Letzten Samstag wollten wir uns die Lesung im Zielturm des Ruderclubs Rotsee keinesfalls entgehen lassen, weil 1. es sonst keine Gelegenheit gibt, sich dieses eigenartige Gebäude von innen anzusehen, 2. Literatur im Maihof (unserem Wohnquartier) schon letztes Jahr ein toller Anlass war und 3. der Abschluss der Veranstaltung im Kirchensaal Maihof ein Treffpunkt ist, wo man FreundInnen und Bekannte aus der ganzen Stadt wiedersehen und neue Leute aus dem Quartier kennen lernen kann.

Geschichten öffnen Räume

Der Untertitel von Literatur im Maihof beschreibt in drei Worten das Konzept dieser Quartierveranstaltung: In verschiedenen Lokalitäten, die meist nicht öffentlich zugänglich sind, finden gleichzeitig Lesungen statt, danach trifft man sich im Kirchensaal Maihof zum Risotto-Essen und zur Abschlusslesung. Da die dezentralen Lesungen alle um 17 Uhr starten, muss man sich für eine entscheiden. Auch wenn uns andere AutorInnen und Texte ebenfalls lockten, fiel uns dieser Entscheid nicht schwer, wollten wir doch unbedingt mal den neuen Zielturm von innen anschauen. Die 1903 gegründete Lucerne Regatta Association, die auf dem Rotsee, dem Göttersee der Ruderer regelmässig Ruderregattas (Ruder-WMs 1962, 1974, 1982 und 2001) durchführt, musste 2011 den alten, dreibeinigen Zielturm abreissen, weil er baufällig war und zudem nicht mehr den Anforderungen entsprach. Der neue Zielturm, vom Zürcher Architekturbüro Andreas Fuhrimann Gabrielle Hächler entworfen und realisiert, wird von der Fachpresse gefeiert. Es ist ein schlichter, funktionaler Holzbau, der als skulpturaler Baukörper über dem Wasser überwintert und nur während der Wettkämpfe im Sommer zum Leben erwacht und seinen Zweck erfüllt.


Der Bericht von art-tv.ch über den neuen Zielturm am Rotsee.

Der Fatalist

In der Einführung zur Lesung berichtete der Gastgeber von einem schlauen Schachzug, der die relativ rasche Realisierung des Neubaus ermöglichte: Um die interessierten Kreise, aber auch allfällige Gegner des Bauprojekts einzubinden, wurde 2010 der Verein Naturarena Rotsee gegründet, der alle Stakeholder aus Wirtschaft, Tourismus, Sport und Gesellschaft umfasst (Ruderer, Quartier, Naturschützer, Hoteliers etc.). So entstand ein tragfähiger Kompromiss zwischen intensiver Sportnutzung und naturnahem Naherholungsraum.

Die Schauspielerin Barbara Knüsel las zwei Kurzgeschichten, in denen ein Zug eine wichtige Rolle spielt: „Der Fatalist“ von Nobelpreisträger Isaac Singer (1902 – 1991) sowie „Blick-Billard“ von NZZ-Folio-Autorin Anja Jardine (* 1967). Der Fatalist kommt als Fremder in eine Kleinstadt und verliebt sich in das begehrteste Mädchen der Stadt. Überzeugt, dass das Schicksal die bereits verlobte junge Frau für ihn bestimmt hat, fordert er in seiner Leidenschaft das Schicksal heraus und legt sich auf die Schienen… Ein unglaublich spannende Geschichte. Spannend ist auch das Blick-Billard, das sich wortlos zwischen einer Frau und einem Mann abspielt, die zufällig in der S-Bahn zusammentreffen, und zu einer knisternden Situation führt. Gut gelesen — zur perfekten Inszenierung fehlten nur die Züge, die normalerweise am gegenüberliegenden Ufer des Rotsees verkehren und sozusagen durchs Bühnenbild dieser Lesung gefahren wären — wegen einer Entgleisung ging im Bahnhof Luzern während Tagen nichts mehr, auch auf der Strecke Ebikon – Luzern auf der anderen Seite des Rotsees fuhren keine Züge mehr.

Die Übersicht über die diesjährigen dezentralen Lesungen von Literatur im Maihof

Risotto und Camenisch

Nach den ersten dezentralen Lesungen im Quartier trafen sich alle im Kirchensaal MaiHof zum zweiten Teil von „Literatur im Maihof“. An langen Tischen gab’s Risotto und was zu trinken. Zur Hauptsache aber war es eine Gelegenheit, Luzerner FreundInnen und Bekannte wiederzusehen und Leute, die im selben Quartier wohnen, zu treffen oder auch neu kennen zu lernen. Und tatsächlich waren da FreundInnen und Bekannte aus dem Quartier, aus der Stadt und der halben Deutschschweiz, die alle um 17 Uhr an einer Lesung gewesen waren. Zum Abschluss von „Literatur im Maihof“ trug der Graubündner Autor Arno Camenisch (* 1978) in seiner lakonischen, leicht melancholischen Art seine humorigen, skurrilen und bisweilen absurden Episoden und Geschichten aus dem Alltag vor und brachte uns zum Schmunzeln. Auch von seinen windschiefen Gedichten war ich angetan.

Die diesjährige Ausgabe von Literatur im Maihof hat unsere Erwartungen rundum erfüllt: Mit dem Einblick in den Zielturm stillte der Quartieranlass unsere Neugier, die Literatur, die wir genossen haben, war anregend, gut vorgetragen und schön in Szene gesetzt, und das Risotto schmeckte ausgezeichnet. Auch auf der sozialen Ebene war diese Quartierlesung ein gelungener Anlass. Gerne kommen wir nächstes Jahr wieder.

⇒ Der Zielturm am Rotsee auf stories & places

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