Nach dem Abstimmungswochenende reibt sich die Schweiz die Augen: Denkbar knapp mit nur 50.6% Ja und nur 28’445 Stimmen Unterschied haben die Stimmenden der Zweitwohnungsinitiative von Franz Weber zum Durchbruch verholfen. Sie beschränkt den maximalen Anteil an Zweitwohnungen für jede Schweizer Gemeinde auf 20 Prozent. In grossen Teilen des Berggebiets bedeutet dies faktisch ein Bauverbot für Ferienwohnungen, denn die Limite ist schon jetzt vielerorts weit überschritten.


Obige, interaktive Karte des Bundesamts für Statistik zeigt: Die Städte und grosse Teile des Mittellands und des Juras haben die alpine Schweiz überstimmt — was selten vorkommt, denn urban-fortschrittliche Anliegen haben es in der ländlich-konservativ geprägten Schweiz schwer. Es fällt auf, dass in den Agglo-Gürteln von Zürich, Luzern und Lausanne-Genf Nein-Mehrheiten zustande kamen — gut möglich, dass dies diejenigen Gebiete sind, wo die Unterländer mit Ferienhausambitionen ihren Erstwohnsitz haben. Abgelehnt wurde die Inititative in den Bergkantonen, insbesondere in den stark betroffenen Gebieten der Kantone Wallis, Tessins und Graubünden, wo weniger als 30% Ja gestimmt haben. Unter 40% Ja sind auch das Entlebuch und der Kanton Uri. Durchs Band abgelehnt wurde die Initiative in der konservativen, auf den Tourismus ausgerichteten Zentralschweiz — die wenigen Ausnahmen sind die Stadt Luzern und vier Nachbargemeinden sowie die beiden Tourismusgemeinden Vitznau (LU) und Unteriberg (SZ), wo wahrscheinlich die negativen Auswirkungen der kalten Betten überwiegen.

Folgende Karte zeigt die von der Initiative betroffenen Gebiete:


Rot eingefärbt sind Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil von mindestens 20%, dunkelrot strukturschwache Gemeinden mit Abwanderung und geringer Wohnbautätigkeit. Quelle: Faktenblatt des UVEK zur Volksinitiative «Schluss mit uferlosem Bau von Zweitwohnungen!» (PDF)

Was ist eine Zweitwohnung? Das ist eine Frage, die erst noch beantwortet werden muss. Die Statistik unterscheidet nämlich nur zwischen dauerhaft, zeitweise und nicht bewohnten Wohnungen. Auch obige Karte setzt Zweitwohnungen mit den zeitweise bewohnten Wohnung gleich. Im Jahr 2000 wurden in der Schweiz rund 420’000 zeitweise bewohnte Wohnungen gezählt, Fachleute schätzen, dass es heute etwa 500’000 sind. Die zwanzig Gemeinden mit den höchsten Anteilen — zwischen 65 und 83 Prozent — liegen gemäss letzter Volkszählung in den Kantonen Wallis, Graubünden und Tessin. Die höchsten Werte wurden in den Gemeinden Saint-Luc VS, Grimentz VS und Laax GR verzeichnet.

Legt man die beiden Karten übereinander, kommt dies heraus:


Zum Vergrössern auf die Karte klicken!
Legende:
hellgrün = Gebiete mit Ja-Mehrheit und Zweitwohnungsanteil unter 20%
oliv = Gebiete mit Ja-Mehrheit und Zweitwohnungsanteil über 20%
lila = Gebiete mit Nein-Mehrheit und Zweitwohnungsanteil unter 20%
rot = Gebiete mit Nein-Mehrheit und Zweitwohnungsanteil über 20%
violett = Gebiete mit grosser Nein-Mehrheit und Zweitwohnungsanteil über 20%

Fazit: In den alpinen Ferienhausgegenden der Schweiz wurde die Inititative abgelehnt, die Ausnahme bilden die wenigen oliv eingefärbten Gebiete, die trotz oder gar wegen vielen Zweiwohnungen Ja gestimmt haben. Abgesehen von den Agglomerationsgürteln der Städte haben das Mittelland und der Jura der Inititative zugestimmt. Wenn Städter und Städterinnen in die Berge fahren, wollen sie möglichst intakte und keine zersiedelten Landschaften geniessen und haben deshalb die Bergkantone überstimmt.

Share