Nächste Woche beginnen die 61. Solothurner Filmtage, wo ich mir wieder einmal Viereckige Augen einfangen werde. Um ins Filmtagefieber zu kommen, ziehe ich mir davor sieben Filme von meinem Lieblingsfilmemacher rein — ein Filmtrip in meine Kino-Vergangenheit.

Letzten Sonntag haben wir uns den neusten Jarmusch angeschaut: «Father Mother Sister Brother» läuft in Luzern noch diese und nächste Woche im Kino Bourbaki. Anlässlich des Kinostarts des neuen Films, widmet das Stattkino dem Meister des Indiefilms und seinen Aussenseitern, Kauzen und Sonderlingen eine kleine Retrospektive mit sechs Filmen (vgl. Jarmusch-Jam).

Stranger Than Paradise

Trailer auf Youtube (2:42) — Stranger Than Paradise, USA 1984, 89 Min., OVdf

Als der in New York lebende Ungar Willie (John Lurie) Besuch von seiner sechzehnjährigen Cousine Eva (Eszter Balint) bekommt, ist er nicht gerade begeistert. Ein Jahr später besuchen Willie und sein Kumpel Eddie (Richard Edson) Eva in Cleveland und fahren mit ihr ins „Paradies“. Die Fahrt nach Florida entwickelt sich zu einem Höllentrip, der völlig aus dem Ruder läuft. Auf dem Höhepunkt der Aussichtslosigkeit nimmt die abenteuerliche Story für Willie eine völlig unerwartete Wende…

Durch diese skurrile Streunergeschichte habe ich mich in die Indiefilme von Jim Jarmusch verliebt. Nach dem Kinobesuch in den 80er Jahren war ich derart angetan von Screamin‘ Jay Hawkins‘ Stück «I Put a Spell on You», das immer wieder zu hören ist und den Soundtrack von «Stranger Than Paradise» prägt, dass ich mir tags darauf im Plattenladen die LP «Frenzy» von Screamin‘ Jay Hawkins besorgte. Das Album ist immer noch in meiner Plattensammlung…

Gemäss IMDb war Regisseur Jim Jarmusch sehr enttäuscht, als er feststellte, dass das Geld, das er für die Rechte an Screamin‘ Jay Hawkins‘ «I Put a Spell on You» bezahlt hatte, an die Plattenfirma ging, ohne dass Hawkins selbst etwas davon hatte. Als der Film Gewinn erzielte, machte sich Jarmusch auf die Suche nach Hawkins, der damals in einem Wohnwagenpark lebte, um ihm einen Teil des Gewinns abzugeben. Es war der Beginn einer Freundschaft, die bis zu Hawkins‘ Tod andauerte. Laut Jarmusch schwor Hawkins immer wieder, ihm das Geld zurückzuzahlen, obwohl Jarmusch darauf bestand, dass es ein Geschenk sei.

Down By Law

Trailer auf Youtube (1:36) — Down By Law, USA 1986, 108 Min., OVdf

Zwei Jahre nach «Stranger Than Paradise» legte Jim Jarmusch nach und präsentierte mit «Down By Law» einen weiteren Schwarzweissfilm: Zuhälter Jack (John Lurie) und Radio-DJ Zack (Tom Waits) hatten gerade eine Rauferei, als sie mit dem Falschspieler Roberto (Benigni) einen neuen Zellengenossen erhalten. Der gesprächige Italiener hebt sogleich die Stimmung der Zwangsgemeinschaft und hat auch einen Plan, wie sie aus dem Gefängnis ausbrechen können. Eine skurrile Odyssee durch die Sümpfe Louisianas beginnt. «Down By Law», ein Kultfilm der 80er Jahre, erzählt eine schöne Ausbrechergeschichte voller Situationskomik, die mir in vielen Details in Erinnerung geblieben ist, während ich den ersten Teil (wie Jack, Zack und Roberto ins «Orleans Parish Prison» kommen) gänzlich vergessen habe.

Night On Earth

Trailer auf Youtube (2:24) — Night On Earth, USA 1991, 127 Min., OVdf

Sehr schön ist auch der Episodenfilm «Night On Earth», der von fünf ganz verschiedenen nächtlichen Taxifahrten in L.A., New York, Paris, Rom und Helsinki handelt. Jede dieser fünf Episoden vermittelt — wenn auch etwas klischiert — das Lebensgefühl der jeweiligen Stadt sowie einen Einblick ins momentane Leben der Taxifahrer:innen und ihrer Fahrgäste. Fünf Taxifahrten, mal überdreht komisch, mal melancholisch tragisch.

Dead Man

Trailer auf Youtube (1:40) — Dead Man, USA 1995, 121 Min., OVdf

Ich glaube nicht, dass ich Jim Jarmuschs Western-Persiflage «Dead Man» in den 90er Jahren gesehen habe. Jim Jarmuschs „Western“ stellt das Genre auf den Kopf: Der biedere William Blake (Johnny Depp) macht sich auf in den Westen, um dort eine Stelle als Buchhalter anzutreten. Doch die Stelle ist schon vergeben. In dieser ausweglosen Situation wird William auch noch von einer Kugel getroffen. Aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände muss er trotz seiner schweren Verletzung in die Wälder zu fliehen. Der Indianer Nobody, der ihm dort begegnet, nimmt ihn unter seine Fittiche. Von eiskalten Kopfgeldjägern gehetzt, wird William nun selbst zum Outlaw und gefürchteten Killer. Ein Western im Jarmusch-Stil mit vielen schönen, aber auch schrägen Szenen, und einem hohen Bodycount — am Schluss ist William «Dead Man» Blake der Einzige, der noch lebt.

Only Lovers Left Alive

Trailer auf Youtube (2:10) — Only Lovers Left Alive, Deutschland 2013, 123 Min., OVdf

Ziemlich sicher habe ich auch «Only Lovers Left Alive», Jim Jarmuschs Vampirfilm von 2013, zum ersten Mal gesehen. Wie «Night On Earth» spielt dieser Film ausschliesslich in der Nacht, wenn Vampire aktiv werden. Jarmuschs Vampire Adam und Eve sind intelligent und kultiviert. Sie haben die ganze Welt bereist, sehr viel erlebt und noch viel mehr gesehen, denn sowohl ihre Liebe als auch ihr Blick auf die Menschheit überspannt mehrere Jahrhunderte, weil Vampire in der Regel nicht sterben. Adam und Eve leben eine Fernbeziehung: Adam, Undergroundmusiker und Gitarrensammler, versteckt sich in einer heruntergekommenen Villa in Detroit vor den Zumutungen der heutige Zeit. Seine grosse Liebe Eve wohnt Tausende Kilometer entfernt in der romantisch-verwinkelten Altstadt von Tanger. Als sie spürt, dass Adam in Tristesse zu versinken droht, macht sie sich sofort auf den Weg zu ihm. Eine romantisch-fantastisch-schräge Vampirkomödie, die von den Problemen heutiger Vampire handelt, sich kultiviert und unauffällig, genügend Nachschub an „bloody stuff“ zu beschaffen…

Paterson

Trailer auf Youtube (2:28) — Paterson, USA 2016, 118 Min., OVdf

Paterson ist Busfahrer in einer Stadt in New Jersey, die genauso heisst wie er. Seine exzentrische Frau Laura malt, am nächsten Tag erfindet sie Muffin-Rezepte oder will Gitarre spielen lernen. Der gelassene und selbstlose Paterson ermutigt sie bei allem. Mit dem eigenen Talent jedoch geht er nachlässig um: In den Arbeitspausen schreibt er – quasi für die Schublade – feinfühlige Gedichte in sein Notizbuch. Als Laura ihn drängt, seine poetischen Kleinode wenigstens zu kopieren, und dann alles ganz anders kommt, gerät die Alltags- und Beziehungsroutine der beiden in Bewegung. Wobei daran auch der Mitbewohner des Paares seinen Anteil hat: die kleine Bulldogge Marvin…

«Paterson» ist nicht nur eine liebevoll erzählte Liebesgeschichte zwischen einem dichtenden Busfahrer und einer hyperkreativen Hausfrau, sondern dreht sich auch um Lyrik: Gemäss Wikipedia ist Paterson auch der Titel eines fünfbändigen Gedichtzyklus von William Carlos Williams, der in der Nachfolge Walt Whitmans eine „demokratische“, also zugängliche, aber dennoch moderne Lyrik zu schreiben suchte. Er praktizierte in Rutherford, New Jersey, als Arzt. Das Alltagsleben der Kleinstadt war das Rohmaterial für seine Gedichte, von Miniaturen bis hin zum Langgedicht «Paterson».

Father Mother Sister Brother

Trailer auf Youtube (2:11) — Father Mother Sister Brother, USA 2025, 108 Min., OVdf

Auch der neuste Jarmusch ist ein typischer Jarmusch, ein Film in drei Episoden, die sich alle um familiäre Entfremdung drehen, um Geheimnisse, Verletzungen, festgefahrene Muster, Ratlosigkeit und Bedauern. Da ist der augenscheinlich verwahrloste, aber schlitzohrige «Father» (Tom Waits) im Nordosten der USA, da ist die erfolgreiche Autorin, aber kühle und unnahbare «Mother» (Charlotte Rampling), die in Dublin ihre Töchter, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zum alljährlichen Nachmittagstee empfängt, und alle so tun, als sei alles in bester Ordnung, dabei knistert es vor ungelösten Spannungen. Da sind aber auch die Zwillinge Skye und Billy der Episode «Sister Brother», die einander eng verbunden sind und im leergeräumten Pariser Apartment ihrer Eltern deren kürzlichen Tod betrauern. Anhand von Fotos und Fundstücken wird ihnen klar, wie viel ihnen verborgen geblieben ist und wie wenig sie über ihre Eltern wussten.

«Ein Meisterwerk der Zurückhaltung,
ein Film, der flüstert statt schreit und sich
mit einer seltenen Eleganz entfaltet.»
UK FILM REVIEW

Gefallen haben mir sich wiederholende Elemente, die in allen Episoden vorkommen und die drei separaten Geschichten zu einem Film zusammenbinden, wie z.B. die Formulierung «…and Bob’s your uncle.», die analog zum französischen «et voilà!» im Sinn von «Job erledigt» oder «war ein Kinderspiel» verwendet wird, dass Tischrunden von oben gefilmt werden oder in allen Episoden Fotos an frühere (glücklichere?) Zeiten erinnern. In jeder Episode stellen die Familienmitglieder irgendwann fest, dass sie alle als verbindendes Element ein rotes Kleidungsstück anhaben: «We seem to be accindentally colour coordinated — how embarassing!» sagt die Mutter zu ihren Töchtern. Als in der letzten Episode Billy ohne rotes Kleidungsstück in seinem Rucksack kramt, dachte ich schon: Jetzt holt er was Rotes raus — und tatsächlich kommt eine rote Trinkflasche zum Vorschein. Zum Glück hatte ich für den Kinobesuch meine bordeauxroten Hosen angezogen!