Eigentlich wollten wir Wandern, wo die Dichter lebten, wie es im Untertitel des Routenbeschriebs in unserem Wanderführer heisst. Doch weil der Busfahrer uns Tagespässe für den ganzen Lake District andreht, ändern wir unsere Pläne, reduzieren unser Wanderprogramm und machen stattdessen eine ausführliche Tour des Lacs. Auch die romantischen Dichter der Gegend lassen wir links liegen und dichten mit grossem Vergnügen lieber selber.

Unsere Tour des Lacs beginnt und endet in Keswick (1) — die Zahlen beziehen sich auf die Google-Maps-Routen weiter unten. Der Umrundung von See Nr. 1 habe ich einen früheren Eintrag gewidmet.

Auf der Fahrt ins Herz des Lake Districts, nach Grasmere (2), passieren wir See Nr. 2: Nach Wikipedia bestand der Thirlmere ursprünglich aus zwei Seen, die im Zuge der Industrialisierung mit einem 20 m hohen Damm zu einem aufgestaut wurden. Der Stausee liefert über einen Aquädukt Wasser ins rund 100 Meilen südlichere Manchester.

In Grasmere steigen wir aus. Hier beginnt die Wanderung, die wir uns vorgenommen haben. Und hier ist die Tour des Lacs im Ãœberblick:


Unsere Tour des Lacs in Google Maps (Zum Vergrössern auf die Grafik klicken!):
Von Keswick (1) mit dem Bus (hellblaue Linie) nach Grasmere (2), zu Fuss (hellblau gepunktet) nach Rydal (3), mit dem Bus nach Ambleside (4) und weiter nach Coniston (5). Spaziergang (hellblau gepunktet) an den See und zum Waterhead Hotel (6). Rückfahrt über Hawkshead (7) und Ambleside nach Keswick. Sowohl die Wanderung als auch der Spaziergang dauert länger als Google Maps meint. Das Dunkelblaue links auf der grossen Grafik ist kein See, sondern die See — die irische nämlich.

 

Die 2-Seen-Wanderung
Ein paar Impressionen vom Grasmere (See Nr. 3) und vom Rydal Water (See Nr. 4) zeigen, wie schön diese 2-Seen-Wanderung ist:

Der Touristenort Grasmere

Der See von Grasmere als Panorama (zum Vergrössern aufs Bild klicken!)

Herrschaftliches Anwesen

Am anderen Ende vom Grasmere

Zwischen den beiden Seen

Hier in der Nähe habe ich den Wunsch-Baumstrunk aufgenommen…

Eine Ruine am Wegrand

Während Rydal Water mit seinen Inselchen noch idyllischer ist als See Nr. 3, sehnt sich Frau Frogg eine Beiz herbei.

Uferbefestigungsmassnahmen der Nationalparkbehörde

Umsteigen in Apple-Cider
Nach zwei salzigen Scones und „Englands bestem Espresso“ hellt sich Frau Froggs Stimmung wieder auf. Meine wird dank einem Bio-Cider noch besser. Eigentlich sind Scones ein klassisches Teegebäck, das mit Marmelade und „Clotted Cream“, einer Art dicken Rahms, genossen wird. Diese salzige Variante ist so „fuerig“, dass zwei Stück als Mittagessen genügen.

Obwohl Frau Frogg von der Anglistenpflicht gerufen wird, verzichten wir in Rydal (3) auf den Besuch der Wirkungsstätte von „Lake-Poet“ William Wordsworth und nehmen stattdessen den Doppelstöcker nach Apple-Cider, äh, Ambleside (4).

Bis der nächste Bus nach Coniston fährt, haben wir eine gute halbe Stunde Zeit, um das für die Touristen herausgeputzte Ambleside zu besichtigen:
Amblesides belebte Hauptstrasse

Amblesides Kirche und Kino

„We don’t count bus stops.“
Als wir in den Bus nach Coniston steigen, will das asiatische Paar vor uns wissen, wie viele Haltestellen es bis nach Hawkshead seien. Die ebenso barsche wie unbeholfene Antwort des Fahrers: „Wir zählen die Haltestellen nicht.“ In der Tat ist es in England sinnlos, Haltestellen zu zählen, weil sie erstens kaum als solche zu erkennen sind und weil zweitens Busfahrer jederzeit und überall anhalten, wo es möglich ist, um Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Dem asiatischen Paar ist mit dieser Antwort natürlich nicht geholfen.

Unterwegs im Lake District, sehen wir im Vorbeifahren den See Nr. 5 (Windermere) und entdecken immer wieder mal einen kleineren See — was denn sonst. So kommen wir ins Blödeln:

Heit Dr*) de See gseh?
Nei Dir, dä See hani noni gseh.
Dass Dir dä See noni gseh heit!
Auso i wot dä See o no gseh!
Bi so viu Seeä git’s wou none See z’gseh.
Wenn chunnt ändlech de See?

Es funktioniert nur in Schweizerdeutsch oder besser: nur in Berndeutsch. (Diejenigen, die den Berner Dialekt kennen, bitte ich, mir allfällige Fehler zu verzeihen.) Übersetzt ist’s nicht halb so lustig:

Haben Sie den See gesehen?
Nein Sie, diesen See habe ich noch nicht gesehen.
Dass Sie diesen See noch nicht gesehen haben!
Also ich möchte diesen See auch noch sehen!
Bei so vielen Seen gibt’s wohl noch einen See zu sehen.
Wann kommt endlich der See?

„Where is the lake?“
In Coniston (5), einem weiteren, schmucken Touristenort, haben wir 40 Minuten Aufenthalt. Weil Coniston nicht direkt am See liegt, beschliessen wir nach einer kurzen Besichtigung von Coniston, auf der Lake Road zum Coniston Water (Nr. 6 der grösseren Seen) hinunter zu gehen. Auf der anderen Strassenseite ist eine englische Familie ebenfalls zum See unterwegs und wir hören, wie die Frau zu ihrem Mann sagt: „Can I ask a daft question? Where is the lake?“ — „Kann ich eine blöde Frage stellen? Wo ist der See?“ Nach unserer Blödelei im Bus konnten wir nicht anders, wir mussten herzlich lachen.
Hier ist der See: Coniston Water ist Nr. 6

Bootsanhänger, überall Bootsanhänger: But where is the lake?

Die Dampfyacht Gondola lief 1859 vom Stapel und ist wahrscheinlich eines der ältesten Passagierschiffe, die noch in Betrieb sind. Die Gondola war allerdings von 1936 – 1979 „out of service“. 1979 wurde sie vom National Trust übernommen und wieder instand gestellt. Seither dampft sie nicht mehr mit Kohle, sondern mit gepresstem Sägemehl.

Kunstvoll arrangierte Siloballen bei Hawkshead (7)

Nach dem Spaziergang zum Coniston Water und weiter zum Waterhead Hotel (6) nehmen wir den Bus nach Ambleside (4) und fahren zurück nach Keswick (1). Unterwegs fragen wir uns gegenseitig: „Heit Dr de See gseh?“

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*) Als Höflichkeitsform benutzen Berner und Bernerinnen „Ihr“ anstelle von „Sie“ — in Berndeutsch wird also geihrt und nicht gesiezt.

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