Rote Linien bedeuten selten was Gutes: Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat die rote Linie zwischen Kunst und Recht überschritten — und sitzt dafür jetzt im Gefängnis. In den USA bedeutet Redlining das gezielte Vernachlässigen von Häuserblocks und ganzen Strassenzügen, um ein Quartier für die Getrification vorzubereiten.

Der Flyer zu einem Master-Talk der Hochschule Luzern – Design & Kunst vom vergangenen Samstag. Parallel dazu startete im Kunstmuseum Luzern eine Ausstellung über asiatische Landschaftsmalerei Shanshui. Die Landschaft in der chinesischen Gegenwartskunst, die von Ai Weiwei, Peter Fischer und Uli Sigg kuratiert wird.

In der Nacht vor der Veranstaltung war da plötzlich eine 800 Meter lange rote Linie auf dem Trottoir, die sich vom Kunstmuseum bis zum Kurpavillon, dem Veranstaltungsort des Master-Talks, zieht:

Quelle: www.luzernerzeitung.ch

Wie die Neue Luzerner Zeitung berichtet, sucht die Polizei immer noch den oder die VerursacherIn. Klar ist jedoch, dass ein Zusammenhang mit der Ausstellung im Kunstmuseum und der Veranstaltung im Kurpavillon besteht. Denn ursprünglich hätte auch Ai Weiwei am Master-Talk im Luzerner Kurpavillon sprechen sollen, doch der wohl bekannteste Künstler Chinas wurde am 3. April in Beijing verhaftet und wird seither von den chinesischen Behörden im Gefängnis von der Öffentlichkeit abgeschottet. Die Idee der roten Linie stammt aus China — schrieb doch die Staatszeitung „Global Times“ am 6. April: „Ai Weiwei bewegt sich nahe der roten Linie des chinesischen Gesetzes. Wenn Ai Weiwei kontinuierlich weiter geht, wird er eines Tages die rote Linie unvermeidlich berühren.“ Dafür werde er den Preis bezahlen.

Die Luzerner Zeitung mutmasst, dass mit der roten Linie auf dem Quai jemand auf Ai Weiweis Schicksal aufmerksam machen wollte. Oder auf die „roten Linien“ im öffentlichen Raum, wo unbewilligte künstlerische Interventionen von den Stadtbehörden nicht toleriert werden. Diese Erfahrung musste auch der iranische Künstler Shahram Entekhabi machen, der im Januar die Rathausbrücke mit Bändern sperrte. Seine Galerie bekam eine Strafanzeige.

Der Teaser zum kommenden Film Ai Weiwei: Never Sorry von Alison Klayman auf Vimeo.

Uli Sigg, ehemaliger Botschafter der Schweiz in China, Sammler chinesischer Gegenwartskunst, Freund und früher Förderer von Ai Weiwei sagt in diesem Videoclip, er habe ihn oft gewarnt, es gäbe eine klare Linie, ab der er als Menschenrechtsaktivist betrachtet würde. Sollte er diese Linie überqueren, sei der Fun mit der chinesischen Regierung zu Ende.

Ai Weiwei ist auch architektonisch tätig: Sein wohl bekanntestes Werk ist das „Vogelnest“ in Beijing, das er zusammen mit Herzog & De Meuron realisiert hat. Und in Beijing betreibt er ein eigenes Architekturbüro: Fake Design. Er hat sich auch immer wieder mit der unkontrollierten und chaotischen Stadtentwicklung in China auseinandergesetzt und mit Videos die Missstände in den chinesischen Städten angeprangert.

A propos rote Linie: „Redlining“ bezeichnet in den USA eine verbreitete Praxis der Banken, in Städten Zonen festzulegen, in denen sie keine Hypothekarkredite mehr gewähren. Ich habe auch schon gehört, dass in weissen Quartieren absichtlich einzelne Wohnungen an Schwarze vermietet werden, damit die Weissen rascher aus der betroffenen Nachbarschaft wegziehen. Als Konsequenz des Redlinings verlottern die Häuser innerhalb der roten Linie, bis sie derart heruntergekommen sind, dass es sich lohnt, diese oft citynahen Quartiere zu gentrifizieren.

Ob die rote Linie im Werbespot dieser Versicherung etwas Gutes bedeutet?

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