Als wir im März 2026 in Gelfingen aus dem Zug steigen, um vom Luzerner Seetal über den Lindenberg nach Auw im Aargauer Freiamt zu wandern, treffen wir auf ein eigenartig ausgehöhltes Getreidesilo und rätseln über die merkwürdige Abbruchbaustelle. Erst als ich im Karton Nr. 63*) geblättert habe, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es handelt sich um Silo-Umnutzung.

«Silo-Recycling» wäre falsch, denn der Beton des Getreidesilos wird nicht recycliert, sondern umgenutzt: Die Betonaussenwände des Silos bleiben nämlich auf drei Seiten erhalten, nur die Aussenwand gegen Südwesten wird aufgeschnitten und öffnet den Blick von den geplanten Wohnungen im Innern des Silos auf den Baldeggersee.

Silo mit Schublade…

…ist der Titel des Karton-Artikels von Raphael Wiprächtiger, der hier als PDF nachgelesen werden kann. Beim Lesen des etwa vor einem Jahr entstandenen Artikels ist mir folgendes aufgefallen:

  • Verlockende Aufgabe: Von all den Architekturteams, die am Wettbewerb von 2022, mitgemacht haben, hat kein Team vorgeschlagen, die kulturhistorische Landmarke abzubrechen und durch einen Neubau zu ersetzen, obwohl der Wettbewerb keine Vorgaben zum bestehenden Silo machte. Offenbar war der Umbau eines Getreidesilos in Wohnungen eine reizvolle Aufgabe.
  • Getreidesilo-Bauboom: Nach dem 2. Weltkrieg wurde ein Getreideartikel in die Verfassung aufgenommen, der den Bund verpflichtete, Getreide vorrätig zu halten. Nach der Aufhebung dieses Artikels 1998 wurden viele Silobauten abgebrochen — nicht so in Gelfingen: das Silo wurde noch bis vor kurzem genutzt.
  • Dünne Betonwände: Das Gelfinger Silo war materialsparend gebaut, d.h. die dünnen Aussenwände hielten nur dank der wabenartigen Struktur der Getreidekammern im Innern. Mit dem Umbau muss die von oben eingeschobene «Wohn-Schublade» den Aussenwänden Halt geben und das Gebäude mit ihrem Erschliessungskern und den Geschossdecken versteifen und zusammenbinden.
  • Hürden für die Umnutzung: 2024 wurde die Baugenehmigung erteilt, obwohl die Behörden unsicher waren, wie sie baurechtlich mit der Nutzungsänderung eines Silos zu Wohnungen umgehen sollten. Widerstand gabs aus der Bevölkerung, die z.T. das markante Silo als störend empfand und es wohl am liebsten weghaben wollte.
  • Industriegeschichte: Der Autor kommt zum Schluss, dass das Projekt einen vielversprechenden Weg aufzeige, wie Bauten des industriellen Erbes der Schweiz in die Neuzeit transformiert werden könnten. Inzwischen ist klar, dass das Gelfinger Getreidesilo tatsächlich bald einmal bewohnt wird.
  • Nachhaltigkeit: Im Artikel nicht thematisiert wird die Nachhaltigkeit, die in der Klimakrise immer wichtiger wird. Nach Abschluss des Wettbewerbs stellte René Bieri, der Entwickler des Neumühle-Areals fest, dass es sicher nachhaltiger sei, den Turm umzunutzen, als abzureissen. «Ein Betonbau ist mit 40 Jahren noch nicht alt» (vgl. Luzerner Zeitung vom 9.8.2022).

Holzbauten

Die blgp architekten und das Landschaftsarchitekturbüro SIMA BREER haben 2022 zusammen die Wettbewerbe für die Überbauung der beiden Areale «Neumühle» und «Am Brunnen» im Zentrum Gelfingen gewonnen. Bezüglich Nachhaltigkeit beim Bauen ist erfreulich, dass sie Gebäude geplant haben, die mehrheitlich Holzbauten sind. Womöglich hat geholfen, dass Richard Stadelmann, Geschäftsführer und Mitinhaber der Holzbaufirma Stadelmann+Stutz AG in Fahrwangen als Investor an beiden Arealen beteiligt ist. Allerdings hätte ich gerne erfahren, ob die Silo-Umnutzung und die geplanten Holzbauten tatsächlich nachhaltiger sind als konventionelle Bauten.

*) Karton, das Magazin zu Architektur im Alltag der Zentralschweiz erscheint 3x jährlich als Beilage von null41 – das Kulturmagazin.