Vor einer Woche ist der Konzept- und Landart-Künstler Walter de Maria 77-jährig gestorben. Mit seinem Lightning Field in der Wüste von New Mexico machte er weltweit Furore. Das 1977 entstandene Land-Art-Werk besteht aus 400 Stahlpfählen, die in einem 1 Meile x 1 Kilometer grossen, rechteckigen Raster angeordnet sind. Schon damals beflügelte es auch meine Fantasie: Ich stellte mir vor, wie in der Gewittersaison Abend für Abend die Blitze magisch angezogen im Lightning Field einschlagen und von Pfahl zu Pfahl hüpfen — jetzt stellt sich heraus: Diese Blitze sind nur im Kopf, aber nicht nur in meinem.

Auf dem Internet suchte ich nach dem Bild, das ich über dreissig Jahre in meinem Kopf hatte, und fand immer nur die gleichen zwei, drei Blitze, die in der Umgebung einschlagen, aber keinen, der direkt in eine Stahlstange von de Maria einschlägt, was nicht weiter verwunderlich ist: Denn während Titel und Form des Werks suggerieren, dass Lightning Field ein häufiges Ziel von Blitzschlägen ist, sind sie eigentlich ziemlich selten. In A Pilgrimage to The Lightning Field schreibt Todd Gibson 2004:

(…) „Wie der Titel schon sagt, soll die Arbeit die Atmosphäre einbeziehen, indem sie Blitze vom Himmel anzieht und so einen Austausch zwischen Natur und Kultur schafft. Aber es funktioniert nicht wirklich auf diese Weise. Wenn Sie erwarten, Blitze ins Feld einschlagen zu sehen, werden Sie enttäuscht sein. Wenn ein Blitz einschlägt, ist der Pfahl so gezeichnet, dass er ersetzt werden muss, was nur alle paar Jahre mal passiert. Als ich Lightning Field besuchte, gab es keine Blitze, dennoch war es keine enttäuschende Erfahrung.“

Die Dia Art Foundation, die als Nonprofit-Organisatione das Werk betreut und den Besuch von Lightning Field streng reglementiert, verbietet das Fotografieren. Aber Walter de Maria hat seine Lightning Field-Fotos in einem Flickr-Album ins Netz gestellt: Lightning Field — Album von Walter de Maria auf Flickr

Und BesucherInnen, die im Blockhaus beim Lightning Field übernachten, machen Videos. Hier eines mit Musik:


Lightning Field from Andrew MacLachlan on Vimeo.

Auch ohne Blitze ist das formal strenge Werk von Walter de Maria voller Poesie, die nur in der Einsamkeit der Wüste von New Mexico wahrgenommen werden kann — deshalb sind nur 6 BesucherInnen pro Tag zugelassen, die eine aufwändige Anreise auf sich nehmen und beim Lightning Field übernachten müssen: „Lightning Field — a peaceful piece of art“, sagen BesucherInnen, die das Werk gesehen haben. In seinem Eintrag über das Lightning Field, den er mit drei von der Stiftung zur Verfügung gestellten Bildern illustriert, schreibt George auf seinem Blog Art Appreciation 101:

(…) „Mit nahm ich eine neue Wertschätzung für De Marias Geschick, durch die Kombination natürlicher Umgebung mit einer hochqualifizierten und phantasievollen Intervention eine besondere Erfahrung zu kreieren.“

Mit dem Wissen, dass Lightning Field in einer blitzarmen Gegend realisiert wurde, wird für mich diese Land Art auch zur Conceptual Art, zur Kunst, die im Kopf stattfindet: Mit Titel und Form seiner Arbeit fördert de Maria die Vorstellung, dass Blitze von seinem „überdimensionalen Nagelbett“ angezogen werden, und lässt so in den Köpfen Blitzbilder entstehen, die mit der blitzarmen Realität wenig zu tun haben — und deshalb auf dem Internet auch nicht zu finden sind. Da können wir noch lange auf den Blitz warten, er ist im Kopf.

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