Vergleichen ist oft problematisch. Wenn aber ein Schweizer Paar in der Sächsischen Schweiz Ferien macht, dann ist das fast schon ein Must. Und wer hat’s erfunden? Zwei Schweizer Maler, die 1766 an die Dresdner Kunstakademie berufen worden waren und wohl ein bisschen Heimweh hatten. Die Sächsische Schweiz ist übrigens nur eine von vielen Schweizen — allein in Deutschland gibt es die Raumbezeichnung Schweiz 67 mal.

Die Bezeichnung Schweiz ist ein sehr erfolgreiches Exportprodukt, wie die Marketingorganisation Schweiz Tourismus ermittelt hat: Weltweit gibt es mindestens 191 Schweizen ausserhalb der Schweiz — siehe Liste auf Wikipedia. In der Romantik wurde es Mode, jede auch nur ein bisschen hügelige Landschaft mit touristischem Potenzial mit dem Prädikat „Schweiz“ zu überhöhen. Schon damals spottete Theodor Fontane über die inflationäre Verschweizerung der deutschen Landschaften: „Die Schweize werden jetzt immer kleiner, und so gibt es nicht bloß mehr eine Märkische, sondern bereits auch eine Ruppiner Schweiz“ (vgl. Wikipedia zur Landschaftsbezeichnung Schweiz). Also bei uns hat dieser alte Verkaufstrick voll funktioniert: Nach der Sächsischen haben wir auch noch die Böhmische Schweiz besucht…

Die beiden Maler aus der Schweiz, Adrian Zingg und Anton Graff, waren also voll im Trend ihrer Zeit, als sie dem sächsischen Teil des Elbsandsteingebirges das Prädikat Schweiz verpassten, weil sie sich an den heimatlichen Jura erinnert fühlten. Während die Sächsische Schweiz mit den Alpen wenig gemein hat, ausser dass es da auch Felsen gibt, ist der Vergleich mit dem Tafeljura einigermassen nachvollziehbar:



Oben: Schweizer Tafeljura bei Anwil BL (Bild: Beat Schaffner)
Unten: Landschaft in der Sächsischen Schweiz bei Altendorf

Mit ihren Bildern halfen die beiden Schweizer Künstler aber auch mit, die Sächsische Schweiz zu promoten, denn wer Zinggs Bild der Felsformation Kuhstall gesehen hat, muss einfach das Original besuchen! Heute noch vermarktet der Tourismusverband Sächsische Schweiz den Malerweg, eine achttägige Wanderung, mit den Bildern bekannter Maler, die die Sächsische Schweiz gemalt haben:


Oben: Adrian Zingg, Der Kuhstall, 1786 (Bildquelle: commons.wikimedia.org)
Unten: Kulturflaneur, Der Kuhstall, 2013

Die Fremden wurden im 19. Jahrhundert buchstäblich auf Händen getragen: Wer nicht selber zum Kuhstall hochwandern wollte (weniger als eine Stunde), konnte sich vom Pferd oder von Trägern hochtragen lassen. Und auch in Sachsen keine Schweiz ohne richtigen Wasserfall: Für die TouristInnen wurde der Lichtenhainer Wasserfall erhöht und durch ein aufziehbares Stauwehr mit schwallartigem Abfluss zur Touristenattraktion aufgemotzt:


Das historische Schild aus den Anfängen des Fremdenverkehrs in der Sächsischen Schweiz mit den Taxen für Pferde und Sesselträger und der Lichtenhainer Wasserfall mit Schwallfunktion

Wenn ich aber Schweiz und Sächsische Schweiz vergleichen müsste, dann würde ich vor allem die grösseren Höhenunterschiede erwähnen: In der Sächsischen Schweiz hatten wir nach keiner der sechs oder sieben Wanderungen Muskelkater, nach der ersten kleineren Wanderung zurück in der Schweiz aber schon — auch bei einer kleinen Tour sind die Höhendifferenzen in der richtigen Schweiz schnell einmal doppelt oder dreimal so gross. Das gilt auch für freistehende Aufzüge:


Der 1904 erbaute Personenaufzug in Bad Schandau zum Ortsteil Ostrau (rund 52 m hoch) und sein grosser Bruder in der Schweiz, der 1903 bis 1905 erbaute Hammetschwandlift am Bürgenstock (153 m hoch) (Bildquelle: www.swissfot.ch)

Neben all den Unterschieden haben die beiden Schweizen vor allem eine Gemeinsamkeit: Sowohl in der Schweiz als auch in der Sächsischen Schweiz kann man wunderbar wandern.

Nachtrag am 1. August 2013
Zum heutigen Nationalfeiertag hat die NZZ eine interaktive Karte mit den Schweizen in aller Welt ins Netz gestellt — anscheinend hatten wir die Nase voll im Wind:


Um auf die interaktive Karte der NZZ zu gelangen auf obigen Screenshot klicken!
Danke für den Hinweis, lieber Trox.

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