Letzten Sonntag jährte sich das Grounding der Swissair zum zehnten Mal. Die Medien beschäftigten sich noch einmal eingehend mit der grössten Firmenpleite der Schweiz und mit der Frage, ob das Ende der einst so stolzen Swissair zu verhindern gewesen wäre — eine Frage, die mich als Sohn eines Swissairlers, der vierzig Jahre für diese Firma gearbeitet hat, nicht kalt lässt.

Aus aktuellem Anlass zeigte das Schweizer Fernsehen noch einmal den Doku-Thriller Grounding – die letzten Tage der Swissair von Michael Steiner, der im Januar 2006 in die Kinos kam:


Auch im Trailer von „Grounding — die letzten Tage der Swissair“ sind die aufwühlenden Bilder nochmals zu sehen, die vor zehn Jahren um die Welt gingen: eine ganze Flotte am Boden, Massen gestrandeter Fluggäste, wütende Passagiere, die ihre wertlos gewordenen Tickets zerreissen, protestierende Piloten…

Das Grounding des nationalen Symbols kam nicht aus heiterem Himmel, dennoch war es unerwartet: Am 2. Oktober 2001 musste die Schweiz ungläubig zur Kenntnis nehmen, dass die „fliegende Bank“ wegen Zahlungsunfähigkeit ihren Flugbetrieb einstellen musste. Was für ein Imageschaden für die reiche Schweiz!

Doch was und wer war schuld an diesem Debakel, bei dem 22 Milliarden Franken vernichtet wurden?

  • Die fehlende Integration der Schweiz in den EWR: Der EWR-Beitritt, der 1992 vom Schweizer Stimmvolk abgelehnt wurde, hätte die Benachteiligung der Swissair im EU-Raum beendet.
  • Das Scheitern des Fusionsprojekts Alcazar: Der 1993 an nationalen Widerständen gescheiterte Verbund hätte Swissair, AUA, SAS und KLM für US-Partner-Airlines attraktiv gemacht.
  • Das Fehlen von Allianzen, die am liberalisierten Himmel immer wichtiger wurden: Die Swissair wollte weder bei SkyTeam (Air France, Delta) noch bei der Star Alliance (Lufthansa, United) mitmachen und gründete stattdessen 1998 die Qualiflyer Group.
  • Die Hunter-Strategie von CEO Philippe Bruggisser: Um die Nachteile des Alleingangs wett zu machen, beteiligte sich die SAirGroup an zahlreichen maroden Airlines (Sabena, LTU etc.) und geriet deshalb im Sommer 2000 in finanzielle Schieflage.
  • Die Untätigkeit des Verwaltungsrats: Viel zu lange unterstützten die Verwaltungsräte die riskante Hunter-Strategie und hatten das unübersichtliche Geflecht von 260 Einzelfirmen nicht im Griff.
  • Die Feigheit des Verwaltungsrats: Als es brenzlig wurde, trat der Schönwetter-Verwaltungsrat im März 2001 geschlossen zurück. Einzig Mario Corti, damals Finanzchef von Nestlé, blieb und versuchte, die SAirGroup zu rekapitalisieren.
  • Die mangelnde Unterstützung der Banken: Am 10.9.2011 liess die UBS die Swissair fallen und kündigte ihr den Cash-Pool der 260 Firmen per Ende Oktober. Und die CS verfolgte zusammen mit der Crossair eigene Pläne. Ospel, Mühlemann & Co. ging es nicht um die Rettung der Swissair, sondern um Macht und Prestige.
  • 9/11: Nach den Attentaten blieb der US-Luftraum tagelang gesperrt, die Passagierzahlen brachen weltweit ein und die Aktienkurse der Fluglinien sanken um 20 bis 30 Prozent, was der angeschlagenen Swissair den Rest gab.
  • Die dubiose Rolle von Moritz Suter: Mit immer neuen Plänen versuchte der Crossair-Gründer sein Lebenswerk zu erhalten und sabotierte die Rettung der Swissair. Die erste Airline, die am Tag des Groundings das Code-Sharing aufkündigte, war ausgerechnet die Crossair.
  • Schliesslich die mangelnde Hilfsbereitschaft der Bundes: Hätte der Bund den Notkredit von 450 Millionen Franken, mit dem am 5.10. der Flugbetrieb wieder aufgenommen wurde, ein paar Tage früher gewährt, hätte das Grounding vermieden werden können.

Fazit: Mit etwas gutem Willen hätten die Banken und der Bund das fatale Grounding verhindern, den Imageschaden der gesamten Schweiz vermeiden und das nationale Symbol retten können.

Bitter stellt Mario Corti fest: „Im Fall der Swissair, wo es keine kriminellen Aktivitäten gab, tat man nichts, um das Ganze zu retten — und alles, um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Im Fall UBS, wo es in den USA wirklich kriminelle Aktivitäten gab, tat man alles, um das Ganze zu retten, und nichts, um in der Schweiz die Verantwortlichkeiten gerichtlich zu klären.“ (TA vom 1.10.2011)

Heute ist Mario Corti Fluglehrer in den USA und die Swiss als Nachfolgerin der Swissair die erfolgreichste Tochter-Airline der Lufthansa und Mitglied der Star-Alliance. Die Swiss hat heute mehr Flugzeuge und transportiert mehr Passagiere als die Swissair in ihren besten Zeiten.

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