1987 habe ich im Tages Anzeiger Magazin einen Artikel von Bojarek Garlinski gelesen, der mich bis heute fasziniert und zum Panorama-Fan machte: „Lugaus ins Rings“ war der Titel dieser kurzen Kulturgeschichte des Panoramas.

Der Text beginnt mit einer Fahrt mit der höchstgelegenen Standseilbahn zum welthöchsten Drehrestaurant auf dem Mittelallalin über Saas Fee. Beim Aufgang von der Bergstation der Metro Alpin zum 1985 eröffneten Drehrestaurant falle die verblüffende Ähnlichkeit zum Panorama auf: „Auch dort durchschreiten die Besucher zunächst einen verdunkelten Gang, sie sollen das Tohubawohu des Alltags vergessen und sich auf eine optische Reise einstimmen. Schliesslich steigen sie eine Treppe hoch, überwältigt vom rundum einströmenden Licht. Die Landschaft liegt ihnen zu Füssen.“


Das Bourbaki-Panorama in Luzern und das Wocher-Panorama in Thun. Architektonisch sind sich Drehrestaurant und Panoramagebäude recht ähnlich, doch während das Drehrestaurant grosse Fenster hat, ist das Panoramagebäude fensterlos.

Der grosse Unterschied zwischen Drehrestaurant und Panorama: „Nicht mehr der Mensch muss sich um die eigene Achse drehen (…), um die Rundsicht nach und nach in den Blick zu bekommen: Auf dem Mittelallalin dreht sich die Umgebung für ihn. Und es ist nicht mehr ein detailgetreues Gemälde, das die Illusion vermittelt, in der Landschaft draussen zu sein; es ist das Original höchstselbst, die Natur, die ‚vorbeizieht‘, live…“


Schnitt durch ein Panorama: (A) Kasse & Eingang, (B) dunkler Korridor & zentraler Treppenzylinder, (C) Beobachtungsplattform, (D) Gesichtsfeld des Betrachters, (E) kreisförmige Leinwand, (F) dreidimensionale Elemente des „Faux Terrains“, (G) Trompe l’oeil-Elemente auf der Leinwand. (Quelle: www.panoramaonview.org, mit einer Liste der weltweit noch existierenden Panoramen)

Wer hat’s erfunden? „Robert Baker gilt als erster Erbauer eines Panoramas, bestehend aus Riesenrundbild und Rotunde, dem eigens dafür konstruierten Rundgebäude. Geschäftstüchtig, wie er war, liess er seine Erfindung am 17. Juni 1787 unter dem Namen „La nature à coup d’oeil“ patentieren, und zwar nicht nur das Riesenrundbild, sondern auch die Rotunde. Beim Panorama sind also Bild und Ausstellungsraum untrennbar miteinander verschränkt.“


Die Restaurierung des Bourbaki-Panoramas als Panorama

Garlinski zitiert aus Stephan Oettermanns Monumentalwerk „Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums“: „Das Panorama ist die Reaktion der Kunst auf die Entdeckung des Horizonts.“ Um ein paar Zeilen weiter unten festzustellen, dass die Entdeckung des Horizonts zum Schlüsselerlebnis einer ganzen Epoche wurde.

„Mit der Entdeckung des Horizonts und mit dem Panorama wurde der Blick aus seinen perspektivischen Verzerrungen befreit. Im barocken Theater noch hatte einzig der Fürst so gesessen, dass er das Bühnenbild unverzerrt sah. Im Panorama konnten dann alle von der zentralen Plattform aus das Riesengemälde perspektivisch ‚richtig‘ betrachten: Unendlich viele Fluchtpunkte erstrecken sich zum rundum laufenden Horizont. Im Panorama wird der Blick demokratisiert und zur säkularisierten Form der göttlichen Allschau. Genau dies ist die Bedeutung des Kunstwortes Panorama: pan = alles, horama = sehen.“

Und das gibt’s im Panorama in Luzern und in Thun zu sehen:


Für die Fullscreen-Darstellung des Bourbaki- und des Wocher-Panoramas bitte aufs jeweilige Bild klicken.

Diese Rundgemälde als Gesamtkunstwerke sind in ihrer Totalität nur vor Ort zu erfassen und im Internet kaum zu vermitteln. Dem Panorama-Erlebnis am nächsten kommen die Fullscreen-Darstellungen von www.panoramafotos.ch, einer Fundgrube grossartiger Panoramen.

Basierend auf der Entdeckung des Horizonts als optisch/ästhetisches Phänomen, befreite das Panorama den Blick von perspektivischen Verzerrungen, veränderte im Zusammenspiel mit dem Aufkommen des Tourismus und der Reklame die Sehgewohnheiten nachhaltig und nährte mit der Verwischung der Differenz Wirklichkeit – Darstellung im panoramasüchtigen Bürgertum den Glauben, es gebe nur eine einzige, allen zugängliche Sichtweise der Realität — das Panorama als bürgerliche Sehschule für den demokratischen und objektiven Über-Blick.

„Im Panorama fand sich nicht nur die ‚wahre Stadt‘, sondern auch die ‚wahre Landschaft‘, die damit zur Ware Landschaft wurde. Die Stadtbewohner konnten in der Landschaft (Panorama, Passage, Wintergarten) flanieren, ohne den Launen des Wetters ausgesetzt zu sein, ohne auf die ‚Facilitäten‘ der Stadt verzichten zu müssen. (…) Das Panorama war eine Lernmaschine des Sehens und ein Surrogat der Natur — die Landschaft verklärte sich zur Idylle, zur Staffage ihrer selbst.
Zugleich weckte das Panorama die Seh(n)-Sucht nach dem Original und nährte so den Mythos der unberührten Natur: Der Tourismus kam auf, die Pilgerreise zum Original.“


Unterhalb der Fräkmüntegg — zum Vergrössern aufs Bild klicken!


Auf dem Kleintitlis — zum Vergrössern aufs Bild klicken!

A propos Panorama-Sucht: Das Hochnebelwetter — oben blau, unten grau — trieb uns, Frau Frogg und mich, dieses Wochenende in die Höhe, einmal auf die Fräkmüntegg (1416 m ü.M.) auf halbem Weg zum Pilatus, einmal auf den Titlis (3020 m. ü.M.). Und die Panoramabilder zeigen, dass das Original immer noch unübertroffen ist!

Auf dem Titlis habe ich übrigen festgestellt, dass zum Drehrestaurant noch eine Steigerung möglich ist: Im Drehrestaurant dreht sich die Landschaft um einen herum — in der Luftseilbahn Titlis Rotair dreht sich die Landschaft auch, überdies schwebt man durch sie hindurch berg- oder talwärts.

Alle Zitate aus GARLINSKI, Bojarek (1987): Lugaus ins Rings.
In: Tages Anzeiger Magazin, Nr. 33, 15.7.1987.

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