Vor drei Jahren habe ich im Beitrag Bestellte Theaterkritiken das Projekt www.theaterkritik.ch vorgestellt, das dem schleichenden Abbau der Kulturberichterstattung in den Printmedien etwas entgegenzustellen versprach. Vor einem Jahr wurde das Projekt wieder eingestellt, weil nach breiter Kritik an der Finanzierung — die Kritiken wurden von den Theatergruppen und -veranstaltern bestellt und bezahlt — die Bestellungen rückläufig waren. Eine Antwort auf die Titelfrage lautet also: nicht die Theaterschaffenden und auch nicht die Theaterveranstalter. Aber wer sonst soll die für den Kulturbetrieb wichtigen Kritiken zahlen?

Eine der letzten Kritiken auf www.theater.ch — das Projekt wurde im Oktober 2013 eingestelltEine der letzten Kritiken auf www.theater.ch — das Projekt wurde im Oktober 2013 eingestellt, die Archiv-Version der Website kann man noch auf www.bytesbones.ch anschauen.

Die Kritik an theaterkritik.ch war heftig: In der FAZ-Feuilletonglosse Korrupzick.ch schrieb Gerhard Stadelmaier, dass so aus einem Zeitungsberuf ein Theaterberuf werde und „der Theaterkritiker das, als was ihn die Theater längst haben wollten: ein Mitmacher. Er bringt sich im Theater ein, und das Theater bringt sich bei ihm ein. Ein einbringliches Geschäft für beide.“ Das ist ein klares Votum gegen bestellte und bezahlte Kritiken.

Sogar auf dem Theaterblog der britischen Zeitung The Guardian stellte Andrew Haydon die Frage: Should theatres pay critics to come and review? Er zitiert die Mitbegründerin der Kritik-Website, Ursina Greuel: „When you have an interest in serious discussion, then it makes you look a serious organisation. A well-written slating is always more interesting than a badly written, well-meaning review.“ Besser ein gut geschriebener Verriss als eine schlecht geschriebene Lobhudelei also. Es sei ein interessantes Modell und er schaue gebannt darauf, wie es starte, schrieb er weiter.

Inzwischen ist klar, dass theaterkritik.ch zwar gestartet, aber schon wieder auf dem harten Boden der Realität gelandet ist. In „Theaterkritik.ch“ wird eingestellt, einem Bericht der Aargauer Zeitung vom 10. Oktober 2013, vermisste Ursina Greuel die Solidarität der grossen Theaterhäuser: „Just diejenigen Institutionen, deren Stücke ohnehin viel besprochen werden, bezeichneten ‚Theaterkritik.ch‘ als unmoralisch.“ Nach 140 Kritiken über 70 Stücke in zwei Jahren war also Schluss, aber das Problem der ungenügenden Berichterstattung über Theaterproduktionen besteht weiter.

Wie finanzieren sich Kulturkritikblogs?

Screenshot von www.kulturteil.ch — dieser Kritikblog überlebt dank Querfinanzierung der IG Kultur und Beiträgen aus der Kulturförderung des Kantons Luzern

Der Start dieses Kritikblogs wurde 2007 ermöglicht durch einen Werkbeitrag von Stadt und Kanton Luzern (vgl. www.kulturteil.ch). Ein Gastpreis über 15’000 Franken sicherte 2011 das Weiterbestehen. Im Sommer 2013 scheiterte ein Versuch, 4000 Franken über Crowdfunding zusammenzubringen. Und 2014 überlebt kulturteil.ch dank einem Beitrag aus der kantonalen Kulturförderung und dank der tiefen Honorare und Gratisarbeit der Kritiker und Kritikerinnen.

Screenshot von zmitz.ch, der relativ neuen Solothurner Kulturagenda mit Blog Screenshot von www.zmitz.ch. Die relativ neue Solothurner Kulturagenda mit Kritikblog finanziert sich über Mitgliederbeiträge, Gratisarbeit und vielleicht bald auch Werbung

Ursprünglich war die Kulturagenda als Printprodukt geplant, was eine gute Idee wäre, fehlt doch in Solothurn ein gedrucktes Ausgehmagazin. Allerdings zeigte sich schon bald, dass ein gedruckter Veranstaltungskalender zur Zeit nicht finanzierbar ist. Ob sich die Online-Version mit Werbung finanzieren lässt, wird sich noch zeigen. Aber ohne die freiwillige Arbeit der Kritiker und Kritikerinnen wird es wohl kaum gehen.

Neben dem Kritikblog Kulturblock (Screenshot) betreibt das Zentralschweizer Online-Magazin zentral+ einen Architekturblog, einen Literaturblog und einen Hörspiel-Blog — gerne wüsste man, wie diese Inhalte des „unabhängigen“ Online-Magazins genau finanziert werden.

Gemäss dem Über uns stehen hinter zentral+ „Personen aus Luzern und Zug, die sich unter dem Kürzel M.M.V. zusammengeschlossen haben. M.M.V. steht für Medien.Meinungen.Vielfalt. M.M.V. besteht aus einem Verein, einer Aktiengesellschaft sowie aus einer Stiftung (in Gründung). Der gemeinnützige und parteipolitisch unabhängige Verein, der im Mai 2010 gegründet wurde, ist Träger des Vorhabens.“ Betrieben wird zentral+ von der MMV Online AG in Luzern mit rund einem Dutzend MitarbeiterInnen. Finanziert wird zentral+ über Werbung, Spenden der LeserInnen und Beiträge der Vereinsmitglieder. Wieviel zentral+ den Schreibenden bezahlt, konnte ich bis anhin noch nicht in Erfahrung bringen.

Fazit: Die Finanzierung von Online-Kulturkritiken durch Kulturschaffende und Kulturhäuser ist so anrüchig, dass theaterkritik.ch nach zwei Jahren das Handtuch warf, andere Kulturkritikblogs sind entweder subventioniert und querfinanziert oder auf Beiträge und Spenden angewiesen. In jedem Fall aber sind die Schreibenden unterbezahlt oder arbeiten gar ganz gratis. Die Unabhängigkeit der Kulturkritik wird schliesslich mit mangelnder Kontinuität und Verlässlichkeit der Berichterstattung erkauft und geht bisweilen auch auf Kosten der Qualität.

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