„Hier genügte es, nackt zu tanzen“ sagte der Philosoph Peter Sloterdijk im Interview der SonntagsZeitung vom 24.3.2013 über den Monte Verità als Utopie. Das erinnerte mich daran, dass ich schon letztem Sommer einen Eintrag über unseren Ausflug auf den Tessiner Wahrheitsberg schreiben wollte. Ausserdem in diesem Beitrag: Festivalitis für Touristen, eine Höhenwanderung über dem Lago Maggiore und eine Insel mit wunderschönen Blumen.

1. Ascona — Festivalitis für Touristen



Ascona im Juni 2012: an der Hafenpromenade, in der für JazzAscona geschmückten Hauptgasse und einer herausgeputzen Nebengasse

Anlass für das Interview mit Sloterdijk ist der Primavera Locarnese, ein dreiteiliges vorösterliches Festival bestehend aus Eventi letterari auf dem Monte Verità mit dem Titel „Utopien und herrliche Obsessionen“, einem Rahmenprogramm „Youtopia“ und einem vom Filmfestival Locarno veranstalteten Filmprogramm „L’immagine e la parola“. Eingeladen sind klingende Namen wie Stararchitekt Mario Botta, Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und eben Philosoph Peter Sloterdijk, der mit Enzensberger und Gunhild Kübler die Frage diskutiert, warum Utopien scheitern. Das alles tönt interessant und recht verlockend, allerdings werde ich den Verdacht nicht los, der Locarneser Frühling diene vor allem einem früheren Start in die touristische Ostersaison, denn von den Einheimischen wird sich bestenfalls die deutschsprechende Fraktion für dieses Festival interessieren.

Als wir im letzten Sommer Ascona besuchten, war auch gerade ein Festival im Gang: Überall standen Bühnen für die 28. Ausgabe von JazzAscona, einem Festival, das sich dem traditionellen Jazz und dem New Orleans Beat verpflichtet hat. Auch dieses Festival, das 2009 über 70’000 BesucherInnen anzieht, ist auf den Tourismus ausgerichtet: Mit seinem musikalischen Profil spricht es gezielt ein älteres, zahlungskräftiges Publikum an und hilft im Juni dem Locarnese beim Start in die Sommersaison. Für meine touristische Festivalitis-These spricht auch, dass sich 2009 der Verkehrsverein Lago Maggiore entschied, das Festival zu behalten und weiterhin selber zu veranstalten statt die Durchführung einer privaten Gruppe aus Deutschland zu überlassen (Diese Information stammt aus einer früheren Version der Geschichte von JazzAscona).

2. Wanderstart mit Treppenweg

Nach der Besichtigung des herausgeputzten Touristenstädtchens beginnt die Wanderung gleich hinter der Hauptgasse mit dem Aufstieg auf den Monte Verità, von wo wir hangparallel nach Ronco sopra Ascona weiterwandern und dann nach Porto Ronco am Lago Maggiore absteigen — ein Treppenabstieg, der es in sich hat und in die Knie fährt. Unsere Wanderroute:

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Anreise von Locarno mit dem Bus der FART nach Ascona. Rot eingezeichnet ist unsere Wanderung treppauf zum Monte Verità, auf einem schönen Panoramaweg nach Gruppaldo und — weniger schön, aber aussichtsreich — auf asphaltierten Strassen nach Ronco und dann steil treppab zum Hafen von Ronco. Rückfahrt nach Locarno per Schiff der italienischen Navigazione Lago Maggiore mit einem Zwischenhalt auf den Isole di Brissago. Die roten Zahlen beziehen sich auf die Zwischentitel im Beitrag.
Quelle der Basiskarte: map.geo.admin.ch


Am oberen Ende des Treppenwegs zeigt der Blick zurück die schöne Lage von Ascona an der einen Ecke des Maggiadeltas, aber auch dass der beliebte Touristenort kein idyllisches Fischerdörfchen mehr ist.

3. Monte Verità — die Ruinen der gelebten Utopie



Auf dem Gelände des Monte Verità (im Uhrzeigersinn von oben links): Der Torre dell’utopia, die Villa Semiramis, eine erhalten gebliebene Open-air-Dusche und die Casa dei Russi, die russischen Studenten nach der Revolution von 1905 als Schlupfwinkel diente

Der Monte Verità war gemäss Wikipedia in der Pionierphase in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine lebensreformerische Künstlerkolonie, die heute als eine der Wiegen der Alternativbewegung gilt. Die Gründer der Kolonie waren überzeugt, dass die Änderung des eigenen Lebens eine Veränderung der Welt bewirken könne. Sie versuchten, ihre Utopien zu leben.

Für Ise Gropius war der Monte Verità „der Ort, an dem unsere Stirn den Himmel berührt…“ — schöner könnte man die magische Anziehungskraft nicht beschreiben, die vom Monte Verità ausging und heute noch legendär ist. Das Zitat stammt aus einem Text von Harald Szeemann, der 1978 durch seine vielbeachtete Ausstellung „Mammelle delle verità“ den Hügel über Ascona wieder zu einem Gesamtkunstwerk machte. Der lesenswerte und mit historischen Bildern illustrierte Text veranschaulicht sehr schön das Leben der Pioniere auf dem „Berg der Wahrheit“: „Ihre angestrebte Gesellschaftsform, die kooperative Systeme, Frauenemanzipation, Gewissensehe, neue Erziehungsformen, die Einheit von Seele-Geist-Körper in gelebte ‚Wahrheit‘ umsetzen will, ist am besten als privat-besitzfreie urchristlich-kommunistische Gemeinde zu umschreiben.“

Auf dem Monte Verità wurde diese Utopie zwar nicht in der Gemeinschaft gelebt, denn schon die GründerInnen verfolgten unterschiedliche Ziele. Aber einzelne verwirklichten ihre Ideale mit solchem Feu sacré, dass der „Berg der Wahrheit“ rasch Idealistinnen und Utopisten, Aussteigerinnen und Aussenseiter der Gesellschaft aus ganz Europa und aus Übersee anzog: Theosophen, Lebensreformer, Anarchisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Psychoanalytiker, dann Literaten, Schriftsteller, Dichter und Künstler und schliesslich die Emigranten der beiden Weltkriege. (vgl. Harald Szeemann)


„Roue Oriflamme“ (1962) von Hans Arp, einem der vielen Künstler, die vom Monte Verità magisch angezogen wurden.


Unser Mittagessen, ein Tintenfischsalat im Restaurant Monte Verità, hat sicher nicht den Idealen der „vegetabilen Cooperative“ vor 100 Jahren entsprochen.


Der deutsche Bankier Eduard von der Heydt liess 1929 vom Architekten Emil Fahrenkamp ein Hotel im Bauhausstil errichten.

Mit den Jahren wurde der Monte Verità immer mehr zum Sanatoriumsbetrieb, der 1920 wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit auch aufgegeben wurde. Mit dem im Bauhausstil erbauten Hotel erlebte der „Berg der Wahrheit“ ab 1926 eine zweite Blütezeit, die 1940 abrupt endete. Heute ist der Monte Verità ein Hotel mit Restaurant, ein Tagungszentrum mit Kulturprogramm und ein Museum, das den Mythos pflegt. Der Monte Verità ist aber auch eine öffentliche Parkanlage mit den Überresten einer längst entschwundenen Utopie — und es fühlt sich an wie in römischen Ruinen: Das damalige Leben wird zwar vorstellbar, bleibt aber doch seltsam unbeseelt. In den Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegungen jedoch wirken die Impulse vom „Berg der Wahrheit“ weiter bis in die Gegenwart.

4. Hoch über dem Lago Maggiore

Der Panoramaweg der vom Monte Verità nach Ronco führt, verläuft zunächst in einem parkähnlichen, lichten Wald, dann auf einer geteerten Nebenstrasse durch die verstreuten Villen am Hang über dem Lago Maggiore und bietet immer wieder einen herrlichen Ausblick auf den Langensee, wie der See auf deutsch heisst:

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Das 180°-Panorama reicht vom Maggiadelta mit Ascona über den Monte Gambarogno bis weit nach Italien. Das andere Ende des Lago Maggiore ist nicht zu sehen: Es liegt rund 50 Kilometer südlicher in der Nähe von Arona (Provinz Varese).

5. Ronco sopra Ascona


Ronco

Um zwei Uhr mittags wirkte Ronco wie ausgestorben — keine Menschenseele war zu sehen. Nicht einmal eine Katze huschte über die Dorfstrasse. Mit den Isole di Brissago vor Augen stiegen wir die Treppen nach Porto Ronco hinunter.


Lago Maggiore mit den Isole di Brissago

6. Die Navigazione Lago Maggiore

Die Schifffahrt auf dem Lago Maggiore wird von der italienischen Gestione Navigatione Laghi betrieben. Neben Längsfahrten von Locarno ins rund 40 Kilometer entfernte Stresa bietet sie Tragflügelbootverbindungen nach Luino, aber auch fünfminütige Überfahrten auf die Isole di Brissago an.


Unser nächstes Ziel, die Blumeninseln von Brissago, …


… und der Blick zurück auf den Villenhang von Ronco.

7. Blumeninseln mit Frostschaden

In Extravagante Baronin hat Frau Frogg die interessanteste Geschichte, die mit dem botanischen Garten auf den Isole di Brissago verknüpft ist, sehr schön erzählt. Als wir die klimatisch milden Blumeninseln besuchten, waren etwa ein Drittel der subtropischen Pflanzen vom vorangegangenen kalten Winter frostgeschädigt — ein herber Rückschlag für den 1950 eröffneten Parco botanico. Trotz Frostschaden konnten wir uns an den prachtvollen Blüten kaum sattsehen:





Fragt mich nicht nach den Namen dieser wunderschönen Blumen — ich weiss nur noch, dass die weissen, feinen Blüten im untersten Bild zu einem australischen Teebaum gehören. Mit einem wohlverdienten Bier und einer stündigen Schiffsfahrt zurück nach Locarno endete dieser wunderschöne und abwechslungsreiche Ausflug nach Ascona, auf den Wahrheitsberg und die Blumeninseln von Brissago.

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