Den Ausflug auf den Hausberg von Locarno, die Cardada und die Cimetta, haben wir uns für einen schönen Tag aufgespart. Und das hat sich gelohnt, kann man doch von einem Punkt aus den höchsten und den tiefsten Punkt der Schweiz sehen. In diesem Eintrag geht es ausserdem um Seilbahnarchitektur, die Tessiner Flora, Legoberge und Mosto Amaro.

Im Zentrum dieses Eintrags steht jedoch der fantastische Rundblick — im Bild oben von der Cimetta (1671 m.ü.M.): Der Blick geht dem Lago Maggiore entlang bis weit nach Italien, gut zu sehen auch das Maggiadelta mit Locarno und Ascona sowie die Isole di Brissago. Während Locarno grösstenteils von der Panoramatafel verdeckt wird, ist im Mittelgrund über deren rechten Ecke ein bewaldeter „Gupf“ auszumachen, die Cardada (1332 m.ü.M.). Dort ist die Bergstation der Luftseilbahn Orselina – Cardada. Mit etwas gutem Willen ist auf diesem verkleinerten Bild neben der Panoramatafel auch der Sessellift zu erkennen, der einem einen stündigen Aufstieg auf die Cimetta erspart.

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Anreise mit Standseilbahn, Luftseilbahn und Sessellift (gelb) von Locarno auf die Cardada und die Cimetta, Wanderung via Alpe Cardada und Monti di Lego nach Contra oder (als Variante) nach Mergoscia, Rückreise mit dem Bus der FART nach Locarno. Rot eingezeichnet ist unsere Wanderung zurück zu unserer Ferienwohnung in Contra. Quelle der Basiskarte: map.geo.admin.ch

Unsere Wanderroute auf dem Ansichtsplan der Cardada Impianti Turistici:

Zum Vergrössern auf das Bild klicken! Auf dem PDF sind die Wanderwege gelb eingezeichnet. Abgesehen davon, dass wir auf der Cimetta gestartet und nach Contra statt nach Mergoscia gewandert sind, entspricht unsere Route der empfohlenen Wanderung E.

1. Hochparterre-taugliche Seilbahnarchitektur

Als die Luftseilbahn auf die Cardada erneuert werden musste, wurde fürs Design der Tessiner Stararchitekt Mario Botta engagiert. Statt einer 0815-Seilbahn ab der Stange, sollte Bottas Architektur mithelfen, die Fahrt auf Locarnos Hausberg als Erlebnis zu verkaufen.



Die 2000 neu gebaute Luftseilbahn Orselina – Cardada. Oben: die von Mario Botta entworfene Talstation sowie der spektakuläre Aussichtssteg auf der Cardada, gestaltet von Landschaftsarchitekt Paolo Bürgi. Unten: die Bergstation von Paolo Pedrazzini und der Platz dahinter.

Im Artikel Ruhe am Berg*) über die Gestaltung von Seilbahnstationen im Heft Nr. 10/2010 der Architekturzeitschrift Hochparterre beklagt sich der Autor Marco Guetg darüber, dass bei Seilbahnen gute Architektur nur eine kleine Rolle spielt. Die Bahn auf die Cardada sei eines der wenigen positiven Beispiele:

„Im Tessin setze Mario Botta 2000 mit den Stationsgebäuden der Seilbahn von Locarna über Orselina hinauf nach Cardada in urbaner Umgebung ein Zeichen — ein Botta-Zeichen. Die Talstation entwarf er in Form einer Laterne, die Bergstation gleicht einem Radarschirm. Die Kabine sieht auch wie eine Laterne aus. Alle vier Seiten sind aus Glas, nichts verstellt die Sicht auf die Brissago-Inseln und das Maggia-Delta. Der Botta-Entwurf verlangt einen tiefen Seufzer. Damit er gebaut werden konnte, musste die Talstation von Peppo Brivio abgerissen werden. Ein wichtiges Zeugnis der Tessiner Architektur verschwand.“

Während in der Pionierphase die Bergbahnen sich auch über repräsentative Tal- und Bergstationen zu verkaufen suchten, verpassen es heute — so das das Fazit des Artikels — die meisten Seilbahnen, ihre Bahn auch über gute Architektur zu vermarkten. Stattdessen seien die meisten Bergbahnbauten reine Zweckbauten. Die Bahn auf die Cardada ist tatsächlich eine löbliche Ausnahme, allerdings musste die Bahn Bottas Architektur teuer bezahlen: Der erste Kostenvoranschlag von 20 Millionen wurde um mehr als 50% überschritten und die Finanzen der Bahn mussten aufwändig saniert werden (vgl. www.pro-orselina.ch).

Furore macht auch die Gestaltung der Aussichtsplattform auf der Cardada: Zwischen den Bäumen führt ein von Paolo Bürgi gestalteter Steg über den Abhang hinaus und inszeniert die Aussicht auf spektakuläre Art und Weise:


Die Quelle dieses Bilds — www.listphobia.com — existiert nicht mehr, das gilt auch für die Liste der zehn spektakulärsten Aussichtsplattformen der Welt, auf der auch Bürgis Steg war. Allerdings habe ich bei diesem Bild den Verdacht, dass es sich um eine Fotomontage handelt — die Seilbahn ist, glaube ich, zu hoch über dem Steg.

Spektakulär ist auch die Aussicht, die vom tiefsten bis zum höchsten Punkt der Schweiz reicht:

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Der tiefste Punkt der Schweiz ist der Seespiegel des Lago Maggiore (193 m.ü.M.). Der höchste Punkt ist die Dufourspitze (4634 m.ü.M.), die in der Verlängerung des Pedemonte und des Centovalli (etwas rechts der Mitte) auszumachen ist. Das Tal, das sich nach rechts hinten Richtung Basodino (3272 m.ü.M.) und Gotthard erstreckt, ist das Maggia-Tal.

2. Mit der Sesselbahn auf die Cimetta


Sesselbahn auf die Cimetta

Die Sesselbahn auf die Cimetta überwindet etwa 300 Höhenmeter und ersparte uns einen stündigen Aufstieg. Von der Cimetta (1671 m.ü.M.) bietet sich der volle Rundblick:

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Das etwa 320°-Panorama zeigt von links nach rechts den Gras-Fels-Rücken mit der Cima della Trosa (1869 m.ü.M.), das Val Verzasca, dahinter die markante Pyramide des Pizzo di Vogorno (2442 m.ü.M.), die Magadino-Ebene und der Lago Maggiore, dahinter der Ceneri-Pass und die Hügelkette mit dem Monte Tamaro, dem Monte Gambarogno und dem Monte Lema. Der Rest ist bekannt…

3. Tessiner Bergflora

Nach dem Mittagessen im Restaurant neben der Bergstation wollten wir über die Bassa di Cardada auf die Alpe di Cardada absteigen, aber wegen fehlender Wanderwegmarkierung verzichteten wir darauf, denn erfahrungsgemäss wachsen im Tessin nicht unterhaltene Wanderwege rasch zu und sind oft nur noch schlecht zu finden und meist mühsam zu begehen. Aber auch der direkte Abstieg von der Cimetta erwies sich als mässig ideal, dafür sahen wir diese wunderschönen weissen Blumen und den farbenprächtigen, gelben Ginster:



Bei den weissen Blumen handelt es sich vermutlich um weisse Lilien, die ich ausserhalb von Gärten noch nie wild wachsen sah. Hingegen massenhaft angetroffen haben wir den gelben Ginster. Bei den unteren beiden Blumen, die wir im späteren Verlauf der Wanderung gesehen haben, habe ich keinen blassen Schimmer, um was es sich handelt.

4. Hoch über dem Val Resa

Vom Höhenweg über dem Val Resa, der meist im Wald verläuft, bietet sich hin und wieder ein Ausblick ins Tal und auf die Magadino-Ebene:


Ausblick vom Höhenweg

5. Ginstergelb und Himmelblau

Und immer wieder kontrastiert das Gelb des Ginsters mit dem Blau des Himmels:


Ginster

6. Mosto amaro auf den Legobergen

Die Wanderung führt uns auf die Monti di Lego, eine Alp auf dem Bergrücken zwischen Contra und Mergoscia. Auch von hier bietet sich wieder ein toller Rundblick:

Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Das etwa 320°-Panorama zeigt von links nach rechts die Magadino-Ebene, den Lago Maggiore, die Monti di Lego mit Kapelle, etlichen Rustici und Bergstation einer Materialseilbahn sowie das Verzasca-Tal. Unten im Tal ist der Ort Mergoscia auszumachen.

Toll ist nicht nur der Rundblick, sondern auch das Grotto auf den Monti di Lego: In der Capanna Grotto Monti di Lego könnte man auch übernachten. Werktags gibt’s Minestrone und diverse kalte Teller und am Sonntag ein richtiges Sonntagsmenu. Das Angebot ist nicht gross, aber für mich als bekennenden Mösteler hat es sogar einen Mosto amaro, einen sauren Most, auf der Getränkekarte. Grossartig!


Grotto Monti di Lego

7. Über 500 Höhenmeter vernichten

Dann wartet ein happiger Abstieg auf uns: Auf einem guten, aber steilen Zickzackweg durch den Laubwald geht es über 500 Höhenmeter runter bis zu unserer Ferienwohnung. Das geht so in die Knie, dass Frau Frogg sich wünscht, einer der Helikopter, die bei schönem Wetter ständig rumsurren, würde sie abholen.


Ein Baum mit Geschwulst am Wegrand — und endlich wird zwischen dem unendlichen Blätter-Grün unser Ferienhaus sichtbar…

_______________
*) Dieser Auszug aus dem Hochparterre-Artikel erschien im Nike-Bulletin 4/2011, das von der Nationalen Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung herausgegeben wird.

Share