Während in der Schweiz derzeit der Ausstieg vom Atomausstieg diskutiert wird (vgl. Albert Rösti elektrisiert die Atomdebatte, ist der Ausstieg aus dem Torf eine beschlossene Sache und zum Glück unbestritten. Doch warum werden Moore, Moorlandschaften und der Torfstich auch auf unserer Tour de Romandie zu einem Thema?

Beim ehemaligen Hafenwärterhaus stossen wir auf zwei Informationstafeln der Organisation Richesses Patrimoniales. Die erste thematisiert die «schwarze Erde» aus den Torfmooren der Ebene von Orbe, die zweite die Trockenlegung und landwirtschaftliche Entwicklung der Orbe-Ebene (zum Vergrössern auf die Bilder klicken!).

Die «Kohle» des Ersten Weltkriegs

Die «schwarze Erde» aus den Torfmooren der Ebene von Orbe (Richesses Patrimoniales)

Die erste Tafel erklärt die Entstehung der Torfmoore und thematisiert die industrielle Nutzung des Torfs während des Ersten Weltkriegs und den Jahren danach — damals war es nicht möglich, Kohle zu importieren, deshalb wurde Torf industriell abgebaut und in grossen Mengen zum Heizen genutzt. Aufgefallen ist mir die gelbstichige Karte (unten Mitte): Sie zeigt die damalige Seilbahn von Entreroches zur Bahnstation Éclépens, die in Kippmulden die gepressten Torfblöcke über den ehemaligen Kanal hinweg zur Ziegelei neben dem Bahnhof transportierte, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Ziegel brannte. Auch andere Westschweizer Unternehmen hatten während des Kriegs Schwierigkeiten, ihren Energiebedarf zu decken: das Genfer Infrastrukturunternehmen Services Industriels de Genève (SIG), das Kabelwerk Cossonay und die Glashütte Saint-Prex kauften deshalb ganze Torfmoore…


«Les terres noires des tourbières de la plaine de l’Orbe» über den industriellen Torfabbau, v.a. von 1917 bis 1921 (Video von Richesses Patrimoniales auf Youtube, 1:58, französisch)

Trockenlegung für die Landwirtschaft

Die Entwässerung und landwirtschaftliche Entwicklung der Ebene von Orbe (Richesses Patrimoniales)

Um die grossen Seen des Mittellands (Lac de Neuchâtel, Murten- und Bielersee) und entlang der Flüsse gab es früher grosse Sumpfgebiete und Moorlandschaften. Grund dafür war die Aare, die mit ihrem Geschiebe viele Überschwemmungen verursachte und für die Versumpfung ganzer Landstriche sorgte, was zunehmend zu einem Problem wurde: Die Fläche, die v.a. im Süden der drei Seen nicht mehr genutzt werden konnte, verdoppelte sich vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Erhebliche Verbesserungen brachte die erste Juragewässerkorrektion von 1868 bis 1891: Mit der Umleitung der Aare via Hagneckkanal und Nidau-Büren-Kanal durch den Bielersee lagert die Aare seither ihr Geschiebe im Bielersee ab, andererseits ermöglichte der Bau des Nidau-Büren-Kanals die Absenkung und Regulierung der Seespiegel der drei Jurasüdfussseen. Dadurch konnten die versumpften Gebiete — das Seeland zwischen den drei Seen, die Orbeebene sowie das Flussgebiet zwischen Aarberg und Solothurn — entwässert und landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Heute sind genau diese torfhaltigen Böden unglaublich fruchtbare Ackerflächen, die den Gemüsegarten der Schweiz bilden. Mit der Zeit erwies sich die erste Juragewässerkorrektion als unzureichend. Deshalb erfolgten 1939 und 1962 bis 1973 zusätzliche Massnahmen (zweite Juragewässerkorrektion).

Moore als CO₂-Speicher

Der Étang de la Gruère ist ursprünglich ein gestauter Moorsee. Heute steht das Idyll in den Freibergen unter Naturschutz.

Allerdings ist der Abbau von Torf und die Trockenlegung von Moorböden problematisch fürs Klima, was mir angesichts der beiden Informationstafeln wieder bewusst wurde, denn ich erinnerte mich an zwei Episoden vom Sommer 2021, einerseits an die Geschichte des Étang de la Gruère, dessen Hochmoor 1942 wegen Brennstoffknappheit beinahe zerstört worden wäre — beherzte Naturschützer:innen konnten die Bagger in letzter Minute noch stoppen.

Die Schollenmühle, ein ehemalige Torffabrik, im Riet von Altstätten

Andererseits weckten die Fotos vom industriellen Torfabbau die Erinnerung an den Besuch der Schollenmühle, einer ehemaligen Torffabrik im St. Galler Rheintal. Damals fand ich den ungeplanten Lokaltermin, den wir auf Anregungung eines lokalen Klimaspuren-Mitwanderers machten, überaus interessant und lehrreich. Mein kurzes Fazit: Torfabbau ist ziemlich klimaschädlich, weil viel gespeichertes CO₂ freigesetzt wird. Feuchte Torfmoore, die intakt sind, können andererseits viel CO₂ binden und sind überdies gut für die Biodiversität. Im Klimaspuren-Buch hat Dominik Siegrist die Bedeutung der Moore als CO₂-Speicher mit Zahlen unterlegt:

«Als bedeutende CO₂-Speicher helfen Moore mit, das Klima zu schützen. Weltweit ist ein Fünftel des organische gebundenen Kohlenstoffs als Torf in Moorböden eingelagert, obwohl Moore nur drei Prozent der Landoberfläche ausmachen. Das ist doppelt so viel Kohlenstoff, wie die gesamte Biomasse der Wälder der Welt ausmacht. Entwässerte und landwirtschaftlich genutzte Moorböden sind zudem eine der grossen Quellen für Treibhausgase. Neben dem CO₂ wird das viel schädlichere Methan mit der Verwesung der Pflanzenreste frei.» (vgl. Klimaspuren, 2022, S. 61)

Der Mooratlas

Der Mooratlas 2023 der Heinrich Böll Stiftung

Ein grossartiges Fundstück in diesem Zusammenhang ist der Mooratlas 2023 der Heinrich Böll Stiftung. Der Mooratlas ist ein Kompendium, das in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume beleuchtet und die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft aufzeigt, um alle Akteur:innen zum Handeln zu ermutigen — «Moor muss nass»! Auf der Webseite der Böllstiftung lässt sich der Mooratlas als PDF (52 Seiten) herunterladen, hier sind die Daten und Fakten zu den «nassen Klimaschützern» aber auch fürs Internet aufbereitet: als kürzere Beiträge, als Youtube-Video, als 3 Podcast-Sendungen und als zahlreiche Infografiken. Sehr informativ und aufschlussreich!

«Die weltweite Entwässerung von Mooren verursacht deutlich mehr CO₂-Emissionen als der globale Flugverkehr.»
Imme Scholz, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung

Der Ausstieg aus dem Torf

Mit der Annahme der Rothenturm-Initiative am 6.12.1987 sind in der Schweiz Moore und Moorlandschaften geschützt. Gemäss Bundesverfassung dürfen in diesen Landschaften weder Anlagen gebaut noch Bodenveränderungen vorgenommen werden, was einem Torfabbauverbot in der Schweiz gleichkommt. 2014 allerdings importierte die Schweiz rund 524’000 m³ reinen Torfs, womit die negativen Auswirkungen auf die Umwelt im Ausland anfallen. Inzwischen versucht die Schweiz, mit dem 2012 verabschiedeten, zweistufigen Torfausstiegskonzept gänzlich auf die Verwendung von Torf zu verzichten. Die Reduktion soll vorrangig durch die Umsetzung von freiwilligen Massnahmen erfolgen. Noch ist der Torfausstieg nicht geschafft, aber anscheinend geht’s voran. Das Bundesamt für Umwelt ist jedenfalls zuversichtlich, es betitelt die Übersicht zum Torfausstieg mit: «Marktteilnehmer setzen gemeinsam Reduktion des Torfverbrauches um».