Die 56. Solothurner Filmtage waren coronabedingt eine Home Edition, für mich waren es Frauenfilmtage. Das liegt nicht nur daran, dass die Solothurner Auswahlkommission wegen 50 Jahre Frauenstimmrecht einen Schwerpunkt auf das Filmschaffen von Frauen gelegt hat, sondern auch daran, dass ich mir mit der Serie Women Make Film eine 14-stündige Aneinanderreihung von Filmausschnitten aus Filmen von Regisseurinnen reingezogen habe. Machen Frauen andere Filme als Männer?

An neun Tagen haben wir 27 Blöcke gebucht, das sind 3 weniger als letztes Jahr, als ich Viereckige Augen bekam. Allerdings müsste da Women Make Film, die fünfteilige Serie über Filmemacherinnen, nicht als ein Block, sondern als Filmseminar mit mindestens 7 Blöcken à zwei Stunden gezählt werden — die Augen wurden dieses Jahr also noch viereckiger. Unter den 27 Blöcken waren ausserdem ein Trickfilmwettbewerb und ein Kurzfilmblock mit je zehn Filmen — das Gros der 24 verbleibenden Langfilme teilt sich auf in 5 Spielfilme, eine Doku-Fiction und 18 Dokumentarfilme. Und das waren unsere 56. Solothurner Filmtage, heuer als Home Edition:

Filme von Frauen — Filme über Frauen

Mehr als die Hälfte unseres Programms waren Frauenfilme — zum grössten Teil führten Frauen die Regie, zu einem kleineren Teil sind es Filme von Männern über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft oder mit einer Frau als Hauptakteurin. Besonders erfreulich: Filme von Frauen sind nicht nur zahlreich, sondern auch preiswürdig: Sowohl die beiden Hauptpreise der Solothurner Filmtage, der «Prix de Soleure» und «Prix du Public», als auch der neue geschaffene Preis für Erstlingswerke in Kategorie «Opera Prima» gehen dieses Jahr allesamt an Produktionen, bei den Frauen die Regie geführt haben.

für Mare von Andrea Štaka, der von der Jury mit dem «Prix de Soleure» ausgezeichnet wurde. Štaka erzählt von einer Frau und Mutter, die sich durch ihre Familie zunehmend eingeengt fühlt. Ihr vielschichtiger Film macht aus einem ganz gewöhnlichen Familienalltag ein berührendes, aber auch nachdenklich stimmendes Filmerlebnis. 5 von 5 Sternen gebe ich auch dem Gewinnerfilm des «Prix du Public» Beyto, einem Melodram von Gitta Gsell über ein hetero-schwules Beziehungsdreieck im Clinch zwischen westlich und islamisch geprägter Kultur, sowie dem Spielfilm Wanda, mein Wunder von Bettina Oberli, einer Tragikomödie, angesiedelt in einer Zürcher Goldküsten-Dynastie — nachdem die polnische Krankenpflegerin schwanger wird, nimmt die Story mehrere überraschende Wendungen. Drei grossartige Spielfilme von Regisseurinnen und in allen drei geht es um Beziehungen im familiären Umfeld.

erhalten von mir auch vier Dokumentarfilme: Salvataggio von Floriane Closuit, ein Selbstportrait der Filmemacherin, die versucht, mit ihrer fortschreitenden Multiplen Sklerose zurecht zu kommen, Die Pazifistin — Gertrud Woker: eine vergessene Heldin, ein eindrückliches Frauenportrait vom Männerduo Fabian Chiquet und Matthias Affolter über die Bernerin Gertrud Woker (1878 – 1968), die eine der ersten Professorinnen Europas war und als Pionierin der Friedens- und Frauenbewegung beharrlich für die Gleichberechtigung der Frauen und den Frieden kämpfte. Ebenfalls von einem Männerduo stammt Das katholische Korsett — oder der mühevolle Weg zum Frauenstimmrecht (noch bis 1.3.2021 online) von Beat Bieri und Jörg Huwyler, die in ihrem Film über den langen Weg zur Gleichberechtigung in der konservativen Innerschweiz starke Frauen nach ihrer Selbstermächtigung im katholisch-konservativen Milieu befragen. Wärmstens empfehlen kann ich auch Wie die Kunst auf den Hund und die Katze kam von Anka Schmid — kein Film über Frauen, aber ein äusserst humorvoller und sinnlicher Streifzug durch 500 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte.

erhalten vier Dokumentarfilme und ein Spielfilm: Amazonen einer Grossstadt ist ein «Opera Prima» der Zentralschweizer Filmmacherin Thaïs Odermatt über ganz unterschiedliche Kämpferinnen im engeren Wortsinn. Cinéjournal au féminin von Lucienne Lanaz, Anne Cuneo, Erich Liebi, Urs Bolliger kam 1980 heraus und wurde in der Sektion «Histoires du cinéma suisse» gezeigt. Die vier FilmemacherInnen analysieren auf witzige Art und Weise, aber gnadenlos das Bild der Frau, das in der Schweizer Filmwochenschau von den ausschliesslich männlichen Autoren vermittelt wurde. Ihre Auswertung des Archivmaterials ergab, dass von 9000 Beiträgen und 280’000 m Film, die 1940 – 1975 entstanden sind, gerade mal 300 Beiträge bzw. 15’000 m Film mit der weiblichen Hälfte der Bevölkerung befassten. Ein besonders krasses, aber jetzt gerade aktuelles Beispiel für die Männerignoranz gegenüber Frauenanliegen: Als vor 50 Jahren das Frauenstimmrecht endlich angenommen wurde, war das — im Gegensatz zum Luzerner Bahnhofbrand — für die Schweizer Filmwochenschau überhaupt kein Thema.

Den sehenswerten und wohl passendsten Dokumentarfilm zum heutigen Jubiläum des Frauenstimmrechts — zu jubeln gibt’s da eigentlich gar nichts, es ist eher bedauerlich, dass es in der Schweiz so lange dauerte — lieferte der welsche Filmemacher Stéphane Goël, der mit De la cuisine au parlement – Ausgabe 2021 eine gleichnamige TSR-Dokumentation von 2012 aufmotzte. Er rollt den langen Kampf der Schweizer Frauen um Gleichberechtigung auf und endet beim Frauenstreik von 2019 und kommt zum Fazit: Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende.

Erwähnenswert sind ausserdem Der Ast, auf dem ich sitze von Luzia Schmid — der Zuger Finanzplatz und der Rohstoffhandel sind nicht gerade typische Themen für einen Frauenfilm, aber die familiäre Herangehensweise unterscheidet sich vermutlich von einem Männerfilm zur gleichen Thematik. Kein Frauenfilm, aber ein Film mit einer grossartigen Schauspielerin in der Hauptrolle ist der Eröffnungsfilm der 56. Solothurner Filmtage: Atlas von Niccolo Castelli, der nicht nur auf der Online-Plattform zu sehen war, sondern auch im Schweizer Fernsehen in drei Landessprachen gesendet wurde. Matilda De Angelis verkörpert eine begeisterte Kletterin, die einen Terroranschlag in Marokko überlebt, allmählich ihr Trauma überwindet und sich ins Leben zurück kämpft.

Women Make Film

Die 14-stündige Serie Women Make Film ist in jeder Hinsicht ein Sonderfall: Es ist unmöglich, die fünfteilige Serie am Stück reinzuziehen, dazu ist die schier unendliche Aneinanderreihung von meist kurzen Filmausschnitten zu ermüdend. Es war ein Filmtrip im Filmtrip. Produziert wurde die Serie von einem Mann, vom britisch-irischen Filmemacher und Filmkritiker Mark Cousins, aber die über 500 Ausschnitte, die von sieben Erzählerinnen, u.a. Tilda Swinton und Thandie Newton, in diesem epischen-enzyklopädischen „Filmseminar“ präsentiert werden, stammen ausschliesslich von Regisseurinnen, von total 187 Filmemacherinnen. Aufgemacht als Roadmovie, behandelt das Frauenfilmseminar in 40 Kapiteln alle Aspekte des Filmmachens von Openings über die Einführung von Figuren, den Aufbau von Spannung und Rückblenden bis zu den Endings sowie alle Aspekte des menschlichen Lebens vom Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern über Körper und Sex, Religion, Arbeit und Politik bis zu Liebe und Tod, aber auch die verschiedenen Genres. Das Fazit der Serie: Frauen machen genau so gute Filme wie Männer, nur sind die guten Regisseurinnnen weniger bekannt und weniger berühmt. Und: Im Vergleich zu Filmen von Männern kommen deutlich mehr Frauen vor.

«’It’s a mistresspiece!‘:
the 14-hour film about forgotten female directors»

THE GUARDIAN

„Meisterinnenstück“ finde ich doch etwas übertrieben, denn dieser Frauenfilm-Marathon ist zwar meist interessant, lehrreich und oft unterhaltsam, bisweilen aber auch etwas langfädig, didaktisch und ermüdend, dennoch sehenswert:

Und ausserdem?

Natürlich gab es in der Home Edition der 56. Solothurner Filmtage neben Frauenfilmen viele andere gute Filme und auch einige weniger gute Filme zu sehen. Besonders gefallen hat mir der Dokufiction Das neue Evangelium von Milo Rau, der im süditalienischen Matera, Kulturhauptstadt Europas 2019 und „Jerusalem“ des Weltkinos, zwei parallele Welten aufeinander prallen lässt: die biblische Filmwelt im Reenactment von Pasolinis Meisterwerk und die reale Welt der Geflüchteten aus Afrika, die zu Tausenden in den wilden Lagern rings um Matera unter widrigsten Umständen leben. Sie spielen nicht nur die Hauptrollen in Milo Raus Bibel-Film, sondern kämpfen in einem realen Aufstand für die Verbesserung ihres Lebens.

Wie jedes Jahr sehenswert waren die 10 Trickfilme des von der GSFA (Groupement Suisse du Film d’Animation) kuratierten Trickfilmwettbewerbs, mehrheitlich gefallen haben aber auch die 10 Kurzfilme der Lockdown Collection, die letztes Jahr entstanden sind. Erwähnenswert sind ausserdem das Wiedersehen mit Es ist kalt in Brandenburg (Hitler töten), dem 1980 entstandenen Dokumentarfilm vom Trio von Villi Hermann, Niklaus Meienberg & Hans Stürm über den Hitlerattentäter Maurice Bavaud (Lesenwert ist der am 29.1.2021 im TA online erschienene Artikel Meienbergs Nazi-Trip), Hexenkinder von Edwin Beeler, der tragische Schicksale von Heimkindern dokumentiert und Parallelen zur Hexenverfolgung zieht, Suot tschêl blau von Ivo Zen, der an die Oberengadiner Drogentoten der 80er Jahre erinnert, und last but not least zwei Filme, die sich mit ökologischen Themen beschäftigen: C’era una volta l’albero von René Worni und Pomme de discorde (Alerte pesticide) von Daniel Kunzi. Allesamt:

Fazit

Die 56. Solothurner Filmtage waren wieder einmal ein Filmtrip ohnegleichen, in der Home Edition bequemer und entspannter als in Solothurn, wo man von Film zu Film hetzt. Diesmal fehlten mir aber die vielen Freunde, Freundinnen und Bekannten, die ich sonst live an den Filmtagen treffe…

Die 56. Solothurner Filmtage im Home-Cinema
auf der Kulturflaneur-Karte