Vorgestern versenkte der Luzerner Kantonsrat die Salle Modulable definitiv, indem er den Projektierungskredit für das 208 Millionen teure Prestigeprojekt mit 62:51 Stimmen ablehnte. 2010 war die Salle Modulable schon einmal am Nullpunkt angekommen, als die Erben des Mäzens Christof Engelhorn die versprochenen 100 bis 120 Millionen zurückzogen. Ich schrieb damals in diesem Blog: Salle Modulable: Schade, schade, schade. Seither haben wir uns im Kreis gedreht.

Damals begründeten die Engelhorn-Erben den Rückzug mit den vielen Ungewissheiten bezüglich Standort, Bau- und Betriebskosten. Diese Ungewissheiten konnten in der Zwischenzeit nur zum Teil beseitigt werden: Geklärt, aber nach wie vor umstritten war die Standortfrage. Als Standort vorgesehen war das Inseli, eine Grünfläche und ein Carparkplatz ganz in der Nähe des KKL. Gegen diesen Standort gab es grossen Widerstand, der wahrscheinlich gross genug gewesen wäre, um den Bau zu verhindern. Sicher ist: Diese Standortwahl hat die Realisierungschancen der Salle Modulable nicht vergrössert…

Die Bau- und Betriebskosten sind seit 2010 genauer berechnet worden: Von den 208 Millionen, die der Bau gekostet hätte, wären noch 80 Millionen aus Engelhorns Butterfield Trust gekommen, 35 Millionen hätten Private beigesteuert. Die öffentliche Hand hätte also rund 100 Millionen aufwenden müssen, um zu einer neuen Theaterinfrastruktur zu kommen. Dies war dem Kantonsrat angesichts der angespannten Finanzlage zu viel, deshalb hat er schon den Projektierungskredit von 7 Millionen abgelehnt. Das ist nachvollziehbar, wenn man weiss, dass der Kanton in den nächsten Jahren 360 Millionen Franken einsparen muss und deshalb nächstes Jahr die Steuern für natürliche Personen erhöhen will. Andererseits: Für den Bau von Strassen ist das Geld auch vorhanden. Allein das Strassenbauprogramm 2015 – 2018 umfasst Strassenbauten für 1.35 Milliarden, davon werden über 300 Millionen auch tatsächlich ausgegeben. Schliesslich: Das Theater an der Reuss ist sanierungsbedürftig. Die umfassende Sanierung oder ein Ersatzbau werden 45 bis 80 Millionen kosten — dieses Geld hätte man sich mit der Salle Modulable sparen können. Die Betriebskosten des „neuen“ Luzerner Theaters wären mit der Salle Modulable von jährlich 24 auf 31 Millionen gestiegen, was angesichts der zusätzlichen Möglichkeiten zu verkraften wäre. Fazit: Mit dem faktischen Verzicht auf Engelhorns Millionengeschenk hat der Kantonsrat unter dem Strich nur wenig oder gar nichts gespart.

80 Millionen im Bermuda-Dreieck

Von den versprochenen Millionen, die in einem undurchsichtigen Trust auf den Bahamas liegen, konnten 80 Millionen gerichtlich wieder erstritten werden. Mit der Ablehnung des Planungskredits im Kantonsrat ist dieses Geld definitiv weg. Letztlich waren die Bedingungen, die mit dem Millionengeschenk verbunden sind, kaum zu erfüllen, weil sie nicht kompatibel sind mit dem demokratischen Prozess, den ein solches Vorhaben durchlaufen muss. Auf meine Frage, was man noch hätte tun können, um die Salle Modulable zu retten, sagte mir gestern Rosie Bitterli, Kulturchefin der Stadt Luzern: „Nichts!“

Seit 2010 ist in Sachen Salle Modulable einiges passiert, dennoch könnte ich an meinem damaligen Kommentar ein paar Details abändern und wenige neue Facts hinzufügen und er wäre wieder brandaktuell. Der kulturpolitische Flurschaden ist noch grösser geworden, weil in der Zwischenzeit noch mehr Millionen in die Planung investiert wurden. Nach wie vor ist es schade um die vielen Diskussionen, die rund um dieses nunmehr zehnjährige Projekt bereits geführt worden sind, schade um die Energie, die aufgewendet wurde, um die Salle Modulable doch noch realisieren zu können, wie z.B. das Last-Minute-Crowdfunding des Vereins Theater am See! Schade auch um die vielen verpassten Chancen für eine Neuorientierung der gesamten Theatersparte in Luzern!

Gleich bleibt auch mein Ausblick auf die Zukunft: Mit der Versenkung der Salle Modulable bleiben etliche Probleme ungelöst, für die jetzt neue Lösungen erarbeitet werden müssen: Die marode Infrastruktur des Luzerner Theaters zum Beispiel muss so oder so saniert werden. Das inzwischen aufgegleiste Projekt Neue Theater-Infrastruktur muss deshalb weitergehen. Und nach wie vor ist Luzerns freie Theaterszene unterfinanziert, deshalb braucht es ein neues Gleichgewicht in der Verteilung der Luzerner Kulturgelder. Die Folgen dieses kulturpolitischen GAUs werden uns also noch einige Zeit beschäftigen. Wichtig ist, dass die durch die Salle Modulable angestossenen Prozesse nicht einfach gestoppt, sondern in anderer Form weitergeführt werden. Dies gilt ganz besonders für die Sanierung und/oder Erneuerung des Luzerner Theaters und die Debatte über die Finanzierung der Luzerner Kultur — auch wenn angesichts der kantonalen Sparwut das Schlimmste zu befürchten ist. Bleibt zu hoffen, dass wir nach dieser sechsjährigen Ehrenrunde am gleichen Ort, aber doch eine Erkenntnisetage weiter oben angelangt sind.

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