Diese Frage stelle ich mir, seit ich in Aarau einen Schnappschuss der aufgeblasenen Wolke gemacht habe, die den Bushof auf dem Bahnhofplatz überdacht. Eine Antwort liefert die Architektur-Zeitschrift Hochparterre, die im Artikel Die Zerdächerung anhand von 15 Beispielen die Dachmonster anprangert, die Schweizer Bahnhofplätze befallen, und angesichts der neuen Seuche fordert: „Rettet die Bahnhofplätze!“

Die Wolke über dem Aarauer Bahnhofplatz, aufgenommen aus dem wartenden Postauto

Auch wenn ich zugeben muss, dass diese leichte Konstruktion tatsächlich — wie Hochparterre moniert — den Platz verschleiert, hat mir die Aarauer Stadtwolke doch gefallen. Auch die Ironie, dass ausgerechnet eine Wolke vor dem Regen schützt, gefällt mir. Aber das Argument, Perfektionismus, Geldüberfluss und Gestaltungswut würden zu überperfekten, teuren und aufgeregt-lustigen Dachmonstern führen, kann ich nachvollziehen: Wie die Hochparterre-Bildergalerie zeigt, sind Bushof-Überdachungen nicht nur in der Schweiz häufig übergestaltet und keine architektonischen Meisterleistungen — weniger wäre bisweilen mehr.

Was muss ein Bahnhofplatz?

Zumindest in Schweizer Städten ist der Bahnhofplatz meist der zentralste Platz, der früher viele öffentliche Funktionen hatte: Er musste den Bahnhof ins städtische Strassennetz einbinden, er war ein Umschlagsplatz für Personen und Waren, er diente als zentraler Treffpunkt und als Versammlungsort für politische Kundgebungen und hatte oft auch eine repräsentative Funktion.


Der neue Bahnhof Aarau

Der Bahnhofplatz Zürich war um 1894 noch ein schöner Platz, der Raum bot für vieles, ein grosser Möglichkeitsraum. Bildquelle: Zentralbibliothek

Heute ist der Bahnhofplatz Zürich nur noch eine Verkehrsmaschine, der sich alles unterordnen muss — nicht einmal das Denkmal für den Eisenbahnkönig Alfred Escher steht noch am ursprünglichen Ort. Bildquelle: Eichenberger AG

Wie das Zürcher Beispiel zeigt, muss ein Bahnhofplatz heutzutage nur noch eines: die Bahn als überregionales und regionales Verkehrsmittel möglichst optimal mit dem regionalen und lokalen Verkehrssystem verknüpfen. Wie der Platz aussieht, ist zweitrangig — Hauptsache, die PendlerInnen können möglichst rasch und bequem vom Zug auf Tram und Bus umsteigen.

Der Bahnhofplatz in Zürich ist nicht mehr zu retten. Dennoch hat Zürich einen überdachten Bahnhofplatz:

Seit die Bahnhofhalle im Zürcher Hauptbahnhof 1996 von den Einbauten befreit wurde, dient sie als überdachter öffentlicher Raum. Das Bild stammt aus einem Artikel von 20 Minuten. Die Pendlerzeitung berichtete am 21.9.2011 darüber, dass die Bahnhofshalle erstmals für Politzwecke genutzt wurde: Im Rahmen des Wahlkampfs erlaubten die SBB den Parteien, sich auf jeweils 50 Quadratmetern zu präsentieren.

Die Zürcher Bahnhofhalle, die an bis zu 100 Tagen im Jahr für allerlei Events genutzt wird, ist heute ein gigantischer Treffpunkt: Mit der funktionalen Entmischung des öffentlichen Raums hat sie die ehemaligen Funktionen des Bahnhofplatzes übernommen. Auch in anderen Städten dient der Bahnhofplatz nur noch dem Umsteigen, alle anderen Nutzungen werden tendenziell weg verlagert. Die Überdachung der Bahnhofplätze ist die logische Konsequenz — keine Stadt will ihre PendlerInnen im Regen stehen lassen.

Ein guter Bahnhofplatz dient nicht nur dem Umsteigen

Monofunktionale Bahnhofplätze sind im Trend, aber sind sie auch städtebaulich und gesellschaftlich wünschbar? Ich bin überzeugt, dass eine lebendige Stadt einen vielfältig genutzten Bahnhofplatz braucht. In die richtige Richtung geht Luzerns Bahnhofplatz:

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Der Screenshot von Google Maps zeigt den Bahnhofplatz Luzern zwischen Bahnhof und See, zwischen der wichtigsten Verkehrsachse über die Seebrücke und KKL. Der Platz ist dreigeteilt: links die Haltestellen der städtischen Buslinien, in der Mitte die Fussgängerachse vom Bahnhof zur Schifflände, rechts der Busterminal für die Linien in die Agglomeration. Der Platz setzt sich als Europaplatz fort unter dem weit auskragenden Dach des Kultur- und Kongresszentrums.

Auch in Luzern ist der Bahnhofplatz, der das Scharnier zwischen Bahnhof, Stadt und See bildet, vor allem eine Verkehrsmaschine, zumal der Bahnhof ein Kopfbahnhof ist, sämtliche Schifffahrtslinien auf dem Vierwaldstättersee hier beginnen und enden und fast alle städtischen und regionalen Buslinien über den Bahnhofplatz führen. Entsprechend gross ist das Verkehrschaos in den Stosszeiten. Für die Stadt Luzern hat der Bahnhofplatz „in erster Linie drei Funktionen zu erfüllen: Drehscheibe des öffentlichen Verkehrs, Visitenkarte für Luzern und Ort der Information (ÖV, Stadtpläne usw.). Andere Nutzungen werden toleriert, sofern sie diese Hauptnutzungen nicht einschränken“ (vgl. Medienmitteilung der Stadt Luzern vom 29.9.2009). Luzern sucht also einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Ansprüchen. Tatsächlich dient der Bahnhofplatz nicht nur dem Umsteigen, sondern auch repräsentativen Zwecken: Der rekonstruierte Torbogen des alten Bahnhofs erinnert an den Brand und geleitet die Reisenden vom Bahnhof zum Schiff und umgekehrt. Der Bahnhofplatz ist auch ein Treffpunkt und ein Ort des Vergnügens, dafür lässt Luzern die PendlerInnen mancher Buslinien im Regen stehen.

An der Määs beispielsweise steht das Karussell mitten auf dem Bahnhofplatz.

Luzern geht mit seinem Bahnhofplatz in die richtige Richtung: Auch wenn der Platz vorwiegend dem öffentlichen Verkehr dient, bemüht sich die Stadt, diesen zentralen Platz auch noch anderweitig zu nutzen. Ein guter Bahnhofplatz ist nicht nur eine Verkehrsmaschine, sondern auch eine Visitenkarte der Stadt, ein Treffpunkt und ein Aufenthaltsort — ob mit oder ohne Dach, ist letztlich eine zweitrangige Frage der Ästhetik. Ein guter Bahnhofplatz ist ein multifunktionaler öffentlicher Raum, der nicht nur den Ansprüchen der PendlerInnen gerecht wird.

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