Auf den nächsten Berg im Locarnese, die Corona dei Pinci, wollte Frau Frogg nicht mitkommen — sie zog eine Shoppingtour durch Ascona einer beschwerlichen Tour über die „Krone“ ins Centovalli vor. Mir ist’s recht, denn für mich ist die Tour, die ich vor über dreissig Jahren schon einmal gemacht habe, mit vielen Erinnerungen an zwei Ex-Freundinnen verbunden. Ohne Frau Frogg kann ich ungestört eine Revival-Tour machen.

Und jetzt habe ich recherchiert, wie etliche Projekte am Wegrand sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt haben:

Ich war gut zwanzig, als wir in einer Gruppe von sechs, sieben Personen für ein verlängertes Wochenende ins Tessin fuhren. Wir übernachteten damals in einem Lagerhaus des Campo Pestalozzi in Arcegno. Das 1929 vom Luzerner Pfarrer Julius Kaiser initiierte Feriendorf existiert immer noch und ist nach wie vor ein Ort für Lager aller Art, für Schulreisen und Erwachsenengruppen. In zehn einfachen Gebäuden, die über ein 3.5 ha grosses, parkähnliches Gelände verstreut sind, bietet das Campo Platz für insgesamt über 300 Personen. Damals habe ich mich in Brigit verliebt, die 1981 für ein knappes halbes Jahr meine erste Freundin war und die ich inzwischen aus den Augen verloren habe — lange ist’s her, aber ich erinnere mich immer noch gerne an diese intensive Zeit.

Falsche Routenwahl (1)

Selbstverständlich erinnere mich auch an die Wanderung, die wir damals gemacht haben: Sausteil hoch und dann durch raschelndes Laub den bewaldeten Bergrücken entlang allmählich hinab ins schön gelegene Tessiner Dorf Rasa. Diese Wanderung will ich wieder machen — allerdings ohne den Riesenfehler zu wiederholen, den wir mit damaligen Routenwahl gemacht haben: Auf der Rückseite der Corona dei Pinci haben wir die grossartige Aussicht verpasst.

Die damalige Route ist gestrichelt eingezeichnet, diejenige vom Sommer ausgezogen.

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Die damalige Route ist rot gestrichelt eingezeichnet, diejenige von 2015 ausgezogen: Anfahrt mit Bus 314 von Locarno. Wanderung von Arcegno (1) über die Corona dei Pinci (3), manchmal auch „Corona di Pinz“ geschrieben, über Termine (6) nach Rasa (7). Für den Aufstieg (1) gibt es drei Varianten, meine mittlere Route ist aber nicht zu empfehlen, denn der wenig begangene Weg ist nur noch eine Wegspur. Rückreise: Mit der Seilbahn (gelb) von Rasa (7) quer übers Tal nach Verdasio (8) runter und mit der Centovallibahn zurück nach Locarno.

Nicht nur ich wähle in Arcegno den falschen Aufstieg, auch Wanderblogger Franco Giacomello, der über den Pizzo Leone nach Rasa gewandert ist, hat den selben Fehler gemacht. Ich empfehle stattdessen die gestrichelten Routen: Die südliche entspricht der Wanderung 25 in Genusswandern Tessin von Eugen E. Hüsler, die nördliche habe ich von vor 30 Jahren als steiler, aber guter Weg in Erinnerung. Silke Hertel hat diesen Aufstieg genommen und beschreibt ihn auf www.outdooractive.com (Hüslers Rundwanderung in umgekehrter Richtung). Wenn man allerdings nach Rasa wandern und nicht den gleichen Fehler machen will wie wir vor Jahrzehnten, sollte man bei erster Gelegenheit das Val Brima queren und auf der aussichtsreicheren Südseite zur Corona dei Pinci aufsteigen…

(1) Nicht zu empfehlen: der direkte Aufstieg. Blick über Arcegno, den Monte Verità nach Locarno und Ascona

(1) Nicht zu empfehlen: die Direttissima von Arcegno. Blick Richtung Locarno und Ascona

Je höher, desto besser… (2)

…wird das Wetter. Es tut auf, wie wir in der Schweiz sagen, will heissen: Die Wolken verziehen sich und der Himmel wird blauer. Dass mit jedem gewonnenen Höhenmeter auch die Aussicht besser wird, ist logischer, allerdings kommt diese Logik erst zum Tragen, wenn sich der Wald lichtet:

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Von hier oben ist nur ein gutes Drittel des 64 km langen Langensees, wie der Lago Maggiore auf Deutsch heisst, zu überblicken.

Von hier oben ist nur ein gutes Drittel des 64 km langen Langensees/Lago Maggiore zu überblicken. Um das südliche Ende zu sehen, müsste man schon auf den Gridone (2188 m.ü.M.) steigen.

La Corona (3)

Nach knapp drei Stunden bin ich oben auf der Corona dei Pinci (1294 m.ü.M.) und es hat sich gelohnt: Die Aussicht ist überwältigend und ich habe den Gipfel für mich allein. „Was für ein schöner Platz!“ schreibt Eugen E. Hüsler in seinem Wanderführer — da kann ich ihm nur beipflichten.

Das Panorama von der Corona dei Pinci

Das Panorama von der Corona dei Pinci würde von Bellinzona bis Luino in Italien reichen…

Der Kulturflaneur blickt nach Ascona...

Der Kulturflaneur blickt nach Ascona…

...kann aber Frau Frogg nicht entdecken. Sie muss grad in einem Laden verschwunden sein!

…kann aber Frau Frogg nicht entdecken. Sie muss grad in einem Laden verschwunden sein!

Waldbrand (4)

Nach dem Lunch auf der Corona dei Pinci geht’s auf gleicher Höhe weiter in südwestliche Richtung. Nach etwa einem Kilometer sieht es aus, als wäre grad eben der Krieg zu Ende gegangen:

Ãœberall verkohlte Bäume:   Im April 2007 wurden hier 200 ha Wald Opfer der Flammen.

Ãœberall verkohlte Bäume: Im April 2007 wurden hier 200 ha Wald Opfer der Flammen.

40 bis 80 mal pro Jahr brennt irgendwo in der Schweiz der Wald — am häufigsten im Wallis, in Graubünden und im Tessin. Meist sind nur kleinere Flächen betroffen, doch dieser Waldbrand oberhalb von Ronco sopra Ascona gehört zu den verheerendsten seit der Jahrtausendwende. Sogar die Armee musste zu Hilfe gerufen werden…

Der hier eingebettete Fernsehbericht von Schweiz aktuell vom 24. April 2007 über den Waldbrand und die Löschflüge mit Armeehelikoptern wurde leider gelöscht.

Abzweigung (5)

Nach einem weiteren Kilometer zweigt meine Route rechts ab. In einer guten Stunde Wanderzeit könnte man als Variante via Alpe di Naccio auf den Pizzo Leone (1659 m.ü.M.) aufsteigen, was aber 350 zusätzliche Höhenmeter bedeutet (vgl. Bericht von Wanderblogger Franco Giacomello).

Alpe di Naccio und Pizzo Leone

Routenvariante: hügelauf zur Alpe di Naccio und dann nach hinten rechts auf den Pizzo Leone

Hoch über dem Centovalli führt der Weg schräg durch den Wald hinab nach Termine. Auf zweieinhalb Kilometern geht es 300 Meter abwärts. Wieder auf der Route von damals unterwegs, kommt mir der schöne Wald ohne Unterholz bekannt vor.

Das Ende der Welt (6)

Nomen est omen: Termine ist eine Gruppe von verfallenen Steinhäusern. Die Ruinen sind derart abgelegen, dass sie kaum je wieder aufgebaut werden.

Am Ende der Welt: ein verfallenes Steinhaus in Termine

Am Ende der Welt: ein verfallenes Steinhaus in Termine

Zwischen den Monti und Rasa öffnet sich der Blick ins Centovalli und ins Pedemonte:

Pedemonte

Gut sichtbar ist die Strasse, die sich durchs Centovalli nach Intragna (Bildmitte) schlängelt. Hinter Intragna ist der Talausgang des Onsernone zu sehen, rechts davon die Dörfer des Pedemonte. Ganz hinten, bei Ponte Brolla, mündet von links das Maggiatal ins Pedemonte.

Am Ziel (7)

Auf diesen Moment habe ich lange gewartet: Rasa (898 m.ü.M.) rückt ins Blickfeld

Auf diesen Moment habe ich lange gewartet: Rasa (898 m.ü.M.) rückt ins Blickfeld.

Hier in Rasa überkreuzen sich meine Erinnerungen an Ex-Freundinnen. Denn hier endete vor über 30 Jahren die Wanderung der Gruppe, bei der auch meine erste Freundin Brigit dabei war. Hier jedoch war ich später auch mehrmals mit Christine, meiner dritten Freundin, mit der ich 14 Jahre zusammen war. Bevor ich sie kennenlernte, engagierte sie sich drei Sommer lang im Wiederaufbauprojekt Terra Vecchia, das von Rasa zu Fuss in etwa zehn Minuten zu erreichen ist.

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So wie auf dem Bild oben sah Terra Veccia in der Mitte der 80er Jahre aus, als ich zum ersten Mal da war: Das Dach der Kirche war neu gemacht, weil es einsturzgefährdet war. Das zweite intakte Gebäude war ein Neubau: Die Bergstation der Seilbahn von Bordei, ohne die ein Wiederaufbau nicht möglich war. Nicht zu sehen, aber ebenso wichtig war die neu erstellte Wasserleitung quer durchs Bordei-Tal, denn höchstwahrscheinlich wurde Terra Vecchia aufgegeben, weil die Quelle versiegte. Etwa zwanzig Jahre später war — wie das Bild unten zeigt — ein Traum wahrgeworden: Terra Vecchia ist kein Ruinendorf mehr, aber auch noch nicht vollständig wieder aufgebaut.

„Terra Vecchia“ ist untrennbar verbunden mit Jürg Zbinden, der 1969 im „Gelben Heft“ von einem „verwunschenen Dorf“ las, ins Centovalli reiste und sich in die Ruinen verliebte. Er träumte davon, Terra Vecchia wieder zum Leben zu erwecken. Für 5000 Franken kaufte er den verfallenen Weiler seinen Besitzern ab. Damit war aber nur ein erster Schritt gemacht, denn bis zur Realisierung der Vision war es noch ein weiter Weg, weil sich die Umsetzung als schwieriger erwies als zunächst angenommen (vgl. NZZ-Artikel vom 14.10.2006 über Jürg Zbinden und über Terra Vecchia). Sozusagen als Nebenprodukt entstand auf der anderen Talseite in Bordei eine sozialtherapeutische Gemeinschaft, die sich um die Reintegration von Ex-Junkies kümmert. Trägerschaft ist bis heute die 1973 gegründete Stiftung Terra Vecchia, die bis 2013 zu einem Netzwerk von 17 Betrieben mit 119 MitarbeiterInnen angewachsen ist und rund 180 Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt. 2004 wandte sich Zbinden wieder mehr dem ursprünglichen Wiederaufbauprojekt zu und gründete die Fondazione Terra Vecchia Villaggio. Ich kenne Jürg Zbinden nicht näher, aber ich weiss: Wer so lange dran bleibt, um seinen Traum wahr werden zu lassen, braucht einen Dickschädel, viel Durchhaltevermögen und Überzeugungskraft, um auch andere dazu zu bringen sich für den Traum zu engagieren.

Der Blick von Rasa übers Bordei-Tal auf den Gridone (2188 m.ü.M.)

Der Blick von Rasa übers Bordei-Tal auf den Gridone (2188 m.ü.M.)

Tiefblick (8)

Die Heimkehr beginnt mit einer Fahrt mit der Luftseilbahn von Rasa – Verdasio.

Von der Bergstation in Rasa...

Von der Bergstation in Rasa…

...übers Centovalli nach Verdasio.

…übers Centovalli nach Verdasio.

Furchteinflössend ist der Blick aus der Seilbahn in die Tiefe...

Furchteinflössend ist der Blick aus der Seilbahn: In der Tiefe des Tals fliesst die Melezza.

Centovallibahn an der Haltestelle Verdasio

Haltestelle Verdasio

Weiter geht es mit der Centovallina über Intragna und Ponte Brolla nach Locarno. Die Bahnfahrt durchs Centovalli ist allein schon ein Erlebnis, so dass wir eine Fahrt mit dem „Centovalli-Express“ nach Domodossola ins Auge fassen. Express ist allerdings zu viel versprochen: Die Fahrt von Locarno über die attraktive Bahnstrecke mit ihren 83 Brücken und 34 Tunneln ins italienische Domodossola dauert fast zwei Stunden.

Bei Intragna (9) überqueren sowohl die Bahn als auch die Strasse den Ausgang des Onsernone mit eindrücklichen Brücken.

Bei Intragna (9) überqueren Bahn und Strasse das Onsernonetal mit eindrücklichen Brücken.

Fazit: Das Wandern mit den Ex ist noch interessanter als Wandern mit Bradley!

⇒ Wanderbeschrieb Ascona – Alpe di Naccio – Rasa auf www.wanderungen.ch
⇒ Die Corona dei Pinci ist auch auf stories & places eingetragen.
⇒ In dieser Region soll bald der Parco Nazionale del Locarnese entstehen.

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