Schon lange wollte ich mir La Cité du Lignon ansehen, eine in den 60er Jahren entstandene Grosswohnsiedlung, die damals für 10’000 EinwohnerInnen konzipiert worden war und einen Beitrag zur Bewältigung der Wohnungsnot leisten sollte. Bei diesem Genf-Besuch hat’s geklappt: Wir besichtigen das längste Wohngebäude der Schweiz und sind positiv überrascht, dass es brennende soziale Probleme wie in den französischen Banlieues nicht einmal in Ansätzen gibt. In vielerlei Hinsicht ist Le Lignon sogar ein Vorbild: Seit 2009 steht das Ensemble unter Denkmalschutz, 2013 wurde die Erneuerung von Le Lignon mit dem Europa Nostra Award ausgezeichnet.

Ein paar Facts

La Cité du Lignon gehört zur Genfer Gemeinde Vernier. Gebaut wurde die Grosswohnsiedlung mit 2’780 Wohnungen nach Plänen des Genfer Architekten Georges Addor (1920-1982) in zwei Etappen: 1’846 Wohnungen in der ersten Etappe von 1963 bis 1967 und 934 Wohnungen in der zweiten Etappe von 1967 bis 1971. Während der Fertigstellung der ersten Etappe wurden jeden Monat 84 Wohnungen neu bezogen — schon irgendwie verrückt! Von den insgesamt 2’780 Wohnungen sind 1’683 im freitragenden Wohnungsbau, die restlichen 1’097 sind subventioniert. Interessant ist auch die Eigentümerstruktur: Fünf der 84 Wohngebäude sind im Stockwerkeigentum, alle anderen sowie die vier Tiefgaragen gehören etwa dreissig privaten und institutionellen Eigentümern. Das Einkaufszentrum gehört mit Ausnahme der Post eigenartigerweise dem Kanton Zürich. Hinzu kommen kommunale Gebäude (Schule, Kindergarten, Veranstaltungssaal ect.) der Stadt Vernier sowie zwei Kirchen, eine Farm und verschiedene kleine Grundstücke in privatem Besitz. Für die Koordination der Eigentümer und die Organisation übergeordneter Aufgaben (diverse Dienstleistungen, technische Einrichtungen und gemeinsame Infrastruktur) ist das Zentralkomitee von Le Lignon zuständig. Ursprünglich für 10’000 BewohnerInnen der Mittelschicht konzipiert, wohnen heute gegen 6’000 Personen in der Cité du Lignon.

Grands Ensembles

Das Konzept der Grands Ensembles stammt aus Frankreich und war auch das Vorbild für die Cité du Lignon. Obwohl es keine einheitliche Definition gibt, sind Grand Ensembles Grosswohnsiedlungen mit Hunderten bis Tausenden von Wohneinheiten, die in Frankreich von Mitte 50er bis Mitte der 70er Jahre entstanden. Typischerweise bietet ein Grand Ensemble Wohnraum für 10’000 Personen, städtebaulich vorherrschend sind grosse, einheitlich gestaltete Wohngebäude in Form von „barres et tours“, von Riegeln und Türmen, meist gehört auch ein Einkaufszentrum dazu. Der Blog C’est la faute à Le Corbusier erzählt die Geschichte der Grands Ensembles und zeigt auf, wie die industrialisierte Produktion von Wohnraum mithalf, die nach dem Zweiten Weltkrieg massiv gestiegene Nachfrage nach komfortablen Wohnraum (mit fliessendem Wasser, WC/Bad und Zentralheizung) zu befriedigen. Im Kanton Genf wuchs die Bevölkerung nach dem Krieg exponentiell und verdoppelte sich von 1941 bis 1970 beinahe. So war denn auch Le Lignon ein Versuch der Genfer Regierung, die mit dem raschen Wachstum verbundene Wohnungsnot zu lindern (vgl. Le Lignon: zwischen Kühnheit und Pragmatismus). Nicht nur in Genf, sondern auch in anderen Agglomerationen der Schweiz wurden damals grosse Wohnsiedlungen gebaut, aber nirgendwo sonst wurde das Konzept der Grands Ensembles so direkt übernommen und in dieser Grössenordnung umgesetzt.

Städtebaulich setzte das Konzept die Gebote der modernen Architektur um, die 1933 am Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) in der Charta von Athen festgehalten wurden: Hauptanliegen der Charta war die Entflechtung urbaner Grundfunktionen. Die einzelnen Funktionsgebiete für Wohnen, Arbeiten und Erholung sollen durch weitläufige Grüngürtel gegliedert und durch Verkehrsachsen verbunden werden. Das Wohnen soll im Zentrum aller städtebaulichen Bestrebungen stehen. Wohnen und Arbeiten sollen zwar räumlich getrennt, aber minimal von einander entfernt sein. Freiflächen müssen den Wohngebieten zugeordnet und als Freizeitanlagen der Gesamtstadt angegliedert werden. Der Verkehr dient der Verbindung der städtischen Schlüsselfunktionen. Diese Prinzipien, die vom schweizerisch-französischen Architekten, Stadtplaner und Designer Le Corbusier (1887-1965) federführend mitentwickelt wurden, haben den Städtebau grundlegend verändert. Teils sind sie allgemein anerkannt und gelten heute noch — zum Beispiel Freiflächen: Le Lignon ist mitten im Grünen und von keiner Wohnung sieht man direkt in die Schlafzimmer eines benachbarten Blocks. Obwohl nur 8% des Areals überbaut sind, gehört Vernier zu den dichtest besiedelten Gemeinden der Schweiz. Teils stehen die CIAM-Prinzipien massiv in der Kritik, wie z.B. die Entflechtung von Wohnen und Arbeiten, die in den städtischen Agglomerationen grosse Verkehrsprobleme mit sich bringt. Le Lignon ist zwar an den öV der Stadt Genf angeschlossen, aber eine direkte Linie ins Zentrum gibt es nicht. Wie wichtig der automobile Verkehr für Le Lignon ist, zeigt die Tatsache, dass es im Wohnkomplex inklusive Einkaufszentrum mehr Parkplätze als Wohnungen gibt (nämlich fast 3’600).

Wohnen im Fordismus

Le Lignon ist ein Grand Ensemble aus der Zeit des Fordismus, eines Gesellschaftsmodells, das im Ersten Weltkrieg entstand und geprägt war von der Massenkommunikation und der Massenmotorisierung, das die taylorisierte, fliessbandmässige Produktion von Gütern mit einer gewerkschaftlich ausgehandelten Sozialpartnerschaft verknüpfte und durch den modernen Wohlfahrtsstaat begleitete und absicherte. Vergleichsweise hohe Löhne sollten bei den ArbeiterInnen die Akzeptanz den neuen Produktionsmethoden erhöhen, so verdoppelte Henry Ford 1914 den Tageslohn seiner Arbeiter auf fünf Dollar. Somit zahlte er seinen Arbeitern in drei Monaten so viel, wie eines seiner T-Modell-Autos kostete.

Was in der Produktion von Massenkonsumgütern erfolgreich war, die Standardisierung der Produkte und die Rationalisierung des Produktionsprozesses, wurde auch auf den Bereich der Reproduktion ausgedehnt, insbesondere auf den Wohnungsbau. Le Lignon ist zwar keine Plattenbausiedlung, aber der Beton für die fliessbandmässige Produktion von Wohnungen mit standardisierten Grundrissen wurde in einer vor Ort eigens errichteten Betonfabrik hergestellt. Allerdings sind die Wohnungstypen flexibel: Zwei ca. 90 qm grosse Standardwohnungen, die je über dreieinhalb Zimmer und eine integrierte Loggia verfügen, können dank einem raffinierten Reduit-Flur-System durch Umschlagen eines Zimmers in eine 4.5- und eine 2.5-Zimmer-Wohnung umgewandelt werden, je nach Nachfrage auf dem Immobilienmarkt (vgl. Le Lignon — Monument der Moderne). Wie fliessbandmässig in Le Lignon gewohnt wird, bleibe mal dahingestellt, aber so schlimm kann es nicht sein, berichtet doch die NZZ in Das andere Wahrzeichen von Genf von einigen Lignon-BewohnerInnen, die zuerst skeptisch waren, dann aber fürs Leben blieben.

Soziale Probleme

In den Grands Ensembles der französischen Banlieues akzentuierten sich die sozialen Probleme bereits in den 60er Jahren derart, dass Olivier Guichard, Minister für Infrastruktur, Wohnen und Verkehr, 1973 schliesslich einen Ministerialerlass unterzeichnete, der, „um die Realisierung städtebaulicher Grands Ensembles zu verhindern und die soziale Segregation in Lebensräume zu bekämpfen“, kurzerhand den Bau von Wohnkomplexen mit mehr als 500 Einheiten verbietet. Damit hat Frankreich den Bau von Grands Ensembler definitiv aufgegeben. Auch in Le Lignon gab und gibt es soziale Probleme, doch mit brennenden Banlieues sind sie nicht zu vergleichen.

Als in den 70er Jahren in Genfs Grands Ensembles Avanchet, Onex und Le Lignon die Mieten mehrmals erhöht wurden, organisierten sich die MieterInnen und wehrten sich politisch und gerichtlich gegen die Mieterhöhungen (vgl. Syndicats propriétaires contre locataires: une grève des loyers à Genève (1975-1977), PDF). Die Genfer Mieterkämpfe in den Jahren 1975 bis 1977 waren Luttes Urbaines ganz im Sinn des Stadtsoziologen Manuel Castells, die zwar ganz unterschiedlich verliefen, aber letztlich alle zu Mieterstreiks eskalierten. Der zwanzigseitige Artikel in den Cahiers d’histoire du mouvement ouvrier (Band 25 von 2009) handelt v.a. vom Mieterstreik in Avanchet, der noch am besten dokumentiert ist, über Le Lignon heisst es lapidar: „In Lignon wurden Verhandlungen mit den Eigentümern aufgenommen und schliesslich eine grundlegende Übereinkunft erzielt. Die auf ein Sperrkonto einbezahlten Mieterhöhungen wurden Ende 1977 deblockiert.“

Die sozialen Probleme in Le Lignon erreichten nie Ausmasse wie in den französischen Banlieues, weil erstens die Grosswohnsiedlung von Anfang an für den Mittelstand konzipiert war — nur 40% der Wohnungen sind subventioniert. Fünf von 84 Häusern sind sogar Stockwerkeigentum, d.h. die BewohnerInnen wohnen in ihren eigenen Wohnungen. Diese Durchmischung verhinderte die Gettobildung. Der Kanton Genf, die Gemeinde Vernier und die Zentralverwaltung von Le Lignon sorgten zweitens dafür, dass die Cité du Lignon mit Einkaufszentrum, Schulen und sozialen Treffpunkten eine Quartierinfrastruktur bekam, die bis heute mehr oder weniger gut funktioniert. In der Grundschule von Le Lignon treffen, drittens, SchülerInnen aus über 100 verschiedenen Nationen aufeinander. Damit gehört sie zu den 17 „Problemschulen“ im Kanton, bei denen auf kleinere Klassengrössen gesetzt wird. Nur eine Minderheit der Eltern und der Erstklässler versteht Französisch, doch die Lehrpersonen begegnen dieser Schwierigkeit mit Teamgeist und Engagement. Dass nicht nur die Bausubstanz von Le Lignon sondern auch die Bevölkerung der Grosswohnsiedlung allmählich in die Jahre kommt, ist ein viertens Problem, das sich künftig noch verschärfen wird.

Unter Denkmalschutz

Inzwischen ist Le Lignon in die Jahre gekommen. Baulich ist vor allem die Curtain-Wall-Fassade eine Herausforderung, weil sie den heutigen energetischen Anforderungen nicht mehr entspricht. Bei einem Neubau der Fassade bestand andererseits die Gefahr, dass Le Lignon seinen Charakter verliert. In dieser Zwickmühle wählte das Zentralkomitee ein interessantes Vorgehen: Zuerst erarbeitete das Laboratoire des Techniques et de la Sauvegarde de l’Architecture Moderne (TSAM) an der Architekturfakultät der ETH Lausanne vier Varianten für die Fassadensanierung (Unterhalt, Instandsetzung, Renovation, Neubau der Fassade), kalkulierte für jede Variante die Kosten der Umsetzung und die Reduktion beim Heizbedarf und erstellte dann Musterwohnungen für die Varianten Instandsetzung und Renovation. Die EigentümerInnen reagierten überrascht, weil den Musterwohnungen — entgegen ihren Erwartungen — weder von aussen noch von innen etwas anzusehen war und die renovierte Fassade dennoch eine deutliche Qualitätssteigerung für die BewohnerInnen brachte. Am Ende entschlossen sich die EigentümerInnen zur kosteneffizientesten Variante C — seither wird die Fassade Haus für Haus renoviert. Darüber hinaus liessen sie die Cité du Lignon integral unter Denkmalschutz stellen, was die Bewilligungsverfahren für die Fassadenrenovation vereinheitlicht und vereinfacht.

Alle paar Jahre würdigt der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA Arbeiten, die in hervorragender Weise zur zukunftsfähigen Gestaltung des Lebensraumes Schweiz beitragen. Die Jury von Umsicht – Regards – Sguardi 2013 war vom pragmatischen, zielorientierten und interdisziplinären Lösungsansatz der Sanierungsstrategien für die Cité du Lignon beeindruckt und zeichnete sie als wertvollen, inspirierenden und weit über die Schweiz hinausreichenden Beitrag aus. Sehenswert ist das vom SIA in Auftrag gegebene Video über die Sanierung der Cité du Lignon:


Les stratégies d’intervention pour la Cité du Lignon (2013, 10:54, O-Ton mit deutschen Untertiteln) — das SIA-Video auf Youtube vermittelt mit schönen Bildern die Qualitäten von Le Lignon und erklärt, warum die Sanierungsstrategien ausgezeichnet wurden.

Fazit: Beeindruckend

Le Lignon ist schon nur wegen der schieren Grösse beeindruckend: Es ist ein Monument der fliessbandmässigen Produktion von Wohnraum im Fordismus und ein faszinierendes Beispiel für verdichtetes Wohnen im Grünen. Die helvetische Version eines Grands Ensembles unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den französischen Vorbildern: Soziale Durchmischung, funktionierendes Zentrum und sorgfältiger Umgang mit der Bausubstanz verhindern Gettobildung und eine brennende Banlieue. Beeindruckend ist auch die Art und Weise, wie die Sanierung der Curtain-Wall-Fassade angegangen wurde. Ein Besuch lohnt sich alleweil.

Share