Nach einer Tour durch Miss Jemimas Genf machen wir uns am nächsten Tag auf, unser Genf zu entdecken. Es zeigt sich: Unser Genf ist international, manchmal mondän, manchmal ausschliessend, dann aber auch lebensfreudig und mit viel Lokalkolorit.

An einem strahlend schönen Tag streifen wir zunächst durch Les Pâquis — ein Quartier, das lagemässig dem Zürcher Seefeld entspricht, aber noch nicht ganz so gentrifiziert ist, wie das Seefeld. Wir haben uns sagen lassen, dass in diesem kosmopolitischen Quartier viele Ausländer und Ausländerinnen leben — und tatsächlich sind die Pâquis auf der kantonalen Karte mit den Ausländeranteilen dunkelrot eingefärbt. Schon krass: Von 198’000 Personen, die 2016 in Genf lebten, haben 48.3% keinen Schweizer Pass, davon stammen zwei Drittel aus der EU und ein Drittel aus dem Rest der Welt. Genf ist international.

Die Karte des Kantons Genf zeigt die Anteile der ausländischen Wohnbevölkerung. In der Stadt Genf (schwarz umrandet) liegt der Schnitt mit 48.3% über dem kantonalen Schnitt von 40.5%. Nicht nur die Hälfte, sondern die ganze Stadt müsste also dunkelrot eingefärbt sein, d.h. in den meisten dunkelroten Zonen leben wohl mehr AusländerInnen als SchweizerInnen.

Hinter den Pâquis (dt. Weiden) weitet sich die Seepromenade zu einer grosszügigen Parkanlage mit Museen und Gebäuden internationaler Organisationen. Z.B. hat die WTO, die Welthandelsorganisation, ihren Sitz hier in diesem Park direkt am Genfersee.

Jardin Botanique

Dann beginnt ganz zwangslos der botanische Garten der Stadt Genf. Das war nicht immer so, denn der erste botanische Garten Genfs wurde 1817 im Parc des Bastions angelegt. Les Conservatoire et Jardin botaniques de la Ville de Genève, die letztes Jahr ihr 200. Jubiläum feierten, wurden 1904 an den heutigen Standort verlegt. Die Anlage ist zwar nicht ganz so grossartig wie die Londoner Kew Gardens, aber für uns dennoch eine tolle Entdeckung. Hier gibt es einiges zu sehen: neben schönen Glashäusern mit fremdländischen Pflanzen gibt es ein Arboretum, einen Felsengarten, einen ethnobotanischen Garten mit Kräutern und Gewürzpflanzen, Medizinal- und anderen Nutzpflanzen, einen japanischen Garten, einen historischen Rosengarten etc. — die Anlage ist mit fast 30 Hektaren so weitläufig, dass wir gar nicht alles anschauen konnten. Der Genfer Jardin Botanique ist ein Geheimtipp!

Internationale Organisationen

Oberhalb des botanischen Gartens beginnt bei der futuristisch anmutenden S-Bahn-Station Sécheron (einer ehemaligen Industriebrache) die Zone der internationalen Organisationen. Riesige Flächen sind umzäunt und mit Kameras überwacht. Die älteren Gebäude der UNO aus der Zeit des Völkerbunds (1920-1946), der Palais des Nations beispielsweise, beeindrucken durch ihre schiere Grösse, die neueren UN-Gebäude mit ihren gläsernen Fassaden wirken sonstwie abweisend. Als hundskommuner Besucher ohne Zutrittsgenehmigung und Batch fühlte ich mich ausgeschlossen und überwacht. Um mehr zu erfahren, wäre es wahrscheinlich sinnvoll, sich einer geführten Tour anzuschliessen. Gerne hätten wir uns auch das Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum angesehen, doch leider ist es montags zu.

Lokales Genf

Am Abend führt uns Frau Froggs Schulkameradin, die in Genf lebt, durch ihr Genf. Durch ihre Lieblingsorte und die damit verbundenen Geschichten bekommt die Stadt ein ganz anderes Gesicht: auch international, aber lokal verankert und mit viel Lokalkolorit. Die Tour beginnt in der Bahnhofshalle des Gare Genève-Cornavin und führt uns zunächst ins Quartier Les Grottes, das gleich hinter dem Bahnhof liegt. Seine BewohnerInnen kämpften in den 70er Jahren erfolgreich gegen die Totalzerstörung durch ein megalomanisches Cityerweiterungsprojekt und wehren sich seither mehr oder weniger erfolgreich gegen die Gentrifizierung des Quartiers. Ich mag mich erinnern, dass in den 80er Jahren das Îlot 13 das Zentrum des Quartierwiderstands und ein Häuserbesetzer-Mekka war — 2016 feierte der Bewohnerverein des Îlot 13 sein 30-jähriges Bestehen.

Weiter geht es zum Voltaire-Museum, wo der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire (1694-1778) fünf Jahre lang gewohnt und gearbeitet hatte, bevor er im nahen Ferney ein schlossähnliches Landgut erwarb. Unterwegs finden wir in einer Baumrondelle weissen Mohn (siehe obiges Foto), der hier dank Guerilla Gardening mitten im öffentlichen Raum blüht. Auf unserer Tour folgen wir der Bahnlinie zum Flughafen, die nach ihrer Überdeckung Platz bietet für verschiedenste Quartieraktivitäten. Wir kommen am „Kolosseum“ (siehe obiges Foto) vorbei, einem interessanten Wohnbau aus den 20er Jahren, entworfen vom Genfer Architekten Maurice Braillard (1879-1965). Schliesslich stehen wir auf dem Viaduc de la Jonction, einer S-Bahn-Brücke über die Rhone, die ab 2019 als Teil der CEVA den Bahnhof Cornavin mit Eaux Vives und dem französischen Annemasse verbindet, und schauen runter auf die Pointe de la Jonction, den Zusammenfluss von Rhone und Arve, der schon Miss Jemima faszinierte.

Unser private Stadtführerin führt uns zum Théâtre du Loup, eine ehemalige Gewerbehalle, die früher in der Jonction stand, in stundenlanger Fronarbeit abgebaut und in einem Waldstück an der Rhone wieder aufgebaut wurde. Heute produziert das Theater eigene Stücke, zeigt Produktionen anderer Gruppen und führt eine Theaterschule für den Nachwuchs — für mich als Kulturveranstalter ein überaus interessantes Projekt. Wir überqueren die Arve und kommen an der Waschanlage der Genfer Trolleybusse (siehe obiges Foto) vorbei, werfen einen Blick in die ehemalige Usine Kugler, die heute mehrere Ateliergemeinschaften und eine Kunstgalerie beherbergt, gehen der Promenade de la Jonction entlang rhoneaufwärts bis zum selbstverwalteten Mehrspartenkulturhaus L’Usine, dem Genfer Pendant zur Roten Fabrik in Zürich. Ein paar Schritte flussaufwärts überqueren die Brücke zum Bâtiment des Forces Motrices — das ehemalige Flusskraftwerk inmitten der Rhone ist heute eine grosse Eventhalle, die man für Theater, Konzerte und Events mieten kann — und genehmigen uns in der Openair-Bar Les Lavandières einen Apero. Dieses Gastrounternehmen, ein soziokulturelles Projekt des Vereins „La Barje“, bietet mitten in der Rhone ein mediterranes Ambiente und ist très sympa!

Möbliertes Genf

Nach dem Apero folgen wir 500 Meter der Rhone, unterqueren die Mont-Blanc-Brücke, gehen auf dem Quai du Mont-Blanc bis zu den Bains des Pâquis, besichtigen die Hafenmole, den Leuchtturm und die Badeanstalt. Les Bains des Pâquis sollten in den 80er Jahren abgebrochen und neu komplett neu gebaut werden. Die Quartierbewohner der Pâquis mobilisieren und weisen nach, dass eine sanfte Renovation billiger ist als ein Abbruch-Neubau. Am 25.9.1988 schliesslich stimmen 72% der GenferInnen gegen die Zerstörung der Quartierbadi. Les Bains des Pâquis sind eine wichtige soziokulturelle Institution und aus Genf nicht mehr wegzudenken. Wenn es das Wetter erlaubt, sind die Badi und die Buvette offen — auch im Winter. Das Fondue, das hier serviert wird, ist kein Geheimtipp mehr: Touristen aus aller Welt kommen zum Fondueessen in die Bains des Pâquis — eine Quartierbadi mit internationalem Renommee!

Auf dem Heimweg durch Les Pâquis zeigt uns unsere private Stadtführerin an zwei Orten ausrangierte Möbel, die für den Abtransport bereitgestellt wurden. Sie erklärt uns: Im Unterschied zu anderen Orten klebe kein Zettel dran mit der Aufschrift „Gratis zum Mitnehmen“ — das sei in Genf selbstverständlich. Die Sperrmüllabfuhr funktioniere in Genf eben anders als in vielen Städten: Man stelle die alten Möbel aufs Trottoir, rufe bei der Müllentsorgung an und die Müllmänner holen den Sperrmüll im Lauf der nächsten ein, zwei Tage ab. Deshalb gäbe es auf Genfs Strassen und Plätzen temporäre Wohnzimmer, die von den AnwohnerInnen genutzt werden, sei es für ein Schwätzchen, sei es als Kinderspielplatz oder als Gelegenheit, eigene Möbel zu entsorgen. Unsere Stadtführerin macht sich einen Spass daraus, diese sorgsam hindrapierten Möbelhaufen zu fotografieren und auf Instagram zu präsentieren: Ihre Bildersammlung @moblier_urbain umfasst bald 500 Fotos, die mal witzig, mal eher traurig sind und einen ganz eigenen Charme haben. Und sie erinnern daran, dass in dieser international ausgerichteten Stadt auch ganz gewöhnliche Leute leben.

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