Haben Sie sich auch schon dabei ertappt, dass Sie Bilder eines Unglücks oder sogar einer Katastrophe so faszinierend fanden, dass Sie jedesmal gebannt hinschauen müssen, obwohl Sie die Bilder schon x-mal gesehen haben und Sie wissen, dass bei diesem tragischen Ereignis Menschen ihr Leben lassen mussten?

Mir jedenfalls geht es manchmal so, dass Bilder durch ihre ständige Wiederholung in den Medien ihren Schrecken verlieren und dafür eine gewisse — ich sage mal — Ästhetik des Grauens bekommen. Das letzte Mal ging es mir so mit dem grossen Fischkutter, der vom Tsunami in Japan wie ein Papierschiffchen über die Hafenmauer gespült wurde. Die Bilder von den Flugzeugen, die in die New Yorker Twin Towers rasen, haben sich so tief im kollektiven Bewusstsein festgesetzt, dass sie zu Ikonen des Bösen wurden. Abstrahiere ich einmal von den über 3000 Toten, die es bei 9/11 gab, üben die Bildsequenzen mit den Flugzeugen, die in die Türme des World Trade Centers fliegen, nach wie vor eine eigenartige Faszination aus.

Deshalb: Ist einmal der Leichengeruch verweht, können Bilder von einem Unglück irgendwie „schön“ sein und durch die Distanz bisweilen sogar ein Schmunzeln bewirken, weil sie derart kurios sind. Dieses Bild hier ist zu einer schaurig schönen Ikone des Eisenbahnunglücks geworden — und fasziniert mich schon seit bald 30 Jahren:


Das Bild zeigt eine entgleiste Dampflokomotive, die am 22. Oktober 1895 aus dem Gare Montparnasse in Paris auf die zehn Meter tiefer liegende Strasse stürzte. Quelle: www.people.csail.mit.edu

Gemäss Wikipedia überlebten alle Zuginsassen das Unglück, aber unten auf der Strasse wurde die Zeitungsfrau Marie-Augustine Aguilard von den herabfallenden Trümmern erschlagen. Das schaurig schöne Bild jedoch ist heute noch weit verbreitet und posterwürdig.

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