Noch ist offen, ob mit dem Ende der 5. Hitzewelle der Hitzesommer 2026 ausgestanden ist. Dennoch präsentieren diverse Medien die Abrechnung: Während der Tages-Anzeiger noch mutmasst, wie es nach diesem rekordheissen Sommer klimapolitisch weitergeht, fordert Binswanger in der Republik politische Folgen und «Klimastreit jetzt!». Recht hat er.
In ihrem Leitartikel Nein, Albert Rösti ist nicht schuld an der Hitze (PDF) vom 15.8.2026 verweist Raphaela Birrer auf die deprimierenden Auswirkungen des Hitzesommers. Doch die Erfahrung der Rekordhitze und der Extremdürre könne, schreibt sie, auch zu Gutem führen. Dann nämlich, wenn sie den politischen Diskurs voranbringe und neue Lösungen ermögliche. Um dann hoffnungsvoll festzustellen, dass dieser Sommer eine pragmatische Klimapolitik mehrheitsfähig macht. Gewinner dieses Sommers werden jene Kräfte sein, prophezeit sie, die aufzeigen könnten, wie sich die Schweiz an eine heissere Zukunft anpassen kann, ohne dabei Wohlstand und Freiheit unnötig einzuschränken.
Sie nimmt Umweltminister Albert Rösti in Schutz: Zwar habe er 2019 die Klimadebatte noch als «schrille Panikmache» bezeichnet und die Dringlichkeit lange unterschätzt, räume aber heute ein, eine derart heftige Hitze wie in diesem Sommer nicht erwartet zu haben. Rösti sei nicht schuld daran, dass es bis zu 40 Grad heiss geworden ist. Schliesslich könne er die Hitze nicht einfach wegregieren.
Aber sorry, ein Umweltminister, der, obwohl er die besten Fachleute zur Hand hat, Warnungen vor der Klimakrise in den Wind schlägt und dann — als es gar nicht mehr anders geht — zugibt, die Dringlichkeit unterschätzt und nicht mit einer solchen Sommerhitze gerechnet zu haben, ist entweder vom Problem, das er angehen müsste, überfordert oder er ist gar nicht willens, mehr als das absolute Minimum zu tun. Ich bin überzeugt: Rösti ist clever genug, um die Klimakrise angehen zu können — er könnte also mehr tun, will aber nicht.
Das Mammut im Raum
Im Gegensatz zu Birrer, die auf eine pragmatischere Klimapolitik hofft, fordert Daniel Binswanger am 15.8.2026 in der Republik den Klimastreit jetzt! (PDF), also eine harte politische Auseinandersetzung darum, was die Schweiz zur Dekarbonisierung beitragen muss. Denn die Extremhitze müsse politische Folgen haben. Wie Birrer sieht Binswanger in diesem Hitzesommer eine Chance: dass sich nämlich Mehrheiten verschieben. Diese Chance dürfe nicht ungenutzt verstreichen. Es brauche nicht weniger, sondern entschlossenere klimapolitische Auseinandersetzung. Binswangers Kolumne endet mit einer bangen Frage: «Werden die Schweiz und die internationale Staatengemeinschaft diese weltverändernden Entscheidungen, die erst über Jahrzehnte wirksam und spürbar werden, heute realistisch und verantwortungsvoll zu fällen wissen? Die Frage muss geklärt werden, nach diesem Sommer mehr denn je. Sie ist der Elefant im Raum. Beziehungsweise das Mammut.»
Auch Binswanger beschäftigt sich mit Albert Röstis Klimapolitik: Der Schweizer Umweltminister habe es nicht dabei belassen, die Verantwortung der Schweiz klein zu reden, sondern mitten im Hitzesommer darauf hingewiesen, dass die Schweiz ihre eigenen Klimaziele nicht wird einhalten können, weil das zu viel kosten würde. «Rösti ist und bleibt das überragende Symbol des klimapolitischen Versagens der Eidgenossenschaft», stellt Binswanger fest, denn der ehemalige Präsident von Swissoil und von AutoSchweiz (dem Verband der Automobilimporteure) sei der mit Abstand wichtigste Aktivist der Umweltzerstörung in der jüngeren Schweizer Politik. Unser heutiger Umweltminister Rösti habe seine politische Karriere weitgehend mit dem Pro-CO₂-Ticket gemacht.
Binswanger ist sich sicher, dass Rösti mit Übernahme des Umweltdepartements seine Überzeugungen nicht geändert, sondern einfach dem Konkordanzprinzip angepasst hat: Vom Zerstörer sei er zum taktischen Bremser geworden. Mit absoluter Sicherheit gebe es unter Rösti keine konsequente Umsetzung der Klimaziele, keine möglichst offensive Förderung des Bahnverkehrs, keine rasche Durchsetzung der Elektromobilität. Dazu passt auch, dass Bundesrat Rösti Mittel für klimatauglichere Wälder streicht (vgl. Tagesschau vom 3.8.2026) und dann diese kurzsichtige Sparübung der Schuldenbremse anlastet.
Früher leugnen, heute anpassen
Hervorragend zu diesem klimapolitischen Medienspiegel vom letzten Samstag passt Jacqueline Büchis Analyse der politischen Kommunikation rechter Politiker, die unter dem Titel Früher leugnen, heute anpassen (PDF) ebenfalls am 15. August 2026 im Tages-Anzeiger erschienen ist. «Die Argumentation
werde laufend angepasst, um das eigene Weltbild nicht preisgeben zu müssen», zitiert Büchi den Klimaforscher Reto Knutti. «Einst bezweifelten rechte Politiker, dass sich die Welt erwärmt. Heute warnen sie vor den Kosten schärferer Massnahmen. Ein Lehrstück politischer Kommunikation in fünf Schritten», schreibt Büchi im Lead.
Ihre sehr lesenswerte Analyse beginnt mit Stufe 1 — Der Klimawandel existiert nicht — und führt dann über Stufe 2 — der Klimawandel ist nicht menschgemacht — und Stufe 3 — Die Folgen des Klimawandels sind nicht schlimm — zu Stufe 4 — Die Lösungen taugen nichts — um (vorläufig?) mit Stufe 5 — Uns bleibt nur die Anpassung — zu enden. Genau so argumentiert Umweltminister Albert Rösti, der nach diesem Hitzesommer mithilft, die Steuern auf importierte Futtermittel zu senken, um den in Bedrängnis geratenen Bauern und Bäuerinnen zu helfen. Gegen die globale Klimakrise allerdings hilft diese Pflästerlipolitik genau gar nichts.





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