Am Samstag lud der Zürcher Stadtratskandidat Richard Wolff zu einem einem Quartier-Rundgang „Hinter den 7 Geleisen“. Zusammen mit Niklaus Scherr von der Alternativen Liste zeigte er auf, wie die SBB als Staatsbetrieb Volkseigentum an den Meistbietenden verhökert und die Stadtentwicklung vorantreibt. Ein solch kompetente Führung durch mein ehemaliges Wohnquartier konnte ich mir nicht entgehen lassen!


Die Besichtigungstour durch den Zürcher Kreis 4 führte von der Sihllpost zum Güterbahnhof (Basiskarte: maps.google.ch, zum Vergrössern auf die Karte klicken!)

Ideen und Pläne, wie man die zentral gelegenen Bahnareale in Zürich besser nutzen könnte, gab es schon immer. Ziemlich konkret wurden diese Pläne aber mit dem Projekt „HB Südwest“ der Architektengemeinschaft Baenziger-Bersin-Schilling, die 1980 einen von SBB, Stadt und Kanton Zürich ausgeschriebenen Wettbewerb gewann. Ein Gestaltungsplan, der den Moloch über den Geleisen verhindert hätte, wurde nach einer Propagandaschlacht sondergleichen abgelehnt. Doch aus Rentabilitätsgründen wurde HB-Südwest nie realisiert — zu teuer ist das Bauen auf einer Betonplattform über den Geleisen. Das änderte sich auch nicht, als die UBS als Investor einstieg und dem Projekt einen neuen Namen verpasste: Eurogate. 2001 wurde Eurogate beerdigt und die UBS musste Projektierungskosten in zweistelliger Millionenhöhe abschreiben.

Geblieben ist die Idee, auf den nicht mehr benötigeten Bahnarealen zwischen Geleisefeld und Lagerstrasse ein neues Stadtquartier mit Hochschulen, Bürogebäuden und 500 Wohnungen zu bauen. 2006 stimmten die StadtzürcherInnen einem entsprechenden Gestaltungsplan zu — und seit 2009 ist der „halbe“ HB Südwest tatsächlich in Bau, wenn auch das Projekt Europaallee mit dem ursprünglichen HB Südwest nur noch wenig gemeinsam hat.

1 Ein Campus für 3000 Studis


Blick vom Campusplatz zurück zur Sihlpost

Auf Baufeld A des neuen Stadtquartiers ist über einem Outdoor-Shoppingcenter im Sockelgeschoss ein neuer Stadtplatz entstanden. Um den Campusplatz gruppieren sich drei Gebäude der Pädagogischen Hochschule Zürich, die eine Top-Infrastruktur für die Ausbildung von 3000 zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer bieten, sowie ein Bürogebäude der Credit Suisse an zentralster Lage. Solche zentralen Lagen seien immer umkämpft, sagte Wolff, denn die wichtigste Frage in der Stadtentwicklung sei, wie eine solche Lage am sinnvollsten genutzt werde und wer über die Nutzung entscheiden könne.

2 SBB vergoldet Bahnareale


Im hintersten Gebäude auf dem Baufeld E entstehen Büro- und Verkaufsflächen sowie gehobene Stadtwohnungen und Penthouses.

Am 13.2.2013 titelte der Tages-Anzeiger: Die SBB versteigern Wohnungen an bester Lage — und AL-Gemeinderat Niklaus Scherr zitierte dazu seinen Leserbrief:

„(…) Nach Abschluss aller Wettbewerbe zeigt sich eine wenig erfreuliche Bilanz, die den Gegnern recht gibt: Insgesamt sollen in der Europaallee bloss 373 Wohnungen entstehen, davon 115 luxuriöse Eigentumswohnungen, 72 Apartments in einer Seniorenresidenz ‚für gehobene Ansprüche‘ sowie 186 Mietwohnungen mit noch unbekannten Mietpreisen. Für die 46 Eigentumswohnungen auf Baufeld G, die jetzt an die Meistbietenden versteigert werden, investieren die SBB — ohne Landkosten — rund 35 Millionen Franken und können mit einem Erlös von rund 100 Millionen Franken rechnen. Aus dem Gewinn errechnet sich ein geradezu obszöner Landpreis von 71’000 Franken pro Quadratmeter. Wohlgemerkt für Land, das die SBB-Vorgängerin Nordostbahn von Alfred Escher vor 150 Jahren für gerade mal 1 bis 10 Franken pro Quadratmeter erworben hat! (…)“ (TA vom 16.2.2013)

3 AL fordert sozialen Ausgleich


Im Kreis 5, auf der anderen Seite der Geleise, herrscht eine Pattsituation: Die Grundstücke zwischen Bahngeleisen und Zollstrasse gehören einerseits den SBB, andererseits der Stadt Zürich.

An der Zollstrasse im Kreis 5, wo die SBB nur gemeinsam mit der Stadt ein Projekt realisieren können, will die AL Gegensteuer geben und fordert zum Ausgleich den Bau von gemeinnützigen und zahlbaren Wohnungen. Wolff meinte, Ziel der Stadt Zürich sei es, den Anteil an gemeinnützigem Wohnraum zu steigern, aber auf den SBB-Arealen passiere genau das Gegenteil.

4 Luxuswohnungen statt Rangierarbeiter


Der Blick zurück auf die Baustelle an der Europaallee und ein neuer SBB-Wohnbau an der Geleisefront bei der Langstrassenunterführung

Früher standen gemäss Niklaus Scherr an Stelle des weissen Wohnblocks mit Luxuswohnungen Wohnhäuser einer SBB-nahen Institution. In den günstigen Wohnungen wohnten Rangierarbeiter und ihre Familien. Mit dem Argument, sie brauchen den Platz für zusätzliche Geleise, gelang es den SBB, ihre eigenen Arbeiter aus ihren Wohnungen zu drängen, die Häuser abzubrechen und Luxuseigentumswohnungen zu erstellen, die innert einer Stunde verkauft waren. Besonders stossend an dieser Geschichte ist, dass in den günstigen Wohnungen auch IV-Rentner gewohnt hatten, die sich beim Rangieren eine Staublunge geholt hatten, weil früher die Bremsbeläge aus Asbest bestanden.


Neue Luxuswohnungen an der Neufrankengasse. Auf der Bauwand steht: Ich würde ja sofort eine Luxuswohnung plattmachen — ich bin aber nur ein Plakat.

Daran dass an der Neufrankengasse, der Fortsetzung der Lagerstrasse, die Häuser abgerissen und mit Luxuswohnbauten ersetzt wurden, sind für einmal nicht die SBB schuld, sondern die Stadt Zürich, die für eine neue Tramlinie die Baulinien zurückversetzt hat. Dadurch wurde es unrentabel, die alten baufälligen Häuser zu renovieren.

5 Verdichtung = mehr Wohnfläche für weniger Leute


Ehemaliges Wohnhaus des Kulturflaneurs an der Schöneggstrasse 34

Die Verdichtung durch den Abbruch von alten Gebäude und den Bau von neuen Gebäuden mit höherer Ausnützung heisst noch lange nicht, dass dann in diesen Gebäuden auch mehr Leute wohnen — im Gegenteil: Da die Wohnfläche pro Person laufend zunimmt, wohnen auf der gleichen Fläche immer weniger Leute, wie dieses Haus an der Schöneggstrasse 34, das ich aus eigener Anschauung gut kenne, zeigt:

1888/92 wohnten in den zehn 3-Zimmer-Wohnungen mit jährlichen Mietzinsen zwischen 400 Franken im abgeschrägten Dachgeschoss und 450 Franken im Parterre 18 Partien mit total 68 Personen. Als ich 1987 in diesem Haus wohnte, waren die gleichen zehn Wohnungen mit monatlichen Mieten zwischen 600 und 800 Franken (je nach Mietdauer und Renovationsgrad) mit 9 Partien und total 21 Personen belegt. In rund hundert Jahren hat sich also die Miete verzwanzigfacht, während die Belegungsdichte auf 30% gesunken ist.

In den 25 Jahren seither ist — soviel ich weiss — das Haus saniert und das Dachgeschoss ausgebaut worden. 2010 bot jemand, der auf eine Weltreise ging, im Internet seine möblierte 2-Zimmer-Wohnung in diesem Haus für 1200 Franken alles inklusive an. Die Miete hat sich also nochmals fast verdoppelt. Anzunehmen ist auch, dass die Belegungsdichte weiter abgenommen hat und heute in jeder Wohnung nicht viel mehr als eine Person wohnt.

6 Stadtbiotope in der Schneise fürs Tram



Urbane Freiräume am Gleisbogen

Obwohl das „Märlitram“ sicher nicht vor 2025, wohl aber gar nie kommt (vgl. NZZ vom 11.10.2011), hat die 2008 beschlossene Veränderung der Baulinien bereits Auswirkungen: An der Neufrankengasse sind Schickimicki-Wohnbauten entstanden und an der Stadtkante am Gleisbogen muss die Stadt die SBB mit 12 Millionen Franken entschädigen, obwohl noch kein Meter von der neuen Tramschneise realisiert worden ist.

Andererseits: Wo nichts mehr geht, weil die alten Bauten weg müssen, aber das Neue — hier die Tramlinie 1 — noch nicht und vielleicht nie kommt, entstehen urbane Freiräume, in denen sich wenig zahlungskräftige, dafür aber flexible Nutzungen ansiedeln und die Kreativität aufblüht.

7 Verlorener Kampf gegen das PJZ


Dieser seltsame Betonpilz im Kohlendreieck ist das neue Baudienstzentrum der SBB.


Dem Abbruch geweiht: Der Güterbahnhof, seinerzeit der modernste in ganz Europa

Vor dem stillgelegten Güterbahnhof kommen Erinnerungen auf: z.B. an die Panduren, wie die Taglöhner genannt wurden, die noch vor zehn, zwanzig Jahren hier rumgehangen sind und auf einen Job gewartet haben, sei es auf dem Bau, sei es bei einem Zügelunternehmen. Richard Wolff erinnert auch an den verlorenen Kampf vom Verein Güterbahnhof gegen das 600 Millionen teure Justiz- und Polizeizentrum, das anstelle des Güterbahnhofs gebaut werden soll. Leider sprach sich das Zürcher Stimmvolk 2011 mit 54.2% der Stimmen relativ klar für das neue PJZ aus. Das heisst natürlich auch, dass die Tage der zahlreichen Zwischennutzungen im Güterbahnhof gezählt sind — von einem Weinlager über einen Alteisenhändler, einen Cembalo-Bauer und eine Autonome Schule für Sans-Papiers bis zur Kunstausstellung gibt’s hier nämlich alles. Schade, schade auch um das 1897 entstandene Gebäude, das damals als Bau derart innovativ war, dass seine Sägezahnrampen danach international zur Anwendung gelangten. Wolff meinte, dass Gebäude gehörte ins UNESCO-Weltkulturerbe…


Auf der einen Seite dieses Sägezahn-Güterbahnhofs wurden Güterwagen entladen, auf der anderen beladen: Unter dem Dach eines „Sägezahns“ hatten drei Güterwagen Platz. Hinter dem denkmalschutzwürdigen Güterbahnhof wachsen die Hochhäuser von Zürich-West in den Himmel.

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das Kasernenareal, das durch den Bau des PJZ frei wird, voll und ganz der Stadtzürcher Bevölkerung zu Gute kommt!

8 Kunst im Sägezahn-Güterbahnhof



Im Uhrzeigersinn: Ein „Sägezahn“ als Galerie — Karl Geisers Vorlage für das Denkmal der Arbeit auf dem Helvetiaplatz — Köpfe von Otto Müller — Skulpturen von Trudi Demut

Die Stiftung Trudi Demut und Otto Müller zeigt im alten Güterbahnhof viele Werke von Trudi Demut, Otto Müller sowie KünstlerInnen, die im Atelierhaus an der Wuhrstrasse tätig waren oder sind, oder aus deren Umfeld stammen. Die Geschichte dieses Atelierhauses hier auch noch aufzurollen, wäre zwar spannend, würde aber eindeutig zu weit führen. Noch bis Ende April vermittelt diese Ausstellung einen grossartigen Überblick über das Stadtzürcher Kunstschaffen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts — in den interessanten Räumlichkeiten des alten Güterbahnhofs.


Unsere Stadtwandergruppe an der Führung durch die Ausstellung „Weitblick — Trudi Demut und Otto Müller, Wuhrsträssler und Wuhrverwandte über Alles und Jenes und Weiteres hinaus“ in der Kunsthalle im alten Güterbahnhof

Kuratiert wurde diese Ausstellung von Ralph Baenziger, der auch durch die Ausstellung führte, also ausgerechnet von jenem Ralph Baenziger, der 1980 mit seiner Architektengemeinschaft und dem Projekt HB Südwest den Wettbewerb um die Neugestaltung des südwestlichen Bahnhofgeländes gewonnen hatte (siehe am Anfang dieses Beitrags). In der Folge hat er zwei Jahrzehnte lang am Projekt HB Südwest / Eurogate gearbeitet, das nie realisiert wurde. Auch mit über 70 ist Ralph Baenziger immer noch eine Saftwurzel, der mit viel feu sacré und Nonchalance durch die Ausstellung führte und sich hin und wieder einen Seitenhieb auf das Zürcher Establishment nicht verkneifen konnte.

Ralph Baenziger, Architekt und Ausstellungskurator

Fazit: Auf der Stadttour „Hinter den 7 Geleisen“ habe ich einiges über Zürich, Stadtentwicklung und die SBB als Akteur gelernt. Und: Richard Wolff, Geograf und ein alter Freund von mir, kennt seine Stadt wie seinen Hosensack. Deshalb wird er sich als Zürcher Stadtrat gut machen und ich würde ihn — wäre ich in Zürich wahlberechtigt — mit Überzeugung in die Stadtregierung wählen: Zürich braucht einen Wolff mit Biss!

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