Inspiriert von Thomas Widmers Wanderkolumne im Tagi und seinem Wanderblog WidmerWandertWeiter führte die gestrige Wanderung uns wieder einmal in die Agglo von Züri-Süd. Wenn die BerglerInnen nach der Abstimmung über die Zweitwohnungsinitiative meinen, wir UnterländerInnen müssten zuerst etwas tun gegen die Zersiedelung vor unserer Haustüre, bevor wir sie bevormunden und ihnen den Bau von Ferienhäusern verbieten, habe ich angesichts des Agglo-Breis ein gewisses Verständnis!


Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Quelle der Karte: map.geo.admin.ch

Gestern haben wir uns aufgerafft und sind mit dem Schnellzug nach Rotkreuz, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung, gefahren.

1 Boomendes Rotkreuz


Zuerst eine Warnung: Das Lesen dieses Wanderwegweisers am Bahnhof Rotkreuz kann Ihre Gesundheit gefährden, weil er für FussgängerInnen äusserst ungünstig neben der Parkhausausfahrt platziert ist.

Seit die A4 durchs Säuliamt nach Zürich offen ist, boomt Rotkreuz, das zur steuergünstigen Zuger Gemeinde Risch gehört, noch mehr: In der Industrie- und Gewerbezone hinter dem Bahnhof haben sich etliche Hauptsitze grosser Unternehmen angesiedelt: z.B. Roche Diagnostics, AMC International und die Doppelmayr-Garaventa Group. Weitere grosse Firmen, wie 3M, die Komax Holding, die SFS Holding oder Panasonic, haben hier einen Ableger. Von Headquarter Economy zu reden wäre dann aber doch etwas übertrieben, aber mit den 1700 Arbeitsplätzen von Roche Diagnostics sowie den beiden Fortbildungszentren von Hoffmann-La Roche und Novartis entsteht ein regionaler Pharma-Cluster.

2 Fisch oder Krebs?


Dieses Bild beinhaltet die ganze Ambivalenz der Agglo: Vorne erinnern zwei sorgfältig präsentierte Mühlsteine an die rural geprägte Vergangenheit, hinten kündet ein Wald von Profilstangen den Bau von Wohnungen für die neuen Arbeitskräfte von Roche an.

Nur wenige Schritte weiter waren zwei Kinder an einem Bächlein am Fischen. Ultimativ fragten sie uns: Fisch oder Krebs? Und obwohl sie weder das eine noch das andere gefangen hatten und insgeheim auch wussten, dass es nie dazu kommen wird, drohten sie uns, dass wir den Fang lebendig verspeisen müssten. Doch wir hatten keine Zeit, um im Trüben zu fischen, wir wollte weiter aufs Michelskreuz.

3 Agglo-Patchwork


So sieht die Zersiedelung in Züri-Süd aus: Ein dichtes Geflecht aus Bahnlinien, Autobahnen und Strassen erschliessen ein planerisches Patchwork aus Wohn- und Gewerbezonen. Darum herum als Naherholungszone genutztes Landwirtschaftsgebiet mit periurbanen Bauernhäusern.

4 Interessantes am Wegrand



Abgesehen vom Agglo-Patchwork gab es am Wegrand allerlei Interessantes zu sehen: einen wenig vertrauenserweckenden Hochstand für Jäger, erste Frühlingsblumen und das Gewusel eines grossen Waldameisenhaufens.

5 Aussicht vom Michelskreuz


Auf dem höchsten Punkt unserer Wanderung auf knapp 800 m.ü.M. steht die Kapelle Michaelskreuz. Hier soll Erzengel Michael himself einem Einsiedler erschienen sein und ihm befohlen haben, ein Kreuz zu errichten. Was mich jedoch mehr faszinierte, ist der mächtige Baum neben der Kapelle.


Um das Panorama wirklich geniessen zu können, war es zu diesig. Blickt man nach Norden, sieht man ins Reusstal und ins Mittelland. In der Bildmitte ist die Papierfabrik Perlen auszumachen, die in Zukunft dank der Energie aus der hier geplanten Kehrrichtverbrennungsanlage ökologischer produzieren wird.


Im Süden wird das milchige Panorama durch die Rigi dominiert, links davon der Zugersee und der Wildspitz.

6 Gault Millau-Güggeli

Als wir den Weg zum Gasthaus Michaelskreuz runtergingen, war der Parkplatz vor der Ausflugsbeiz verdächtig leer und mir schwante Ungemach. Und tatsächlich: Das Gasthaus war wegen Betriebsferien zu und Frau Frogg reichlich sauer. Während Wanderkolumnist Widmer hier nur Kaffee trank, weil es fürs Mittagessen noch zu früh war, blieb uns nichts anderes übrig, als die stündige Wegetappe nach Udligenswil unter die Füsse zu nehmen. Und wenn schon Wandern mit Widmer, dann auch Essen mit Widmer: Auch wir kehrten im Frohsinn ein, der mit 14 Gault-Millau-Punkten dekoriert ist und ausgezeichnete Güggeli serviert.



Ich bekam einen sauren Most gegen den Durst und Frau Frogg musste gegen ihren Willen einen Nüsslisalat essen, dennoch hellte sich ihre Mine deutlich auf.


Auch in Udligenswil ist die Agglomeration noch nicht fertig gebaut: Am Sonnenhang mit Aussicht auf ein prächtiges Panorama kündigen Profilstangen die Erweiterung der Einfamilienhaus-Plantage an. Am besten gedeihen die Hüsli an sonnigen Hängen mit Seesicht und Blick in die Berge.

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Sonntagszeitung vom 18.3.2012

Die Zürcher Kantonalbank kann jetzt gemäss einem Bericht der heutigen Sonntagszeitung den Wert des Panoramas berechnen: „Sind 16 oder mehr dominante Gipfel zu sehen, muss man mit einem Mietaufschlag von zehn Prozent rechnen, bei Uferlage (an einem See) kommen weitere sieben Prozent hinzu. Seesicht allein verursacht einen Aufschlag von drei bis fünf Prozent, zunehmende Distanz zum See reduziert ihn jedoch wieder. Insgesamt kann die Aussicht auf Seen und Berge ein Objekt bis zu 21 Prozent verteuern.“ Die Aussicht auf berühmte Gipfel kann allerdings noch teurer sein: Vor Einführung der Beschränkung von neuen Zweitwohnungen in Zermatt rechtfertigte der Ausblick aufs Matterhorn einen Aufpreis von 20 bis 30 Prozent. Das sind teure Aussichten!

7 Die Lücke im Hügelzug


Zum Vergrössern aufs Bild klicken! Dieses Panorama zeigt ausser dem Pilatus keine wertvollen Gipfel und auch keinen See, sondern das Götzetal, das zwischen Udligenswil und Adligenswil den Hügelzug durchbricht.

8 Ein Frühlingsgruss


Der Frühling lässt grüssen — mit ersten aufbrechenden Knospen an einer schützenden Hauswand.

Und während Widmer weiter wanderte, hatten wir in Adligenswil genug und nahmen das Postauto nach Luzern.

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