Alle drei bis vier Jahre gleist die 1997 gegründete Albert Koechlin Stiftung ein grosses Kulturprojekt mit rund 20 Produktionen auf, die jeweils im Frühling stattfinden. Dieses Jahr findet die mittlerweile achte grosse Kultursause der AKS statt — sie trägt den Titel schön?!. und dauert vom 7. April bis 22. Juni 2025. Vom grossen Angebot besonders angesprochen haben den Kulturflaneur zwei Stadtrundgänge: Augenweiden vom Verein UntergRundgang und vom Kunstduo solerluethi und Nicht so schön hier? von der IG Ästhetik.

Als die Albert Koechlin Stiftung vor zwei Jahren das Thema für ihr diesjähriges Kulturprojekt bekannt gab, rieben sich die UntergRundgänger:innen erstmal die Augen. Wie sollten sie in einem Quartier, das in einem Reiseführer als das hässlichste von ganz Luzern bezeichnet wurde, Schönes finden? Doch Schönheit ist relativ: Was die einen wegwerfen, finden andere noch schön oder zumindest erhaltenswert. Spezialisiert auf das Auffinden von Liegengebliebenem, Verlorengegangenem oder Nichtmehrgebrauchtem und damit verbundenen Geschichten ist das im Quartier ansässige Kunstduo solerluethi, mit dem sich der Verein UntergRundgang für ein Crossover-Projekt zusammengetan hat.

Augenweiden — ein schönes Crossover-Projekt

Augenweiden — Zwischen «schön wars» und «schön wärs», die Broschüre zum UntergRundgang VIII

Einerseits untersuchten die Rundgänger:innen vom Verein UntergRundgang in ihren sozialgeschichtlichen Recherchen die Entwicklung ihres Quartiers unter dem Aspekt „schön — weniger schön — hässlich“. Gefunden und dokumentiert haben sie die Verschönerung der Stadt durch Abriss (Entfestigung der Stadt Luzern), einen verschwundenen Mississippidampfer in der Reuss, Schöner-Wohnen-Architektur im Sentihof, die wechselhafte Geschichte des Schlössli Schönegg auf der Wilhelmshöhe, die unterschiedlichen Gesichter der Gütschbahn-Talstation, ein Stück Mexiko an der Baselstrasse, eine Betonwand mit ikonischer Wendeltreppe sowie schöne und wüste Street-Art.

Die Installation von solerluethi mit vielen Beiträgen aus dem Quartier im Foyer der PHZ

Andererseits luden Martin Solèr und Roswitha Lüthi vom Kunstduo solerlüthi die Quartierbevölkerung zu drei «Salon schön?!.» ein, um herauszufinden, was die Bewohner:innen selbst im Quartier als schön und lebenswert empfinden, und um sie zu animieren, solerluethi „schöne“ Gegenstände für eine Installation zu überlassen sowie die dazu gehörende Geschichte zu erzählen.

Entstanden sind der UntergRundgang VIII Augenweiden — Zwischen «schön wars» und «schön wärs», die Broschüre «Augenweiden» als Dokumentation sowie eine kinetische Installation von solerluethi, die noch bis 22. Juni im Foyer der PHZ an der Dammstrasse zu besichtigen ist. Alle drei Produkte dieses Crossover-Projekts verflechten die sozialgeschichtlichen Recherchen vom UntergRundgang und die von solerluethi zusammengetragenen Gegenstände und Geschichten aus dem Quartier zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk.


Augenweiden — The Making Of the Installation, 7-Minuten-Video auf Youtube

Nicht so schön hier?

Auch der zweite «schöne?!.» Stadtrundgang reagiert mit Installationen und subtilen Interventionen auf das Unbehagen der Stadtbevölkerung angesichts hässlicher Orte im Stadtbild von Luzern. Nicole Brugger und Agnes Murmann von der IG Ästhetik wandten sich an die Luzerner Bevölkerung mit der Frage «Welche Orte stören dich in der Stadt Luzern, wo findest du unschön oder hässlich?» und mit der Aufforderung, Anträge zur Verschönerung der Stadt einzureichen. Für 19 verschiedene Standort entwickelten die beiden Künstlerinnen Interventionen, die zum Flanieren durch die Stadt und zum Dialog über den öffentlichen Raum einladen.

Kunst an jeder Ecke

Statt auf einen Rundgang der IG Ästhetik mitzugehen, haben wir eine eigene Tour an zwölf Standorte zusammengestellt und unterwegs noch mehr Kunst abgeklappert, z.B. die Freiluftgalerie KUNST IM FLUSS unter der Autobahnbrücke, kuratiert von einer Projektgruppe der Visarte Zentralschweiz. Die dritte KIF-Ausstellung präsentiert Werke von Jo Achermann, Barbara Hennig Marques und Lang/Baumann. Sensibilisiert durch die subtilen Interventionen der IG Ästhetik entdecken Flaneure an jeder Ecke Kunst — nicht immer kunstvoll und genial, mal auch dekorative Alltagskunst oder unbeabsichtigte Werke von Handwerker:innen, die abgebrochene Rohre aus einer Baustelle zu Röhren-Kunst auf dem Trottoir arrangieren…

Immer noch «schön?!.»

  • aks-kulturprojekt.ch/agenda
    Die «schöne?!.» Kultursause der AKS dauert noch bis am 21. Juni 2025.
  • IG Ästhetik
    Ihre Installationen und Interventionen (vgl. Plan auf der Homepage) sind noch bis am 24. Mai 2025 zu besichtigen.
  • UntergRundgang VIII — Augenweiden
    Am 21. Juni 2025 ist Dernière von Augenweiden, bis dann ist auch die Installation von solerluethi in der PHZ noch zu erleben.
  • Bell(e) – the sound of bursting beauty
    Den migma Performancetag am 7. Juni 2025 im zwischengenutzten Bell-Areal in Kriens möchte ich wärmstens empfehlen.
  • Kunst im Fluss III
    Kunst im Fluss findet nicht im «schönen?!.» Rahmen statt, ist dafür aber noch bis am 26. Oktober zu besichtigen.