Dass die Wienerinnen und Wiener einen Hang zum Morbiden haben, ist auch hierzulande bekannt. Dass sich das sogar in meinen Träumen niederschlägt, ist bemerkenswert, denn nur ganz selten kann ich mich an einen Traum erinnern. Letzte Woche waren wir in Wien und diese Woche träumte von einem monumentalen Ehrenhof mit Elefanten.

Kaum zurück aus Wien erschien im Schweizer Online-Magazin Republik ein Beitrag mit dem Titel Bretter, die das Ende bedeuten von Karin Cerny, einer Journalistin, die in Wien lebt. Ihr grossartiger Text zeigt, wie wunderbar der hinter­fotzige Wiener Schmäh sogar über den Tod triumphiert. Er ist aber auch eine Art Playlist mit Songs, die sich um den Tod drehen. Einer der berühmtesten, schreibt Cerny, stamme vom Wiener Sänger Georg Kreisler:

«Der Tod, das muss a Wiener sein,
genau wie die Liab a Französin.
Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür,
da hat nur a Wiener das Gspür dafür.»
Georg Kreisler (1922-2011)

In einem Sarg probeliegen, das kann man einmal im Jahr, nämlich am ersten Oktober-Samstag, im Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof (Promobild für die ORF Lange Nacht der Museen).

Ob ich zuerst diesen Schmäh über den Wiener Hang zum Morbiden gelesen oder zuerst vom monumentalen Ehrenhof mit den Elefanten geträumt habe, weiss ich gar nicht mehr. So oder so haben sich verschiedene Elemente von unserem Wien-Aufenthalt zu einem absurden Traumbild zusammengefügt: Die Elefantenskulptur vor dem Naturhistorischen Museum, die vom Roten Wien erbauten Wohnanlagen, die mit ihren Ehrenhöfen etwas Monumentales an sich haben, die vielen Wienerinnen und Wiener, die auf Parkbänken die sonnigen Herbsttage genossen, sowie die zahlreichen Baustellen, die vielerorts das Stadtbild Wiens prägen.

Der 1924-1926 erbaute Reumannhof an der „Ringstrasse des Proletariats“ ist eine der 382 kommunalen Wohnbauten mit knapp 65’000 Wohnungen, die das Rote Wien zwischen 1919 und 1933 aus dem Boden stampfte. Der gegen die Strasse halb offene Ehrenhof dieser Wohnanlage, der mit seinem zentralen Wasserbassin an Schlossarchitektur erinnert, hat ebenfalls Eingang in meine Träume gefunden.

Morbider Traum

Die Szenerie meines Traums bildet ein monumentaler Ehrenhof eines Wiener Gemeindebaus. An den schmalen Seiten des Gevierts stehen Sockel mit weissen (keinen bronzenen) Elefanten, die einander anschauen. In diesem Hof treffen sich regelmässig zwei Paare, um auf den Bänken zu sitzen und zu tratschen. Als das eine Paar eines Nachmittags in den Hof kommt, steht anstelle des einen Elefanten eine Strassenwalze auf dem Sockel (keine Ahnung, wie die da raufgekommen ist) und im Hof ist neu ein grosses, gewalztes Viereck mit weissen Kieseln. Der Verdacht liegt nahe, dass die Strassenwalze den einen weissen Elefanten plattgemacht und zu einem Kiesplatz ausgewalzt hat. Als das befreundete Paar sich nicht zum täglichen Tratsch einfindet, blickt der Mann nachdenklich auf den weissen Kiesplatz und sagt zu seiner Frau: „Heast, des hätten au mir san könne, aber amoi seg’ ma uns wieder.“

Für Vorschläge, wie der erste Satzteil auf Wienerisch korrekt formuliert wird, bin ich offen. Und: Lange habe ich darüber sinniert, ob es eine logischere Variante dieses Traums gäbe, aber Träume sind selten logisch und stellen oft absurde Zusammenhänge her. Dieser Traum jedenfalls passt gut zum Wiener Hang zum Morbiden.

⇒ Der Republik-Artikel von Karin Cerny: Bretter, die das Ende bedeuten
⇒ Alles über die „Schöne Leich“ in Wien: Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof
⇒ Online-Faltplan (zur Sonderausstellung von 2015 im Waschsalon Karl-Marx-Hof): Die Ringstrasse des Proletariats (PDF)
⇒ Der Gemeindebau Reumannhof in Wien auf stories and places

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