Er schafft es immer wieder, interessante Geschichten aufzutischen und in kleine, aber feine Ausstellungen umzutopfen: Hilar Stadler, Leiter des Krienser Museums im Bellpark präsentiert mit der Ausstellung „Ankommen in CH-6010 Kriens“ Migrationsgeschichten von acht EinwanderInnen aus aller Welt, die im Luzerner Vorort angekommen sind und hier ihre zweite Heimat gefunden haben. Die Ausstellung gewährt faszinierende Einblicke in fremde Welten mitten in der Schweiz und hält uns SchweizerInnen einen Spiegel vor, der zum Nachdenken anregt.

Als Einstieg präsentiert das Museum im Bellpark einige Facts zur Migration, die einem nachdenklich stimmen, z.B. dass 2010 die ausländische Wohnbevölkerung in der Schweiz gegenüber dem Vorjahr um 39’200 (+ 2.2%) auf 1’837’100 Personen anstieg. Oder: Mit einem Ausländeranteil von 22.8% gehört die zu den europäischen Ländern mit höchsten Ausländeranteilen. Oder: In Kriens leben Menschen aus 107 Nationen — wenn das keine Herausforderung ist. Höchste Zeit also, sich auch mit den sozialen und kulturellen Aspekten der Migration auseinanderzusetzen.

Der Hauptteil der Ausstellung im zweiten Obergeschoss besteht aus acht Videointerviews mit MigrantInnen aus Brasilien, Indien, Iran, Kirgisien, Libanon, Sri Lanka, Somalia und Tunesien, die darüber reden, warum sie in die Schweiz gekommen sind, was sie für Erfahrungen gemacht haben und wie ihr Verhältnis zur Schweiz und zu den SchweizerInnen ist. Die acht MigrantInnen sind zwischen 1989 und 2009 in Kriens angekommen. Ihre Deutschkenntnisse sind sehr unterschiedlich — deshalb ist es z.T. recht anstrengend, ihren Erzählungen in den Videoportraits zu folgen, aber es lohnt sich, weil diese Menschen etwas zu erzählen haben. Das sind zum Teil heftige Geschichten über Folter und Flucht aus ihren Herkunftsländern, aber auch lustige Anekdoten über kulturelle Missverständnisse in der Schweiz.

Aber noch fast interessanter ist das zweite Element der Ausstellung: Die acht MigrantInnen haben Fotographien ihrer neuen Heimat gemacht. Ihr Auftrag: „Fotographieren Sie 1. einen Ort oder eine Situation in Ihrer Wohnung, 2. das Haus oder das Quartier, in dem Sie wohnen, 3. den Ort, wo Sie sich am meisten aufhalten oder wo Sie arbeiten, 4. einen der Orte, wo Sie sich mit Bekannten treffen, 5. einen Ort, den Sie Ihren Verwandten zeigen würden, einen Ort also, den man gesehen haben muss, 6. einen Ort, an dem Sie Schweizern begegnen, 7. eine Situation, die Ihnen besonders gefällt, 8. eine Situation, die Ihnen überhaupt nicht gefällt, 9. etwas, das für Sie typisch schweizerisch ist, 10. einen Ort oder einen Gegenstand, der für Sie sehr wichtig ist oder der Ihnen Kraft gibt, 11. einen Ort, wo Sie sich gerne aufhalten oder wo Sie sich wohl fühlen. 12. Wenn Sie sonst noch etwas zeigen möchten, halten Sie es mit der Fotokamera fest.“

Herausgekommen sind keine fotographischen Meisterwerke, aber viele gelungene Fotos, die den Blick der MigrantInnen auf ihre neue Heimat ausgezeichnet widerspiegeln — es ist ein Blick von aussen auf Kriens, Luzern und die Schweiz. Da ist der srilankische Hausaltar, der Lieblingsladen mit den Produkten aus der ersten Heimat, da sind aber auch die aufgereihten Einkaufswägelchen im Shoppingcenter oder die Anzeige mit den Wartezeiten bis zur nächsten Bus-Abfahrt. Interessant, was den Leuten, die neu in der Schweiz sind, positiv und negativ auffällt und was ihnen wichtig genug ist, um es im Bild festzuhalten. Ankommen in CH-6010 Kriens — eine sehenswerte, sehr persönliche Ausstellung über Migration.

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Die Ausstellung und das dazu gehörende Rahmenprogramm ist ein Projekt des Museums im Bellpark in Zusammenarbeit mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz Luzern und dem Verein „Migration — Kriens integriert“.
Zu sehen ist sie noch bis 28. April 2013, jeweils Mi bis Sa 14-17 Uhr, So 11-17 Uhr.

Ausserdem leistet das Museum im Bellpark mit dieser Ausstellung auch einen Beitrag zum Aufbau des Musée imaginaire des migrations. Das MIM ist ein Museum ohne Wände und eine Plattform für Migrationsgeschichten.

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