Muss Kunst mehrheitsfähig sein? Über nichts regen sich die Leute mehr auf als über Kunst im öffentlichen Raum. Vor allem, wenn sie auch noch im Weg steht. Seit die Stadt bekannt gegeben hat, welches Kunstwerk die Vorzone der Messe und des Fussballstadions schmücken wird, ereifern sich die Internetkommentatoren über den „Stein des Anstosses“.

Im öffentlich ausgeschriebenen Ideenwettbewerb hat dieser Vorschlag von Felix Kuhn das Rennen gemacht. Von den 12 anonym eingereichten Arbeiten hat der „Klotz“, ein Würfel aus Beton, Metall und Glas mit einer Kantenlänge von 6 Metern, 500 Tonnen schwer und 140’000 Franken teuer, die neunköpfige Jury als „künstlerische Intervention“ mit ihrem „mutigen subtil-subversiven Ansatz“ am meisten überzeugt. Das Werk thematisiert den Wert von Kunst im öffentlichen Raum: Das Volumen des Würfels (216 Kubikmeter) steht im gleichen Verhältnis zum Total des auf der Allmend verbauten Materials (400’000 Kubikmeter) wie die Kosten für den „Klotz“ zu den 250 Millionen Franken, die für die neuen Bauten auf der Luzerner Allmend aufgewendet werden: 0.00056 zu 1. Auch die Zusammensetzung des Würfels entspricht den für die Neubauten verwendeten Materialien.

Während die Kulturszene positiv auf den Juryentscheid reagierte, sind die meisten Kommentare auf dem Internet negativ: Von „Sowas klotzt mich einfach an…“ über „Absolut hässlich und schade um jeden einzelnen Franken“ bis „140’000 Fr. teures Urinal“ urteilt die Internetgemeinde. Die Direktbetroffenen, der FC Luzern und die Messe Luzern AG, waren in der Jury nicht vertreten — „aus Angst vor zu grossen Interessenkonflikten“. Zu Recht, wie die Reaktion der Messe Luzern AG zeigt: „Dieser Klotz ist ein Affront und eine riesige Enttäuschung“, wettert ihr Geschäftsführer Markus Lauber. „Wir werden uns auf jeden Fall dagegen wehren.“ Kaum zu glauben, dass sich die Messe, die von den Investitionen der öffentlichen Hand stark profitiert (neue S-Bahn-Station unmittelbar vor dem Eingang), sich gegen die öffentliche Kunst in ihrem Umfeld zur Wehr setzt. Offenbar ist alles, was sich nicht unmittelbar rentabilisieren lässt, vor allem „Kunst, die da kratzt, wo es erst morgen beisst“ (Felix Kuhn), ein Affront, den es zu bekämpfen gilt.

Der „Stein des Anstosses“ auf der Allmend thematisiert nicht nur den Wert der Kunst im öffentlichen Raum — er hat es jetzt schon geschafft, eine öffentliche Diskussion darüber in Gang zu bringen. Diese Geschichte wirft aber auch noch weitere Fragen auf:

  • Wer soll über Kunst im öffentlichen Raum entscheiden?
  • Müssen Direktbetroffene einbezogen werden?
  • Kann Kunst Resultat eines demokratischen Prozesses sein?
  • Braucht es für einen 6x6x6-Meter-Kunst-Klotz eine Baubewilligung?
  • Darf Kunst dem (Messe-)Kommerz im Weg sein?

Ich behaupte: Sie darf nicht, sie muss! Wenn Kunst nur Dekoration ist, verkommt sie zur „Kreiselkunst“ und löst rein gar nichts mehr aus.

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