Sozusagen als Vorbereitung für die Ferien im Tessin mache ich einen Ausflug ins Schweizerische Zollmuseum in Cantine di Gandria. Eingeladen zu diesem Schulreisli haben Franz Ebner und Dominik Siegrist, die Herausgeber von Schmuggellandschaften, einem Lesewanderbuch, das kürzlich im Rotpunktverlag erschienen ist. Die Idee zu diesem wunderbar schlauen Wanderbuch zur Sozialgeschichte des Schmuggels an der Schweizer Südgrenze ist im Zollmuseum entstanden.
Schmuggellandschaften

Schmuggellandschaften 2026 im Rotpunktverlag erschienen
Dieses Jahr machen wir wieder einmal Ferien im Tessin (vgl. auch Tessin 2012, Reise in die Südschweiz 2013 und Tessin 2015 ff.). «Schmuggellandschaften» ist diesmal auch im Gepäck, in der Hoffnung, die eine oder andere Wanderung auf Schmuggelpfaden machen zu können.
«Diese doppelte Lesbarkeit – als historisches Lesebuch und als praktischer Wanderbegleiter – macht den besonderen Reiz des Buches aus.»
Walliser Bote
Ob das Buch sich als praktischer Wanderbegeleiter eignet, daran habe ich meine Zweifel, denn es ist recht schwer. Zweifelsohne spannend sind aber Spalloni, Guardie und Profit, Adriano Bazzocos historische Einführung in den klassischen Schmuggel an der schweizerisch-italienischen Südgrenze, Donne contrabandiere, Edita Truningers Annäherung an das Schuggelphänomen aus der Perspektive der Frauen, «An der Grenze erlebte ich die Brennpunkte der Geschichte», ein Gespräch der beiden Herausgeber mit dem ehemaligen Tessiner Grenzwachtkommandanten Fiorenzo Rosinelli, Hoffnung, Rettung oder Verderben, ein Text von Raphael Rues darüber, dass Schmuggelpfade oft auch als Fluchtrouten genutzt wurden. Interessant sind auch die jeweiligen Einleitungen zu den 11 Kapiteln, die von Ost nach West 11 Schmuggellandschaften — 4 in Graubünden, 3 im Tessin und 4 im Wallis — kurz vorstellen und charakterisieren sowie einen inhaltlichen Schwerpunkt setzen. Beigetragen haben 11 Autoren und 2 Autorinnen aus den verschiedensten beruflichen Umfeldern.
Der Tessiner Historiker und Mitautor Adriano Bazzoco, der fürs Schweizerische Zollmuseum Ausstellungen konzipiert, nimmt die Sendung Schweiz aktuell vom 9.7.2026 mit auf eine Schmuggelwanderung von Scudellate (zuhinterst im Valle di Muggio) ins 1.5 km entfernte Erbonne (ebenfalls im Valle di Muggio, gehört aber schon zur italienischen Provinz Como) und erklärt, wie der Schmuggel vom Tessin über die grüne Grenze nach Italien bis Anfang der 1970er-Jahre funktionierte. Zugleich verweist der fünfminütige Beitrag auf das Buch «Schmuggellandschaften», das die vielen Geschichten wieder aufleben lässt:
Die Geschichten der Tessiner Schmuggler «Spalloni» in «Schweiz aktuell» vom 9.7.2026
Grenzwege zwischen Überleben und Tod heisst das Kapitel über unsere Ferienregion, das Locarnese und das Valle Vigezzo. Der Tessiner Historiker Raphael Rues schreibt vom Reisschmuggel, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs für die verarmten Bergbauern oft die einzige Alternative zum Hungerelend war (ausnahmsweise verlief der Schmuggel von Italien in die Schweiz). Zur selben Zeit wurden Schmuggelpfade zu rettenden Fluchtrouten für Flüchtlinge — manche wurden aber auch von Schweizern ausgeraubt und denunziert. Damals war diese Gegend auch Partisanenland, v.a. auf der italienischen Seite: Im Val d’Ossola existierte während 40 Tagen (vom 10. September bis 19. Oktober 1944) die von Partisanen gegründete Partisanenrepublik Ossola mit Domodossola als «Hauptstadt». Interessanterweise kam am Tag nach unserem Ausflug ins Zollmuseum im Radio ein Tagesgespräch mit Historiker und Mitautor Raphael Rues — sozusagen das Tagesgespräch zu unseren Ferien.
Wanderung zu den Cantine di Gandria
Während wir mit dem Schulreisli am 10. Juni mit dem 100% elektrisch betriebenen Schiff «Ceresio» bis nach Cantine di Gandria fuhren, steigen wir in den Ferien, zwei Wochen später, schon in San Rocco (Lago) aus und wandern mit einer Freundin, die uns begleitet, dem Lago di Lugano entlang nach Cantine di Gandria (gemäss Swisstopo sind es 4 km und 170 Höhenmeter rauf und runter, reine Wanderzeit: 1 h 23 min) — ein schöner Weg im Wald mit viel Auf und Ab. Hin und wieder eröffnen sich tolle Ausblicke aufs gegenüberliegende Ufer:
- Während es am 10. Juni auf dem Lago di Lugano recht stürmisch war…
- …präsentierte sich der San Salvatore am 24. Juni unter strahlend blauem Himmel.
- Immer wieder schöne Ausblicke aufs gegenüber liegende Ufer: die Stadt Lugano.
- Blick von Cantine di Caprino auf Luganos Hausberg Nr. 1, den San Salvatore, …
- …auf die Stadt Lugano sowie auf den Hausberg Nr. 2, den Monte Brè.
- Kunst im ehemaligen Steinbruchgelände der Cava Ronchetti
- Hier ist der Weg abgerutscht, aber sonst gut unterhalten und stellenweise mit Seilen gesichert.
- Blick von Cantine di Gandria, den Kellern von Gandria, über den See nach Gandria
- Rückfahrt nach Lugano — im Hintergrund das Grotto «Descanso»
Der Weg ist gut gemacht und an heiklen Stellen mit Seilen gesichert. Bei schlechtem Wetter sollte man aber diesen Weg nicht begehen, denn in diesem steilen Gelände kommt dann einiges den Hang herunter. Unterwegs gibt’s vier Grotti zum Einkehren: das «San Rocco» gleich zu Beginn, das «Grotto dei Pescatori» nach einem Drittel des Wegs sowie das «Teresa» in Cantine di Gandria. Im «Grotto Descanso», 200 Meter vor dem Zollmuseum, setzen wir uns an einen schönen schattigen Tisch und geniessen das Mittagessen.
Das Zollmuseum
Das Schweizerische Zollmuseum in Cantine di Gandria ist während der Sommersaison vom April bis Mitte Oktober, von Dienstag bis Sonntag, von 12 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Das Museo delle dogane ist nur zu Fuss oder bequem per Schiff zu erreichen. Das 1904 erbaute Gebäude diente zuerst als Grenzposten. Seit 1949 ist es ein Museum.
Früher vor allem als «Schmuggelmuseum» bekannt, vermittelt das Zollmuseum heute in der Dauerausstellung Informationen zur Geschichte und Gegenwart von Zoll und Grenzschutz. Wechselnde Sonderausstellungen thematisieren einzelne Aspekte der Grenze, wie Schmuggel, Flüchtlinge und Migration oder den Artenschutz — die Schweiz ist Mitbegründerin des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES), das mittlerweile von 180 Ländern unterzeichnet wurde. Neuerdings hat das Zollmuseum auch einen Kinosaal.
Wer derzeit das Zollmuseum besucht, bekommt folgendes zu sehen:
- Das Zollmuseum mit historischen Grenzsteinen, Wachhäuschen, Schlagbäumen…
- … kuriosen Schmuggelbooten, wie dieses nachgebaute «U-Boot» mit Tretantrieb (für 450 kg Ware)…
- … oder dieses flache Boot mit Batterieantrieb zur Lärmvermeidung.
- «Eine Geschichte von Armut und Verfolgung» — eine Ausstellung zum Schmuggel, der …
- … auf Schweizer Seite ein legales Business war und das Überleben sicherte, während Italien …
- … mit grossem Aufwand versuchte, den Schmuggel von Tabak und Kaffee zu unterbinden.
- Die Grenze bedeutete im 2. Weltkrieg für viele die Rettung vor dem sicheren Tod.
- «Migration», die Fotoausstellung von Darrin Zammit Lupi, dokumentiert eindrücklich …
- … die weltweite Migration als Folge von Krieg, Verfolgung und Armut.
- «Artenschutz geht uns alle an» heisst eine weitere Sonderausstellung, …
- … die zur Bekämpfung des illegalen Handels von geschützten Arten beitragen will.
- Illegal ist auch der Import von gefäschten Markenuhren und anderen Markenartikeln.
- Die Dauerausstellung 1935 Kilometer Grenze im Museum, die einerseits historisch auf alte Zeiten an der Schweizer Grenze zurückblickt und sich andererseits mit den heutigen Herausforderungen an der Schweizer Grenze auseinandersetzt, die sich v.a. in den Bereichen Wirtschaft, Sicherheit und Gesundheit stellen.
- Die neu inszenierte Ausstellung Artenschutz geht uns alle an beleuchtet die Bedeutung des CITES-Abkommens und die Rolle des Zolls im Artenschutz. Etwas gruselig ist das «Kabinett des Grauens», das mit beschlagnahmten Waren bestückt ist: ein Raum voller exotischer und ungewöhnlicher Objekte von einem Eisbärenfell mitsamt Kopf über Elfenbeinschnitzereien, Tierschädel aller Arten und Grössen bis zu ausgestopften Schlangen und Orchideensuppen.
- Die Sonderausstellung Eine Geschichte von Armut und Verfolgung, die sich um Schmuggler und Flüchtlinge zwischen Italien und der Schweiz im Zweiten Weltkrieg dreht. Der Zollposten Caprino (so hiess der Grenzübergang bei Cantine di Gandria früher) ist übrigens der einzige Grenzposten, von dem das Verzeichnis der Grenzübertritte im Zweiten Weltkrieg erhalten geblieben ist.
- Und last but not least: In Migration – eine Fotoausstellung von Darrin Zammit Lupi zum 30-Jahr-Jubiläum der Internationalen Organisation für Migration IOM Schweiz präsentiert das Zollmuseum eindrückliche Fotos zum Thema Migration.
Fazit
Ein toller Ausflug zu einem informativen Museum an der schweizerisch-italienischen Grenze — einmal mit, einmal ohne Wanderung — und ein schönes Buch Schmuggellandschaften, das kürzlich im Rotpunktverlag erschienen ist und das ich auch Nicht-Wander:innen ans Herz legen möchte.
Im Tagesgespräch von Radio DRS am 11.6.2026 spricht Iwan Santoro mit Raphael Rues über die Hintergründe seines Buches «Kampfzone Ossola» und die Rehabilitierung der Tessiner:innen, die damals verbotenerweise die Partisanen unterstützten (24:48 min).






















13. Juli 2026 um 18:52 Uhr
Oh – ein Traum-Ort! – So zirka mit 8, 9 Jahren wollte ich Grenzwächter werden, interessierte mich brennend für die Schmuggler (vermutlich wollte ich lieber Schmuggler werden, aber ich war halt ein braver Schweizer Bub) – und meine Eltern, die mit uns immer ins Tessin in die Ferien fuhren, schenkten mir zum Geburtstag einen Ausflug ins Zollmuseum in Gandria! – Später, auf einer unserer Tessiner Wanderungen, trafen wir – tatsächlich auf eine Gruppe Zigaretten-Schmuggler, bei ihrem Stundenhalt. Die Famlie Belser lächelte nett und zog vorbei, die Schmuggler lächelten zurück, mein Blick fiel noch kurz auf eines dieser typischen halbmondförmigen Schmuggler-Messer – und, uff, vorbei waren wir. Und das gab dann natürlich einen saftigen Ferien-Bericht-Aufsatz, als die Schule wieder anfing: „Schmuggler am Poncione d‘ Arzo“!
14. Juli 2026 um 8:50 Uhr
Grossartig! Vielen Dank, lieber Lorenz, für Deine Kindheitserinnerungen. Ja, heute wird ganz anders geschmuggelt und vor allem ganz andere Ware als Tabak und Kaffee…