Einkreisung durch die Armee Chiang Kai-sheks zu befreien, begaben sich die Streitkräfte der Kommunistischen Partei Chinas 1934/35 auf den 12’500 Kilometer Langen Marsch, doch nur etwa zehn Prozent der 90’000 erreichten ihr Ziel.

  • Von zwölf historischen Kulturwegen der Schweiz dienten nur gerade zwei nicht dem Transport von Waren: die ViaJacobi (Jakobspilgerweg) und die ViaCook (Route der ersten Reisegruppe von Thomas Cook).

    Säumern: Der Transport von wertvollen Waren war kommerzielles Weitwandern. Auf den historischen Handelsrouten durch die Schweiz transportierten Säumer — meist auf Saumpferden oder Maultieren — wertvolle Waren wie Salz, Käse, Wein über die Alpen und durch den Jura. Im Mittelland erfolgte der Warentransport wo immer möglich über Flüsse und Seen, was billiger war als mit Ross und Wagen oder mit Saumtieren. Gemäss Wikipedia endete die Blütezeit des Saumwesens im 15. und 16. Jahrhundert mit der im 17. Jahrhundert aufkommenden Post und den immer besser ausgebauten Strassen. In den Alpen verlor die Säumerei ihre wirtschaftliche Bedeutung jedoch erst mit dem Ausbau vieler Pässe zu Fahrstrassen (Simplon 1806, Splügen 1822, Gotthard 1830) und mit dem Bau der Gotthardbahn 1882 fiel sie vollends dahin. Bis heute erhalten haben sich Salzkarawanen im Niger und in Mali.

  • Alle Wege führen nach Rom — alle Jakobswege nach Santiago di Compostela. Ursprüngliche Quelle: www.camino-europe.eu

    Pilgern war und ist bis heute eine wichtige Motivation fürs Weitwandern. Während Pilgerreisen nach Rom, Jerusalem, Lourdes, Einsiedeln oder auch Mekka heute meist nicht mehr zu Fuss unternommen werden, erlebte das Pilgern zu Fuss nach Santiago de Compostela einen eigentlichen Boom: Waren es 1980 gemäss Wikipedia noch 209 PilgerInnen, die entweder den ganzen Weg oder den Weg durch Spanien, mindestens aber die letzten 100 Kilometer der Strecke zu Fuss oder zu Pferd oder die letzten 200 Kilometer per Fahrrad zurückgelegt haben, erreichte diese Zahl letztes Jahr einen neuen Rekord von 278’041. Historisch hat die Jakobspilgerei einen schalen Beigeschmack: Während die Mauren einen grossen Teil der iberischen Halbinsel beherrschten, bildete der Jakobsweg sozusagen den ideologischen Rückgrat der christlichen Gebiete im Norden. Und Santiago, wie der Apostel Jakobus der Ältere in Spanien heisst, bekam als Schutzheiliger der Reconquista (718 – 1492) den Beinamen Matamoros (Maurenschlächter). Er wurde zur Integrationsfigur des christlichen Spanien und ist heute noch Spaniens Patron.

  • Wo sich Goethe herumtrieb: Auf seinen Reisen legte Johann Wolfgang von Goethe insgesamt rund 40’000 Kilometer zurück, teils zu Fuss, teils zu Pferd oder auch mit dem Schiff. Quelle: Interaktive Karten auf www.goethe-atlas.de/

    Just for fun zu wandern ist eine Erfindung der Renaissance. Am 26. April 1336 berichtet der Dichter und Geschichtsschreiber Francesco Petrarca in einen langen Brief von der Besteigung des 1912 Meter hohen Mont Ventoux, die er an diesem Tag zusammen mit seinem Bruder Gherardo unternommen habe, „allein vom Verlangen geleitet, diesen aussergewöhnlich hohen Ort zu sehen“ (vgl. War er oben oder nicht? in der NZZ vom 24.12.2011). Wegen dieser ersten touristischen Bergbesteigung gilt Petrarca als Begründer des Alpinismus. Ganz allgemein war Weitwandern — einmal abgesehen von Ross und Wagen sowie Schiffsreisen — vor dem Aufkommen von Postkutschen die einzige Möglichkeit für eine Reise von A nach F. Deshalb war Goethe auf seinen zahlreichen Reisen oft auch zu Fuss unterwegs. Neben vielen Dienstreisen als Minister des Herzogtums Weimar-Eisenach reiste Goethe auch just for fun, auch wenn das Reisen damals beschwerlicher war als heute. 1779 schrieb er über seine Motivation für seine zweite Schweizer Reise (eine Bildungsreise mit Herzog Carl August von Weimar-Eisenach): „Die Schweiz liegt vor uns und wir hoffen mit Beystand des Himmels (…) unsre Geister im Erhabnen der Natur zu baden.“ (Brief von Goethe an Frau v. Stein, vgl. Goethes drei Reisen durch die Schweiz von Robert Steiger).

  • Transarctic Solo 2016: Die Route von Thomas Ulrich von Sibirien nach Kanada.

    Leistungswandern: Letztes Jahr durchquerte Thomas Ulrich solo die Arktis von Sibirien via Nordpol nach Kanada. Im seinem Video über Transarctic Solo heisst es: „Der Beweis, dass eine Leistung möglich ist, die bisher als unmöglich galt.“ Im Juli dieses Jahr durchquerte Thomas Ulrich die Schweiz auf der Direttissima von West nach Ost: Auf dieser 330 Kilometer Luftlinie langen Geraden (Kilometer 1160) erlaubte sich Ulrich eine Abweichung von maximal 500 Metern nach links oder rechts und bewältigte real eine Strecke von fast 440 km und Höhenunterschiede von 45’000 Metern. Allerdings ist er nicht der erste, der diese Parforceleistung vollbracht hat, er wiederholte die Direttissima von 1983, die eine Bergsteigergruppe unter der Leitung von Markus Liechti damals als Erste absolvierte. Leistungswandern ist nicht neu: Legendär ist das Rennen zum Südpol, das 1911/12 zwischen Amundsen und Scott stattfand und für Scott und sein Team tödlich endete.

  • Politisches Weitwandern: Am 15. Juni 2017 startete der vom Chef der türkischen Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, initiierte „Marsch für Gerechtigkeit“ von Ankara ins über 400 Kilometer entfernte Istanbul. Anfangs belächelt, schlossen sich dem gegen die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan gerichteten Protestmarsch immer mehr Menschen an. Nach 350 km waren es 10’000, zur Schlusskundgebung in Istanbul kamen Hundertausende.

    Politwandern hat Tradition: Protestmärsche gehören schon seit langem zu den Mittel des politischen Widerstands. Zu den bekanntesten gehört wohl der Marsch auf Washington, eine politische Demonstration am 28. August 1963 im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Martin Luther King hielt auf der Veranstaltung seine berühmt gewordene Rede „I have a dream“. Wie bei den meisten Protestmärschen handelte es sich dabei um eine eintägige Veranstaltung. Den Charakter einer Weitwanderung hat hingegen der Gerechtigkeitsmarsch gegen Erdogan, der von Ankara nach Istanbul führte und am 9. Juli 2017 mit einer Grossdemonstration endete.

  • WhatsAlp 2017 und auch TransALPedes 1992 sind keine Protestmärsche, gehören aber eindeutig in die Kategorie Politwandern. Beide Projekte verfolgen alpenpolitische Ziele. Während TransALPedes versuchte, verschiedene alpenpolitische Proteste und Aktionsgruppen zu vernetzen, ist WhatsAlp eher ein alpenpolitisches Forschungsprojekt, das die Veränderungen in den letzten 25 Jahren feststellen möchte und auf der Suche ist nach Initiativen und Entwicklungen, die für die Alpenregion und ihre Bevölkerung nachhaltig positiv sind. Im Zeitalter des Internets ist WhatsAlp selbstverständlich auch ein Vernetzungsprojekt. Und ich freue mich, nächste Woche mitzuwandern!