Ende September machten wir wieder einmal ein Wienreisli: einen ganzen Tag mit dem Railjet Österreich durchqueren, vier Tage lang Freunde besuchen und Wien geniessen und wieder einen ganzen Tag zurück nach Luzern tuckern. Auch wenn das Wetter eher trüb und nass war — Wien ist immer eine Reise wert, wie mein Wiener Bilderbogen zeigt.

Nach unserer Ankunft im Hotel waren wir von der langen Zugfahrt gerädert, so dass nur noch der Besuch beim Italiener um die Ecke drin lag.

Tag 1 — Zentralfriedhof & Hotel Love

  • Bei allen unseren Wienbesuchen wollten wir den Zentralfriedhof besichtigen — immer stand noch etwas anderes zuoberst auf der Liste. Diesmal hat’s geklappt und wir waren nicht nur von seiner schieren Grösse beeindruckt — wir fanden’s auch überaus interessant.
  • Nach einem nachmittäglichen Bummel über die Mariahilfer Strasse haben wir uns mit unseren Wiener Freund:innen am Prater verabredet: Zuerst zum gemütlichen Abendessen im «Sharing Stil» im Rooftop-Restaurant NENI über den Anlagen des Vergnügungsparks — sehr fein! — und dann zur Buchpräsentation von Petra Piuks neuem Roman «Hotel Love» in der Superbude, vgl. Petra Piuk lädt ins neue Hotel Love (Die Burgenländerin, Interview vom 4.9.2025). Im «Hotel Love» programmieren Männer ihre Roboterfrauen ganz nach ihrem Geschmack, um sie heiraten und mit ihnen eine Familie gründen zu können. Bei dieser schonungslosen Antithese zum klassischen Liebes­roman bleibt einem das Lachen im Halse stecken…

Tag 2 — Tafelspitz & Aufbruch in die Moderne

Tag 3 — Heller-Park & frauengerechtes Bauen

  • Das Wetter war an Tag 3 am schönsten und passte gut zu unserem Ausflug nach Transdanubien: Zuerst waren wir im Donaupark unterwegs — für viele Wiener:innen ein grosses Freizeitgelände mit Sportplätzen, Chinagarten, Spielplätzen, Parkbahn etc., dann folgten wir der Alten Donau, die ebenfalls für Freizeitaktivitäten (segeln, rudern, schwimmen) genutzt wird, überquerten beim Angelibad die Alte Donau und genossen die Sonne im Strandgasthaus Birner.
  • In Floridsdorf entsteht entlang der Alten Donau eine von André Heller kuratierte Natur- und Kunstoase, der Bank Austria Park. In der inzwischen eröffneten Anlage laden 14 Skulpturen und Installationen international renommierter Künstler:innen zum Flanieren ein (Die Floridsdorfer Zeitung vom 1.10.2025).
  • Donauabwärts gelangten wir zu einem Neubaugebiet mit über einem Dutzend Baukränen. Auf einer Fläche von ungefähr sieben Hektar entstehen hier 1400 geförderte und 400 frei finanzierte Wohnungen (vgl. www.meinbezirk.at/floridsdorf/). Insgesamt sollen im Donaufeld rund 6000 Wohnungen entstehen — kein Wunder kämpft die Gruppe Freies Donaufeld für einen Baustopp auf den verbliebenen zwei Dritteln des Donaufelds.
  • Auf Wunsch von Frau Frogg besichtigten wir mit unseren Wiener Freund:innen die Frauen-Werk-Stadt I, eine Wohnhausanlage im 21. Wiener Gemeindebezirk — megainteressant! Auf einer Fläche von 2.3 ha entstanden zwischen 1992 und 1997 auf Initiative des Frauenbüros der Stadt Wien 357 Wohnungen in Geschossbauweise, geplant von vier Architektinnen in Zusammenarbeit mit einer Landschaftsarchitektin. Dieses Modellprojekt gilt bis heute als europaweit grösstes Bauvorhaben, das von Frauen nach Kriterien des frauengerechten Wohn- und Städtebaus geplant und realisiert wurde. Die Erkenntnisse, die aus diesem Modellprojekt gewonnen wurden, sind in die Wohnbaupolitik eingeflossen: Heute werden in Wien sämtliche Wohnbauvorhaben, die öffentliche Gelder beanspruchen wollen, auf die Anforderungen des frauen- und alltagsgerechten Wohnens begutachtet (vgl. Alltags- und frauengerechter Wohnbau).
  • Schliesslich feierten wir mit unseren Wiener Freund:innen den Hochzeitstag im selben Floridsdorfer Restaurant, wo sie vor sechs Jahren geheiratet hatten — eine schöne Feier im kleinen Rahmen.

Tag 4 — Ringstrassenstil & ein Prunksaal für Bücher

  • Wir besichtigten einige repräsentative Bauten an der Ringstrasse: Parlament, Rathaus, Universität, Votivkirche, Börse etc. — gemäss unserem Reiseführer hatte der typische Baustil dieser Bauten seine Wurzeln nicht in der damaligen Gegenwart, sondern war und ist eine Mischung aus längst historisch gewordenen Stile, vor allem Neo-Renaissance und Klassizismus. Dieses opulente Stilgemisch wird seither als «Historismus» oder «Ringstrassenstil» bezeichnet. Und tatsächlich: Diese prächtigen Bauten wirken etwas kulissenhaft…
  • Am Nachmittag trafen wir uns am Josefsplatz an der Wiener Hofburg. Fasziniert von der «Dachdekoration» über der Hofbibliothek fotografierte ich die Figurengruppe mit Gaia und der goldenen Erdkugel. Im Nachhinein lese ich bei Fremdenführerin Hedwig Abraham über griechische Mythologie an der Hofburg, insbesondere über die Symbolik der Figurengruppe am Dach der Nationalbibliothek: «Alles Wissen zwischen Himmel und Erde befindet sich in diesem Gebäude.»
  • Verabredet hatten wir uns zu zwei Führungen durch den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, die im Rahmen des Wiener Tags des Denkmals angeboten wurden: Die erste Tour drehte sich um den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, der zu den schönsten historischen Bibliotheksräumen der Welt zählt. Kaiser Karl VI. liess dieses Juwel profaner Barockarchitektur für seine Hofbibliothek errichten. Der 80 Meter lange Saal mit rund 200’000 wertvollen historischen Büchern ist wirklich imposant. Die zweite Führung befasste sich mit der digitalisierten Bibliotheca Eugeniana: Die berühmte historische Büchersammlung, die vorwiegend im Prunksaal aufbewahrt wird, wurde mit Hilfe digitaler Methoden erforscht. Fun-Fact: Nach dem Tod von Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736) brachte der Verkauf seiner Büchersammlung mehr ein als der Verkauf von Schloss Belvedere, seiner Residenz.
  • Unser Wienreisli fand einen gemütlichen Abschluss bei unseren Wiener Freund:innen, die uns zum gemeinsamen Kochen einluden. Die Rezepte stammten aus dem ausgezeichneten Kochbuch Österreich express — Schnelle Klassiker & Lieblingsrezepte von Katharina Seiser und Vanessa Maas. Der Verlag Brandstätter schreibt darüber: «So schmeckt Österreich! Vertraute Gerichte, die in etwa einer halben Stunde auf dem Tisch stehen». Dank der drei Seiten übers österreichische Küchendeutsch werde ich nie ich nie mehr Probleme mit Küchenwienerisch haben, ausserdem weiss ich jetzt auch, was ein Gummihund ist.

Die vier Tage in Wien waren leider allzu schnell vorbei. Die Rückfahrt nach Luzern begann mit strahlend blauem Himmel, bei Salzburg durchquerten wir eine Schlechtwetterfront — es goss wie aus Kübeln, aber schon am Arlberg schien die Sonne wieder. Ein unvergessliches Reisli nach Wien!