Letzen Mittwoch waren wir wieder einmal auf der Rigi — ein Klassiker unter unseren Ausflügen: Mit dem Schiff nach Vitznau und mit dem roten Bähnli nach Kaltbad, dann zu Fuss über den Panoramaweg auf die Scheidegg, von da mit der Seilbahn und dem blauen Bähnli via Kräbel runter nach Arth-Goldau und mit der SBB nach Hause. Doch auf der Rigi, mussten wir feststellen, hat sich einiges verändert. Gleich geblieben ist die tolle Aussicht.

Pühringers Affaires à suivre

Die prächtige Luzerner Lakefront mit den ehrwürdigen Hotelkästen

Immer wieder schön ist die Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt mit MS Europa von Luzern nach Vitznau. Und alles wie gehabt, ausser vielleicht die Profilstangen beim Campus-Hotel Hertenstein und beim Park Hotel Vitznau, die zeigen, dass der Hotel- und Dorfkönig Pühringer gleich mehrere Megaprojekte am Laufen hat. Pühringer beugt sich Landschaftsschützern, titelte die Luzerner Zeitung am 13.7.2017 und schrieb, dass im langen Tauziehen zwischen Pühringers Firmen und dem Landschaftsschutzverband Vierwaldstättersee für die beiden Projekte „Campus Dorf Hertenstein“ und die Hotelerweiterung Kompromisse erarbeitet werden konnten, die allseits akzeptabel scheinen. Die Kosten und der Zeithorizont der Realisierung seien aber noch nicht bekannt.

In Vitznau sind Pühringers Pläne grösser und die Situation ist komplexer. Gemäss einer vom Tages-Anzeiger übernommenen Reportage auf zentralplus vom 8.7.2017 Vitznau: Ein Millionär baut sein Dorf will Pühringer bis 2021 weitere 250 Millionen Franken investieren: Im Steilhang neben dem Park Hotel Vitznau plant er „11 Villen, 50 Wohnungen, eine Konzerthalle für über 400 Besucher, das Forschungszentrum «Research and Innovation Center Lake Lucerne», Büros, Hörsäle, Konferenzräume sowie eine Markthalle, eine Kaffeerösterei und eine Bierbrauerei für die Bevölkerung.“ Pühringer polarisiert und spaltet die Vitznauer Bevölkerung: Für die einen ist er nicht Multimillionär und Investor, sondern Wohltäter und Visionär, für anderen hat er schlicht das Augenmass verloren und die Art und Weise, wie er seine Projekte vorantreibe, sei unzumutbar. Das Mega-Projekt „Panorama-Residenz Vitznau“ musste Pühringer wegen Einsprachen schon zweimal überarbeiten, inzwischen liegt bereits eine dritte Version des Gestaltungsplans vor — affaire à suivre.

Über 100 Jahre Rot gegen Blau

Im roten Vitznau-Rigi-Bähnli ging’s rauf nach Rigi-Kaltbad.

Als wir in Vitznau ausstiegen, waren wir irritiert. Die älteste Bergbahn Europas, die 1871 eröffnete Vitznau-Rigi-Bahn (VRB), empfing uns in Grün statt im traditionellen Rot: das Logo war grün, die Signaletik war grün, sogar die Uniformen der BähnlerInnen waren grün. Wir merkten rasch: Die Rigi-Bahnen haben sich ein neues „grünes“ Image verpasst — genauer: ein Image in Pantone-335-C-Grün.

«Wenn die Loks und Wagen der RIGI BAHNEN AG
nun auch noch Grün werden, sehe ich Rot!»
Gästerückmeldung im
Geschäftsbericht 2016

Relativ neu sind sowohl die Wohnüberbauung Bellevue (links) als auch das Stationsgebäude in Kaltbad (hinter dem VRB-Wagen)

Diese Gästerückmeldung ist irgendwie verständlich vor dem Hintergrund, dass die beiden Bergbahnen auf die Rigi über hundert Jahre lang erbitterte Konkurrenten waren. Von der Staffel führen zwei Zahnradbahngeleise parallel auf den Kulm: die einen gehören der 1871 eröffneten Vitznau-Rigi-Bahn, die anderen der Arth-Rigi-Bahn (ARB), die 1875 den Betrieb aufnahm. Bis 1990 betrieben die rote VRB und die blaue ARB ihre Bahnen auf den Berg der Berge ohne jegliche Verbindung, ja zeitweise bekämpften sie sich bis aufs Blut. Die VRB musste die Strecke Staffelhöhe – Staffel – Rigi Kulm von ihrer Konkurrenzbahn pachten, weil nur diese eine Konzession für den im Kanton Schwyz liegenden Streckenteil besass (vgl. Wikipedia). Nach dem Bau eines Verbindungsgeleises auf Rigi-Staffel fusionierten 1992 die beiden Bahnen sowie die Luftseilbahn Weggis – Rigi Kaltbad zur Rigi Bahnen AG.

Panoramaweg — neu instand gestellt

Nicht neu, aber möglicherweise neu möbliert ist der Panoramaweg von Kaltbad nach Rigi-Scheidegg.

Nicht neu, aber neu instand gestellt ist der Panoramaweg, der von Kaltbad auf die Rigi-Scheidegg führt und den ich 2014 in meinem Beitrag Gute Fernsicht ausführlich vorgestellt habe. Der rund 7 km lange Weg führt über das ehemalige Bahntrassee der Rigi-Scheidegg-Bahn (1875 – 1931). Wie es früher aussah, als die RSB noch auf ihrer Panoramastrecke die Rigi entlang dampfte, zeigen historische Bilder auf www.eingestellte-bahnen.ch, wo die RSB in Wort und Bild, mit Karte und Daten dokumentiert ist. In den vergangenen Jahrzehnten haben verschiedene Nutzungen und das Wetter dem ehemaligen Bahntrassee so stark zugesetzt, dass es von 2013 bis 2015 umfassend saniert werden musste. Die Gesamtsanierung kostete 1.1 Millionen Franken. Saniert wurden — neben Schlaglöchern und dem ausgewaschenen Trassee — zwei Brücken und das 70 m lange Tunnel. Der Panoramaweg ist nicht umsonst eine beliebte Wanderautobahn, die jährlich von rund 250’000 Personen begangen wird: Sanft ansteigend schlängelt er sich der Rigi entlang und bietet wunderbare Aussichten, mal auf den Vierwaldstättersee und die Alpen, mal auf den Zuger- und den Lauerzersee und das Mittelland.

Die Bärenstube im Hotel Rigi First hatte zu, dafür war die Alpwirtschaft Obere First (vorne links) offen.

Auch nicht neu ist das Problem, dass auf der Rigi die Lieblingsbeiz genau dann zu hat, wenn man vor ihr steht und der Magen knurrt. Doch wir hatten uns auf der Pantone-335-grünen Webseite nach den Öffnungszeiten erkundigt und wussten dass unsere Lieblingsbeiz mit der prächtigen Aussicht, das Berggasthaus Unterstetten, am Mittwoch Ruhetag hat. Leider haben wir nicht nachgeschaut, ob die Ersatzbeiz, die Bärenstube auf dem First, offen ist — und so standen wir prompt vor einem geschlossenen Restaurant. Zum Glück hat während der Skisaison die unscheinbare Alpwirtschaft Obere First, die wir bis anhin noch nie als Beiz wahrgenommen hatten, mittwochs offen und wir waren „gerettet“. Die Älplermagronen und die Bratwurst mit Pommes waren tipptopp.

Ebenfalls nicht neu, aber immer wieder schön ist das Panorama auf der Rigi:

Der Blick vom First Richtung Süden in die Alpen, unter dem Dunst der Vierwaldstättersee

Der Blick vom First Richtung Nordosten in die Ostschweizer und Glarner Alpen

Der Blick vom Viadukt in Unterstetten Richtung Luzern und Pilatus

Der Blick vom Viadukt in Unterstetten in die Zentralschweizer Alpen

Brandneu und grün gestrichen

Erst seit Weihnachten 2017 in Betrieb ist die Ersatzbahn vom Kräbel auf die Rigi-Scheidegg

Ganz neu ist die Luftseilbahn Kräbel – Rigi-Scheidegg (LSKR): Die alte Bahn wurde im letzten Jahr abgebrochen und durch eine neue Bahn ersetzt, auch die Gebäude der Berg- und der Talstation sind Neubauten. Neu ist auch, dass die LSKR von der Rigi Bahnen AG betrieben und vermarktet wird. Deshalb sind die Kabinen der neuen Bahn — entsprechend dem neuen Auftritt der Rigi Bahnen — nicht mehr rot, sondern grün gestrichen. Wie auf den Rigi Bahnen schon länger gilt das Generalabonnement der SBB neuerdings auch auf der LSKR, d.h. der hier beschriebene Ausflug ist für GA-Inhaber gratis bzw. im Abo inbegriffen.

Mit dem grünen Bähnli ins Grüne fahren: Blick aus der neuen Luftseilbahn auf den Lauerzersee und den Talkessel von Schwyz

Das blaue Bähnli endet wieder am Hochperron

Nach sieben Jahren Bauzeit endlich fertig: Die neu-alte Endstation der ARB über dem Bahnhof Arth-Goldau

An der brandneuen und grosszügigeren Talstation im Kräbel steigen wir um vom grünen Bähnli aufs blaue Bähnli der ARB, das uns nach Arth-Goldau bringt. Und hier — oh Wunder — fährt das blaue Bähnli nicht nur bis zur provisorischen Endstation, sondern bis zum Bahnhof Arth-Goldau. Nach sieben Jahren Bauzeit und zwei längeren Unterbrüchen konnte die Sanierung des denkmalgeschützen Hochperrons letzten Sommer endlich abgeschlossen werden. Die 1897 erbaute Stahlbrücke, die die Geleise einer der wichtigsten SBB-Strecken überspannt, musste um 70 Zentimeter angehoben werden, damit die neuen Doppelstockzüge durch den Gotthard und die Lastwagenzüge des Viermeterkorridors untendurch passen. Wegen massiven Kostenüberschreitungen wurden die Bauarbeiten gestoppt und das Sanierungsprojekt stand auf der Kippe — es wäre tatsächlich einfacher und billiger gewesen, den Hochperron abzubrechen und neben dem SBB-Bahnhof einen neuen Bahnhof für die ARB zu bauen — aber der Denkmalschutz hat sich durchgesetzt und so bleibt das national bekannte Wahrzeichen von Arth-Goldau der Nachwelt erhalten.

Wegen neuen Doppelstockzügen und des Lastwagenkorridors musste der ARB-Hochperron um 70 cm angehoben werden.

Kritik am voralpinen Disneyland

Die Kritiker- und Kritikerinnen haben nichts gegen den neuen grünen Auftritt der Rigi-Bahnen, der versucht, den Berg der Berge als Gesamterlebnis zu vermarkten und alle Angebote auf der Rigi unter einen Hut zu bringen. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Sie kritisieren vielmehr das Konzept, das dem neuen Auftritt zugrunde liegt: Nur hochfahren, runterschauen und die Aussicht geniessen, reiche heute einfach nicht mehr, sagt der neue CEO der Rigi-Bahnen Stefan Otz im Gespräch mit dem Online-Portal zentralplus (vgl. Die Inszenierung der Rigi – eine Gratwanderung), man müsse den Berg besser inszenieren und v.a. bei Schlechtwetter mehr „Gästeerlebnisse“, also Konsum- und Vergnügungsangebote, anbieten. Er denkt dabei z.B. an ein Baumhüttenhotel auf Rigi Kaltbad, einen Aussichtsturm in Form eines Tannzapfens auf Rigi Scheidegg oder eine Erlebnis-Alp mit Schaukäserei und Schnapsbrennerei auf Rigi Staffel. Zuoberst, auf Rigi Kulm, möchte er die Bahnstation neu bauen, den Sendeturm begehbar machen und den Leuten bei Nebel auf 360°-Monitoren zeigen, welche Aussicht sie verpassen.

Dass er mit solchen „Schnapsideen“ bei den Rigi-Bewohnern auf wenig Gegenliebe stösst, verwundert nicht. Einer von ihnen, René Stettler, hat die Online-Petition Nein! zu Rigi-Disney-World lanciert, die in kurzer Zeit von 2752 Personen unterzeichnet wurde. Hinzu kamen noch 354 Unterschriften auf Papier. Dass auch Persönlichkeiten wie Mario Botta oder Emil Steinberger das Anliegen unterstützten, führte zu einer grossen Medienresonanz und zu einem runden Tisch mit allen interessierten Stakeholdern. Gemäss einem Bericht im Bote der Urschweiz vom 23.11.2017 diskutierten 20 Personen über die Zukunft der Königin der Berge und gründeten eine Arbeitsgruppe, die die DNA der Rigi untersuchen soll. „Wir sind jetzt in einem offenen, transparenten Dialog“, freute sich Rigi-Aktivist Stettler weiter. Er geht davon aus, dass nun „eine gesunde Streitkultur möglich ist“. Man darf gespannt sein, wie sich die Diskussion ums voralpine Disneyland weiterentwickelt.

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