Tag #35 von Klimaspuren ist die Königsetappe der gesamten Wanderung von Ilanz nach Genf. Von Montezillon führt sie durch die grossartige Areuse-Schlucht hinauf auf den spektakulären „Grand Canyon der Schweiz“, den Creux du Van. Klima-Held des Tages ist aber ein winziges Krebslein, das Gelyella monardi heisst, schon 20 Millionen Jahre in der Gegend lebt und schon manchen Klimawandel überlebt hat.

Montag, 5. Juli, Tag #35

  • Route: Montezillon – Gorges de l’Areuse – Le Soliat (1464 m.ü.M.) – La Baronne
  • Distanz: 18 km / 6 h
  • Aufstieg: 1200 m, Abstieg: 520 m
  • Mein Total: 164 km / 47.5 h / Aufstieg: 5200 m / Abstieg: 3960 m

Auf dem Soliat erreicht Klimaspuren den höchsten Punkt der gesamten Wanderroute.

Positiv

  • Fünf Laufkraftwerke an der Areuse liefern Strom für die Region, d.h. das Wasser wird durch einen Kanal dem Hang entlang geleitet und dann turbiniert. Wie der Geologe und Areuse-Kenner Miguel Ferreguero erklärt, bestanden früher Pläne, die Areuse oben bei Noiraigue zu fassen, durch einen Stollen und eine Druckleitung bis zum Neuenburgersee zu führen und das Wasser erst dort zu turbinieren. Zum Glück für die grossartige Schlucht der Areuse wurden diese Pläne nie umgesetzt.
  • Wasserfassungen im Tal der Areuse liefern das Trinkwasser für die Stadt Neuchâtel und Umgebung. Im Grundwasserstrom, der hier angezapft wird, entdeckte Pascal Moeschler, Biologe und Kommunikationsverantwortlicher des Naturhistorischen Museums Genf, ein Krebslein namens Gelyella monardi, das etwa ein Drittel Millimeter gross ist. Dieses Urviech war schon vor 20 Millionen Jahren in der Gegend ansässig, als zwischen Marseille und Wien noch ein Meer war. Seine Ahnen kolonisierten ein unterirdisches Süsswasservorkommen und überlebten darin Alpen- und Jurafaltung und diverse Eiszeiten (vgl. Reportage Der Panda im Grundwasser in der Tierwelt). Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gelyella auch den aktuellen Klimawandel unbeschadet überstehen wird.
  • Am Creux du Van befindet sich das älteste Naturschutzgebiet der Schweiz. Dessen Gründung geht auf den Club Jurassien zurück, einen Verein namhafter Neuenburger, der 1870 am Creux du Van 24,5 Hektaren Land erwarb und unter Schutz stellte. Das Gebiet ist mittlerweile auf 25 Quadratkilometer angewachsen und umfasst auch das Tal der Areuse. Es steht unter dem Schutz des Kantons Neuchâtel und als eines von 42 Eidgenössischen Jagdbanngebieten auch vom Bund (vgl. Artikel in der Naturzyt). Ranger Alain Tschanz erzählt von den Problemen, die sich daraus ergeben, dass am Creux du Van zwei Kantone aneinandergrenzen und das Schutzgebiet nur den Felsenkessel, aber nicht die Krete umfasst.

Negativ

  • Der Creux du Van ist eine Touristenattraktion: Die natürliche Felsenarena mit gewaltigem Ausmass — 160 Meter hohe, senkrechte Felswände umschliessen einen vier Kilometer langen und etwa einen Kilometer breiten Talkessel — zieht im Jahr rund 100’000 BesucherInnen an. Der Creux du Van leidet unter Overtourism mit vielen negativen Folgen: Unvorsichtige Selfie-Fotografen wagen sich zu nahe an den Abgrund und stürzen zu Tode, Kletterinnen stören Vögel, die in der Felswand brüten, Ignoranten zertrampeln alpine Flora, die nur in den Alpen und sonst im Jura nirgends mehr vorkommt…

Start und Ziel von Klimaspuren
auf der Kulturflaneur-Karte