Und ich meine jetzt nicht die „floridaisierte“ Region Locarno, „Gottes Wartezimmer“ der Deutschschweiz, wo sich so viele RentnerInnen niedergelassen haben, dass man mehr Deutsch als Italienisch hört — mit den TouristInnen im Sommer sowieso. Nein, ich meine das einzige deutschsprachige Dorf im Tessin: das Walserdorf Bosco Gurin. Ein Ausflug in eine der entlegensten Ecken des Tessins.

Leider haben wir uns nicht den besten Tag ausgesucht: Die Berge waren wolkenverhangen und am Nachmittag begann es zu regnen. Noch fast schlimmer war, dass bei diesem Ausflug auch Herr Menière unbedingt mit von der Partie sein wollte.

Cevio

Wir nehmen also den Busersatz für das seit 50 Jahren stillgelegte Maggiatal-Bähnli bis nach Cevio, dem Hauptort des Bezirks Vallemaggia. Cevio ist nicht riesig, hat aber im Dorfzentrum einen sehenswerten Platz mit einigen interessanten Bauten:

Der Dorfplatz von Cevio — ein schöner öffentlicher Raum

Der Dorfplatz von Cevio — ein schöner öffentlicher Raum, der, wie die Tessiner Zeitung in einem „Aufgefallen“ monierte, mehr Beachtung verdient hätte. Vgl. Tessiner Zeitung vom 20.6.2014

Ebenfalls an der Piazza von Cevio ist diese Kapelle

Ebenfalls an der Piazza von Cevio steht diese Kapelle — die Pfarrkirche ist im alten Dorfteil.

Der 2014 fertiggestellte Anbau am Palazzo Comunale dient als Erweiterung des Gemeindehauses — nach der Zwangsfusion von zwei Nachbargemeinden mit Cevio brauchte die  Verwaltung mehr Platz.

Der 2014 fertiggestellte Anbau am Palazzo Comunale dient als Erweiterung des Gemeindehauses — nach der Zwangsfusion von zwei Nachbargemeinden mit Cevio brauchte die Verwaltung mehr Platz.

Palazzo del Pretorio (Casa dei Landfogti): Das alte Gemeindehaus von Cevio war früher Sitz der eidgenössischen Landvögte — jeder hat sich mit Datum und Wappen auf der Fassade verewigt.

Palazzo del Pretorio (Casa dei Landfogti): Das alte Gemeindehaus von Cevio war früher Sitz der eidgenössischen Landvögte, die sich mit ihren Wappen auf der Fassade verewigt haben.

Bosco Gurin

Nach einer guten Viertelstunde kommt das Postauto, das in einer halsbrecherischen Fahrt ins höchstgelegene Tessiner Dorf Bosco Gurin hochfährt. Oben angekommen, machen wir zuerst einen Rundgang durchs schmucke Dorf:

Hinter dem Postautowendeplatz wird die Dorfstrasse zu einem Dorfweg.

Hinter dem Postautowendeplatz wird die Dorfstrasse zu einem Dorfweg.

Die Inschrift an der Wand "D's Näschtschi — Chlys, aber grössas gnüag, wänn mu anandra liäpa tüot" tönt wie Walliserdeutsch und heisst: Das Nestchen — Klein, aber gross genug, wenn man einander lieben tut

Die Inschrift „D’s Näschtschi — Chlys, aber grössas gnüag, wänn mu anandra liäpa tüot“ tönt wie Walliserdeutsch und heisst: Das Nestchen — Klein, aber gross genug, wenn man einander lieben tut

An die Walser erinnert auch die Bauweise der Häuser, die als Speicher dienten. Sie stehen auf Stützen und Steinplatten, um Mäuse abzuwehren.

An die Walser erinnert auch die Bauweise der Häuser, die als Speicher dienten. Sie stehen, wie das dritte Haus rechts, auf Stützen und Steinplatten, um Mäuse abzuwehren.

Viele dieser Ställe und Speicher im oberen Dorfteil sind zu Ferienhäusern umgebaut worden.

Viele dieser Ställe und Speicher im oberen Dorfteil sind zu Ferienhäusern umgebaut worden.

Im Winter kann man in Bosco Gurin (noch) skifahren, aber wenn viel Schnee liegt, bedrohen Lawinen das Dorf. Im Hintergrund:  Das lange Stallgebäude ist ein Lawinenschutzwall und dahinter sind die Liftanlagen zu sehen.

Im Winter kann man in Bosco Gurin (noch) skifahren, aber wenn viel Schnee liegt, bedrohen Lawinen das Dorf. Im Hintergrund: Das lang gezogene Stallgebäude ist auch ein Lawinenschutzwall. Dahinter ist die Talstation der Liftanlagen zu sehen.

Alpenflora

Eigentlich wollten wir eine Stunde auf die Grossalp hochwandern und dort zum Mittagessen einkehren. Doch Herr Menière macht uns einen dicken Strich durch die Rechnung. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als umzukehren und die Alpenflora zu fotografieren:

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Die Walser

Im Restaurant im Dorf unten fällt uns dieser Prospekt über Bosco Gurin und die Walser in die Hände:

"Bosco Gurin... e i Walser" auf issuu.com publiziert von www.vallemaggia.ch

Zum Lesen anklicken! „Bosco Gurin… e i Walser“ auf issuu.com publiziert von
www.vallemaggia.ch

Quelle der Karte: Walliser Geschichte, Bd. 1+2, Arthur Fibicher www.walser-alps.eu/geschichte

Quelle der Karte: Walliser Geschichte, Bd. 1+2, Arthur Fibicher www.walser-alps.eu/geschichte

Warum die Leute im Oberwallis im ausgehenden 12. Jahrhundert beschlossen, ihr Tal zu verlassen und auszuwandern, lässt sich heute nicht mehr eruieren. Jedenfalls besiedelten sie im 13. Jahrhundert mehrere italienische Hochtäler, u.a. das Pomatt (Val di Formazza), von wo die Walser um die Mitte des 13. Jahrhunderts weiterzogen, die Guriner Furka überquerten und Bosco Gurin gründeten. Es ist urkundlich belegt, dass Bosco Gurin bereits 1253 eine eigene Gemeinde war. Trotz der unglaublichen Härte des Lebens in den Bergen und mehreren Schicksalsschlägen, die die Guriner wegstecken mussten, leben in Bosco Gurin immer noch Nachfahren der Walser, die das Gebiet einst besiedelt hatten. Und sie sprechen immer noch Deutsch — Gurinerdeutsch genau genommen.

Gurinerdeutsch

Wenn man allerdings der Volkszählung glauben darf, war Bosco Gurin im Jahr 2000 kein deutschsprachiges Dorf mehr: Nur 32.4% kreuzten Deutsch als ihre Hauptsprache an. Damit belegte die Walsergemeinde in der Rangliste der prozentualen Deutschanteile im Tessin nur noch Rang 5:

Rang Gemeinde % Lage
1 Indemini 48.7
2 Orselina 36.7
3 Ronco sopra Ascona 33.7
4 Brione sopra Minusio 33.1
5 Bosco/Gurin 32.4
6 Gerra (Gambarogno) 28.3
7 Caviano 27.0
8 Brissago 24.9
9 San Nazzaro 24.8
10 Mergoscia 24.3
12 Ascona 23.9 Eine Überraschung ist Rang 1: In Indemini, einem abgelegenen Bergkaff, redete 2000 fast die Hälfte der 54 Einwohner Deutsch. Abgesehen von Bosco Gurin sind die Gemeinden auf den Plätzen 2 bis 10 alle in der Agglomeration Locarno. In Ascona redete fast ein Viertel Deutsch. Während Locarno mit einem Anteil von 10.5% Deutschsprachiger noch etwas über dem Tessiner Durchschnitt von 8.3% liegt, sind die übrigen Tessiner Städte italienischer. Am Schluss rangiert Osco in der Leventina, wo nur eine einzige Person deutschsprachig war.
88 Locarno 10.5
145 Lugano 7.0
210 Bellinzona 3.6
245 Osco 0.6
Bosco Gurin — immer noch das einzige deutschsprachige Dorf im Tessin?

Bosco Gurin — immer noch das einzige deutschsprachige Dorf im Tessin?

Bosco Gurin sei sprachlich noch nicht gekippt, meint Wikipedia, denn die Guriner seien auf ihrer Sprachinsel gezwungenermassen zweisprachig, hätten aber bei der Volkszählung 2000 nur eine Hauptsprache angeben können. Gemäss Wikipedia sprechen noch etwa 130 Personen Gurinerdeutsch — von den aktuell rund 50 BewohnerInnen des Walserdorfs sollen noch etwa zwei Drittel den Dialekt beherrschen, der aber über kurz oder lang aussterben wird. Noch spricht man hier also eine Art Deutsch, aber wie lange noch?

⇒ Alles zu den Walsern findet man auf www.walser-alps.eu.
⇒ Bosco Gurin ist auch auf stories & places eingetragen.

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