Als ich letzten Sommer in einer ehemaligen Industriezone in Liverpool das Freitagstexterbild von letzter Woche schoss, wusste ich: Das wird ein gutes Bild für die Freunde und Freundinnen der gepflegten Bildbetextung. Denn dieser „Töfflibueb“, der hier rasend schnell um die Ecke fetzt, klebt seltsam regungslos an den Ziegelwänden und wirkt wie aus einem anderen Leben geschnitten.

The Baltic Triangle

Bild: fotofrogg

Bild: fotofrogg

Das Wandbild wirbt für den Reifenhändler P & R Tyres (spezialisiert auf Motorräder) und stammt womöglich aus der benachbarten Druckerei AB Screenprint, die unter anderem Banner und Wallpaper herstellt. Die beiden Gewerbebetriebe sind mitten im Baltic Triangle von Liverpool — „früher die abgewetzte Werkstatt der Stadt, jetzt das angesagte Quartier, wo zukunftsorientierte Kreative arbeiten und sich austoben“, wie es auf der Homepage des Baltic Triangle heisst. Die Seite Investment and development in the Baltic Triangle preist die Vorzüge dieser recht zentral gelegenen und gut erschlossenen Entwicklungszone und versucht Investoren anzulocken. Die Kreativindustrie spielt die Vorreiterrolle und die Stadtmarketingorganisation Liverpool Vision überlegt sich, ob mittels zahlbaren Arbeitsräumlichkeiten der kreative Cluster unterstützt werden könnte, so dass sein Potenzial erhalten bleibt. Sonst kommt’s nämlich wie überall: Die Kreativen bereiten mit ihrer Zwischennutzung der alten Lagerhäuser den Boden für die Entwicklung und Getrifizierung des Baltic Triangle und fliegen selber über kurz oder lang aus dem Quartier raus.

A propos „Töfflibuebe“

„Töfflimeitli“ gibt es zwar auch, die sind aber weniger zahlreich. „Töfflibueb“ ist ein halb mitleidiger, halb liebevoller schweizerdeutscher Ausdruck für einen Mofa fahrenden Teenager. Mitleid mit dem Alter, das es noch nicht erlaubt, einen grösseren, stärkeren und schnelleren Töff zu fahren, liebevoll, weil die meisten gerne an die Zeit zurückdenken, als sie noch mit anderen Töfflibuben leidenschaftlich darüber stritten, ob nun der Puch Maxi oder der Piaggio Ciao das bessere Töffli sei, oder als sie in Vaters Werkstatt den Kolben abschliffen, um auf dem Schulweg triumphierend an den Kollegen vorbeifräsen zu können, oder als sie mit dem Töffli über den Gotthard ins Tessin tuckerten.

Ãœbertrieben hat’s dieser Töfflibueb — er war kreativer als die Polizei erlaubt:

Und fast eine diplomatische Krise ausgelöst haben diese zwei Töfflibuben, die einen Ausflug nach Österreich gewagt haben:

Preisverleihung

Etwas Background kann nicht schaden, vor allem wenn es um Töfflibuebe geht. Dennoch ist es Zeit für die Preisverleihung:

Die Jury hatte es nicht einfach, denn unter den elf Vorschlägen, die eingegangen sind, war keine einzige Niete. Schliesslich hat die Jury vier Bildlegenden in die engere Wahl genommen:

  • Mr. Spotts Auftragskiller, der den erfolgreichen Tophy-Fahrer um die Ecke bringen sollte,
  • Vielfrass, der Harry Potters Muggle-Cousin an einer Ziegelwand im Bahnhof Kings Cross scheitern lässt,
  • Shhhhh, der mit seiner Raum-Zeit-Faltung einen Ausflug in die Science fiction wagte und dafür Applaus aus dem Publikum erhielt, und
  • nömix, dessen Lokalmatador gnadenlos zusammengefaltet wurde.

Der begehrte Wanderpokal, der unter der Pyroshow an der letzten Verleihung etwas gelitten hat, nun aber wieder glänzt wie eh und je, geht an nömix, nicht weil er besonders gut recherchiert hat (Ich wusste gar nicht, dass es in Wald eine Töff-Trophy gibt.), auch nicht weil er das Lokalkolorit besonders gut getroffen hätte (Ursli heisst in der Schweiz nur der Schellen-Ursli, aber niemals der Lokalmatador), sondern weil der Jury die „gnadenlos faltende Konkurrenz“ gefallen hat:

„Bei der diesjährigen Walder Töff-Trophy wurde Lokalmatador Ursli Zwiebaecker von der Konkurrenz gnadenlos gefaltet.“

Herzliche Gratulation!

(Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, dass die Jury nach der diplomatischen Krise, die im Frühling von den St. Galler Töfflibuebe ausgelöst wurde, mit der Vergabe des Freitagstexters nach Österreich die Wogen glätten und einen Beitrag zur schweizerisch-österreichischen Verständigung leisten wolle. Die Jury weist diese Spekulationen als unbegründet zurück.)

Und hier geht’s zum nächsten Freitagstexter:

Die ewige Bestenliste auf Twitter: twitter.com/Freitagstexter

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