In seiner Neujahrsrede würdigte der SVP-Politiker Christoph Blocher drei grosse Zürcher aus dem 19. Jahrhundert — den Politiker und Wirtschaftsführer Alfred Escher, den Dichter und Staatschreiber Gottfried Keller und den Maler Rudolf Koller — sowie das Nationaltier: die Kuh. Er sprach von grossen Persönlichkeiten der Vergangenheit — und meinte sich selber.

Im Hauptteil seiner fast 90minütigen Rede sprach Blocher über den „Schaffer und Raffer“ Alfred Escher (1819 – 1882), der als Politiker und Eisenbahnkönig die Entwicklung des 1848 frisch gegründeten Bundesstaats geprägt hat wie kein anderer und dann im Alter von nur 63 Jahren ausgebrannt, verbraucht und vereinsamt gestorben ist. Blocher begann mit Eschers Beerdigung: Erst nach dem Tod Eschers, der zu Lebzeiten „nicht nur angefeindet, sondern geradezu verfemt war“, sei den Leuten bewusst geworden, dass Alfred Escher für die Schweiz Grosses geleistet hat. Befürchtet Blocher etwa, dass es ihm ähnlich geht?

Alfred Escher
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Doch dass König Alfred als Machtpolitiker und Sesselkleber auch eine Gefahr für die noch junge Demokratie war, zeigte sich in seiner schier unglaublichen Ämterkumulation: Escher sass von 1844 bis zu seinem Tod 1882 ununterbrochen im Zürcher Kantonsrat (Legislative des Kantons Zürich), sechsmal war er dessen Präsident. Gleichzeitig war er während sieben Jahren Regierungsrat (Exekutive), vier Jahre davon Regierungspräsident. Von der Bundesstaatsgründung 1848 bis ebenfalls zu seinem Tod sass er zudem im Nationalrat, den er viermal präsidierte.

Kurz: Alfred Escher war die Demokratie in einer Person.

In den 1850er Jahren begann Eschers Aufstieg in wirtschaftliche Gefilde: 1853 wurde er Direktionspräsident der Nordostbahn, 1856 Gründer und Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Crédit Suisse), 1857 Mitbegründer der Rentenanstalt (heute Swiss Life) und 1871 Direktionspräsident der Gotthardbahn, die er initiiert hatte. Selbstverständlich nutzte der Eisenbahnbaron seine politischen Connections für seine Bahnunternehmen: Escher und seine „Freunde“ entschieden den Streit Privatbahnbau vs. Staatsbahnbau zu ihren Gunsten, verhinderten staatliche Eingriffe, befreiten die Privatbahngesellschaften von den Steuern. Die Folgen: Ruinöse Konkurrenz, gigantische Fehlinvestitionen, Konkurse und staatliche Rettungsaktionen — Gewinne werden privatisiert, Verluste
kommunalisiert. Nach einem halben Jahrhundert schlechter Erfahrungen mit dem Privatbahnsystem beschloss das Volk 1898 die Verstaatlichung der wichtigsten Bahnlinien.

Und: Um sein grosses Ziel einer Bahn durch den Gotthart zu realisieren, ging Alfred Escher über Leichen.

Während zweier Jahrzehnte vermochte Escher mit seinem „System“, bestehend aus liberaler Partei, NOB und SKA, die Politik von Bund und Kanton Zürich weitgehend zu bestimmen. „Alfred Escher war Regierender, Gesetzgeber und Unternehmer in einer Person“, fasste Blocher fast ein bisschen bewundernd zusammen. Kein Wunder, regte sich in der wirtschaftlichen Krise von 1865 – 67 Widerstand gegen das verhasste „System Escher“. Im Kanton Zürich wünschte sich das Volk eine Revision der Verfassung — die repräsentative Demokratie mit ihren liberalen Grundsätzen war am Ende. Die neue Verfassung wurde 1869 mit überwältigendem Mehr angenommen. Sie brachte den Zürchern (die Zürcherinnen verlangten damals vergeblich das Stimm- und Wahlrecht) neben der direkten Demokratie mit Initiative, Referendum und Volkswahl von Regierung, Bezirksbehörden und Beamten einige weitere Verbesserungen.

Christoph Blocher
www.sauberer-finanzplatz.ch

Dass Eschers Machtfülle auf demokratischem Weg zurückgestutzt wurde, kommentierte Blocher so: „Es zeigte sich, dass die Schweiz eine allzu augenscheinliche Machtballung nicht duldete und allzu grosse Gestalten nun einen Kopf kürzer machte – wenn auch zum Glück nicht auf der Richtstatt, sondern an der Urne.“ Wenn ich mir die Folgen von Eschers rücksichtsloser Machtpolitik ansehe, ist es mir lieber, wenn Mediokrität zur Staatsräson wird und das direktdemokratische System dafür sorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Zum Glück gilt dies auch für Machtpolitiker Christoph Blocher!

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