Niemand gehört gerne zu den Verlierern. Deshalb helfe ich mit, die Abstimmungsniederlagen vom Wochenende umzuinterpretieren. Und ich bin da bei weitem nicht der Einzige: Bei der Diskussion über die Abstimmungsergebnisse kann leicht der Eindruck entstehen, dass die Schweiz — vom Skifahren*) einmal abgesehen — aus lauter Winner-Typen besteht. Eine Nachlese zum Abstimmungswochenende.
 

1. Waffenschutzinitiative: Opfer des eigenen Erfolgs

Siehe auch meine Einträge vom
12. Januar: Flintenweiber in der Politik
15. Januar: Bis zu den Zähnen bewaffnet
17. Januar: Mehr Waffen — mehr Sicherheit?
4. Februar: Scheinheilige Empörung
8. Februar: Wird das Knabenschiessen abgeschafft?


Die interaktive Karte zeigt die Abstimmungsresultate der Waffenschutzinitiative

Die urbane Schweiz hat die Initiative angenommen (die Städte sind als grüne oder helle Flecken auszumachen), wurde aber leider von der suburbanen und ländlichen Schweiz überstimmt. In dunklem Violett sticht das Entlebuch mit den gesamtschweizerisch am wenigsten Ja-Stimmen hervor: Die brauchen ihre Gewehre noch, um den Wolf abzuschiessen. Auf die stärkste Ablehnung im Kanton Luzern stiess die Initiative mit 90.4% Nein in Romoos, der Wohngemeinde von Nationalrat Ruedi Lustenberger, aktiver Jäger und Empörungskünstler.

Es war abzusehen, dass die Abstimmung über die Waffenschutzinitiative nicht in meinem Sinn ausgeht, aber viele Anliegen der Initiative sind bereits umgesetzt und Bundesrätin Sommaruga will das Waffenrecht noch weiter verschärfen — also gehörte ich schon vor der Abstimmung zu den Gewinnern.

Und bezüglich Stadt-Land-Graben gab es im Kanton Zürich ein Novum:
Die Stadt hat den konservativen Rest des Kantons überstimmt.
 

2. Getreide-Monster in Zürich: Noch nicht das letzte Wort

Siehe auch mein Eintrag vom
22. Januar: Polit-Rap gegen Giganto-Silo


Quelle: www.tagesanzeiger.ch

Auch Richi Wolff gehört mit seinem Kampf gegen das Giganto-Silo (über das ich in Luzern leider nicht abstimmen konnte) zu den Gewinnern: In der Stadtregierung war noch niemand dagegen, im Stadtzürcher Parlament waren 104 dafür und 10 dagegen und jetzt waren es immerhin 41.7% der Bevölkerung und das betroffene Quartier, die das monströse Silo ablehnten — ein Erfolg angesichts der wenigen Aktivisten, die sich dagegen engagierten. Eine verlorene Schlacht ist noch kein verlorener Krieg: Für das gigantomanische Bauprojekt fehlen noch zwei Ausnahmebewilligungen und die unmittelbar Betroffenen können immer noch gegen die Baubewilligung rekurrieren. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass in Zürich ein solches Monster noch vor der Ziellinie gestoppt würde.
 

3. AKWs: Die 51% Ja von gestern sind die 51% Nein von morgen

Tagesschau vom 13.02.2011

Auch über die Zukunft des AKW Mühleberg durfte ich in Luzern nicht abstimmen, aber auch in dieser Konsultativabstimmung gehören alle zu den Siegern — insbesondere die Atomgegner, die vor 9 Jahren mit der Stilllegung von Mühleberg noch eine heftige Niederlage erlitten: In zwei, drei Jahren werden aus den 51% Ja 51% Nein und wir stoppen diese Energieproduktion, deren gefährlicher Müll noch Jahrtausende weiterstrahlt…
 

*) Übrigens: Auch an der Ski-WM gehören wir SchweizerInnen zu den GewinnerInnen — zumindest im Medaillenspiegel der Ledermedaillen führt die Schweiz mit grossem Vorsprung vor allen anderen Nationen…

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