In diesem Beitrag geht es um ein unvollendetes Kanalprojekt aus dem 17. Jahrhundert, den Canal d’Entreroches — die Spurensuche nach Überresten dieses historischen Verkehrswegs, der den Rhein und die Rhone hätten verbinden sollen, stand weit oben auf meiner Wunschliste für unsere Tour de Romandie.
Auf den Canal d’Entreroches bin ich gestossen dank eines Geburtstagsgeschenks, einer vom Schweizer Heimatschutz herausgegebenen Box Heimatschutz unterwegs — Historische Pfade mit 35 Wanderungen zu historischen Verkehrswegen. In seinem Wanderbeschrieb schreibt der Heimatschutz:
«Eine schiffbare Wasserstrasse zwischen dem Mittelmeer und der Nordsee: Ein Traum, der im 17. Jahrhundert beinahe Realität geworden wäre. Die Wanderung führt entlang der Spuren dieses schliesslich nicht zu Ende gebrachten Bauvorhabens.»
2021 war ich mit der klimapolitischen Weitwanderung Klimaspuren ganz in der Nähe, konnte damals aber den unvollendeten Kanal nicht besichtigen, weil für uns der Kalksteinabbau am Mormont für die Zementproduktion von Holcim als Thema im Vordergrund stand. Dennoch konnte ich es nicht lassen, in meinem Wanderbericht über diese Klimaspuren-Etappe Klimaspuren #38: Hütet Euch am Mormont! über den Canal d’Entreroches zu schreiben. Was ich 2021 nicht machen konnte, holten wir jetzt nach: Die Suche nach den Überresten einer verkehrshistorisch interessanten Geschichte.
Canal d’Entreroches
Die Geschichte des unvollendeten Kanals begann im Dreissigjährigen Krieg (1618-1648), als die reformierten Niederlande nach einem sicheren Handelsweg suchten zur Umschiffung des katholischen Erzfeindes Spanien. Sie finanzierten deshalb den Bau eines Kanals, der von Yverdon durch die Orbeebene und den Mormont über das Flüsschen Venoge bis zum Lac Léman geführt hätte. Von 1638 bis 1648 wurde der Kanal zwischen Yverdon und Cossonay fertiggestellt. Nach zehn Jahren Bauzeit fehlten noch 59 Höhenmeter und 12 Kilometer bis zur Mündung der Venoge in den Genferseee. Da die Venoge ein beträchtliches Gefälle aufweist, hätten 40 Schleusen gebaut werden müssen. Mit dem Ende des Dreissigjährigen Kriegs schwand das Interesse an der Vollendung des Kanals und angesichts der technischen Schwierigkeiten und der finanziellen Unwägbarkeiten gaben die niederländischen Geldgeber das Projekt auf.
Wegen niedrigen Wasserständen im Sommer konnte der Canal d’Entreroches nur im Herbst und Winter genutzt werden. Die Kanalverbindung zwischen Cossonay, Nidau und Solothurn erhielt deshalb nie überregionale Bedeutung. 85% der transportierten Güter waren Weinfässer, die aus der Waadt nach Solothurn verschifft wurden. Der Betrieb des Kanals war nie besonders rentabel, weil die Hauptaktionäre gleichzeitig die Hauptnutzer waren, die an tiefen Transportkosten interessiert waren. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts rentierte der Betrieb des Kanals nicht mehr. Die Betreiber mussten 1797 Konkurs anmelden. Nach dem Einsturz einer über den Kanal führenden Brücke wurde 1829 der Verkehr vollständig eingestellt. Immerhin existierte der Canal d’Entreroches als schiffbare Wasserstrasse rund 180 Jahre lang.
1834 ging mit der Eröffnung des Rhein-Rhône-Kanals der Traum einer schiffbaren Verbindung zwischen Nordsee und Mittelmeer schliesslich doch noch in Erfüllung — sie besteht heute noch. Auch in der Schweiz wurde weitergeträumt: Während den Weltkriegen wurde über den Bau des Canal transhélvétique nachgedacht und 1948 gab der Bundesrat eine umfassende Studie zu einer Rhein-Rhône-Verbindung für 1’500-Tonnen-Lastkähne in Auftrag. Doch schon 1952 entschied sich das Parlament, stattdessen ein Autobahnnetz zu bauen. Dennoch wurde gemäss Wikipedia in den Richtplänen bis 2006 ein Perimeter für einen 24 Meter breiten Kanal freigehalten. Auch wurde die Autobahn A1, welche die Zihl überquert, genügend hoch gebaut.
Die Spurensuche
Schon am zweiten Tag unserer Tour de Romandie machten wir uns also auf nach Bavois mit dem Plan, zuerst den Canal d’Entreroches zu erkunden, dann auf den Mormont zu steigen und den gigantischen Kalksteinbruch zu besichtigen, nach La Sarraz zu wandern und von da schliesslich wieder zurück nach Yverdon zu fahren.
Der Wandervorschlag von «Heimatschutz unterwegs» (lässt sich vergrössern, verkleinern und verschieben): Wir sind allerdings nicht von A nach B gewandert, sondern mit erheblichen Abweichungen von B nach A, denn wir wollten am Schluss auch noch La Sarraz anschauen.
Bilder von unserer Expedition in die Vergangenheit des Canal d’Entreroches:
- In Bavois führt die Jurasüdfusslinie schnurgerade auf den Mormont zu.
- Blick nach Norden über die torfhaltigen Böden der Ebene von Orbe Richtung Jura
- Ob sich neben dem Hafenhaus von 1640 mal ein Hafenbecken mit Lastkähnen befand?
- Das Hafenwärterhaus von Entreroches war damals auch eine beliebte Gaststätte.
- Dieses ehemalige Reservoir ist jetzt ein Minimuseum zum Canal d’Entreroches.
- Die Ausstellung im Reservoir ist informativ und zeigt, dass der Kanaltraum weiterlebte.
- Hier kreuzen sich die SBB-Linie Yverdon – Lausanne/Genf und der ehemalige Kanal.
- Die Überresten des Canal d’Entreroches sind vom vielen Grün überwuchert.
- Dass hier einst voll beladene Lastkähne mit durchfuhren, ist heute kaum noch vorstellbar.
- Ab 1829 war der Kanal nicht mehr schiffbar, 1855 machte die Bahn die Fährleute arbeitslos.
- Bilder von Klimaspuren 2021: Vorne die Venoge, hinten die Zementfabrik von Holcim.
- Im 17. Jh. war die Venoge hier schiffbar, weiter unten hätte man 40 Schleusen bauen müssen.
Eine tolle Entdeckung war das Minimuseum im Reservoir von Entreroches (auf Anfrage organisiert Pierre-André Vuitel von richesses-patrimoniales.ch eine zweistündige Führung)*): Es präsentiert nicht nur die Geschichte des Canal d’Entreroches, der übrigens 1955 als historisches Monument klassifiziert wurde, sondern auch den Torfstich in der Ebene von Orbe (mehr dazu im Beitrag Das Torfausstiegskonzept).
Chargé pour Soleure
Als ehemaliger Kulturveranstalter im Kreuz Solothurn kannte ich natürlich die Geschichte von den Schiffern, die auf ihren Kähnen Wein aus der Romandie nach Solothurn transportierten und bei ihrer Ankunft in Solothurn nicht mehr ganz nüchtern waren, weil ihr Lohn in Form von Wein ausbezahlt wurde und/oder sie unterwegs der Versuchung erlagen, die Ladung selber zu trinken. Bei der Zollstation in Nidau am Bielersee riefen sie den Zöllnern im Vorbeifahren zu: «On a chargé pour Soleure!», was in der französischsprachigen Schweiz bald einmal bedeutete, dass jemand über den Durst getrunken hat oder gar besoffen ist. Was ich nicht wusste, dass der transportierte Wein auch aus der Genferseeregion stammte und über den Canal d’Entreroches nach Solothurn verschifft wurde. Wie der Ausdruck chargé pour Soleure genau entstanden ist, weiss Sprachforscher Christian Schmid:
In einem zweiminütigen, schweizerdeutschen Beitrag in der SRF-Sendung «Heimspiel» erklärt Christian Schmid die Herkunft von «Il a chargé pour Soleure» (als Auflösung einer Quizfrage).
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*) Auf der Homepage von Richesses Patrimoniales gibt es 15 kurze Videos, die Sehenswürdigkeiten aus der Ebene von Orbe und Umgebung präsentieren, die alle einen Besuch wert wären. Das heisst: Hier in der Gegend könnte man locker zwei Wochen interessante Ferien machen.














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