Der Weg der Schweiz ist der Pilgerweg der alten Eidgenossenschaft, die 1291 gegründet wurde. Der 35 km lange Weg vom Rütli über Flüelen nach Brunnen wurde zur 700-Jahr-Feier eingerichtet und ist seither eine Attraktion für Familien, Schulreisen, Wandergruppen und so weiter. Der Weg der Schweiz ist aber auch Teil meiner Vierwaldstätterseeumwanderung — allerdings bin ich verkehrt herum unterwegs: Meine 5. Etappe beginnt an seinem Ende in Brunnen und führt nach Flüelen.

Erwandert habe die 5. Etappe schon im Juli 2016, physisch bin ich aber inzwischen schon viel weiter: Für die Umwanderung des Vierwaldstättersees fehlt mir nur noch eine letzte Etappe, diejenige von Alpnachstad über Hergiswil und Kriens nach Luzern — höchste Zeit also, sich blogmässig auf die Socken zu machen und die nächsten Etappen zu verbloggen!

Etappe 5: Brunnen – Flüelen


Meine 5. Etappe entspricht dem Teil 3 des Wegs der Schweiz (auf der Karte die rot markierte 2. Etappe). Von Brunnen bis Flüelen sind es knapp sechs Stunden auf einem meist wunderschönen Weg, aber es zieht sich und in Flüelen war ich nudelfertig.

Der Weg der Schweiz (Kantonswappen kennzeichnen den Beginn der jeweiligen Kantonsabschnitte).
Quelle: www.erlebnisregion-mythen.ch

Stichwort 1: Weg der Schweiz
Der Weg der Schweiz entstand anlässlich der 700-Jahr-Feier der Gründung der Eidgenossenschaft 1991 als Geschenk der Kantone an den Bund. Der knapp 35 km lange Weg wurde in kantonale Abschnitte unterteilt, deren Länge der Wohnbevölkerung des jeweiligen Kantons entsprach (5 mm = 1 EinwohnerIn). Die Reihenfolge der Abschnitte, die durch grosse Markierungssteine abgegrenzt sind, ergab sich nach dem Beitrittsjahr zum Bund. Er beginnt also mit den Abschnitten der Urkantone von 1291 (Uri, Schwyz und Unterwalden) und endet mit dem 1979 gegründeten Kanton Jura. Die AuslandschweizerInnen — zusammen wären sie der drittgrösste Kanton — haben keinen eigenen Abschnitt, dafür aber einen eigenen Platz bekommen. Genaue Statistiken habe ich keine gefunden, aber ich bin überzeugt, dass der Weg der Schweiz nach wie vor eine der beliebtesten Wanderrouten in der Schweiz ist.

Gefeiert wird mit dem Weg der Schweiz vor allem die Alte Eidgenossenschaft, die mit dem Bundesbrief von 1291 besiegelt wurde. Ob sie auf dem Rütli auch beschworen wurde, bleibe mal dahingestellt. Selbstverständlich bezieht sich der Weg der Schweiz auch auf neuere Entwicklungen, wie z.B. die Gründung des Kantons Jura 1979. Aber die moderne Schweiz, wie wir sie heute kennen, ist erst mit der Bundesstaatsgründung von 1848 entstanden (vgl. Geschichte der Schweiz auf Wikipedia). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass acht Kantone, insbesondere die Urkantone, die neue Bundesverfassung in den jeweiligen kantonalen Abstimmungen ablehnten. Den „Weg der modernen Schweiz“ müsste man anderswo bauen.

Stichwort 2: Wilhelm Tell
Wer um den Vierwaldstättersee wandert, kommt um Schillers Drama Wilhelm Tell nicht herum — am Urnersee begegnet man dem deutschen Dichter und seiner Figur sozusagen auf Schritt und Tritt: „Schiller A“ heisst ein Hochhaus in Brunnen, unterwegs trifft man auf Tellsplatte und Tellskapelle, den Raddampfer Schiller, das Telldenkmal und Tellspielhaus in Altdorf oder den Schillerstein. Auch wenn Schiller und Tell allgegenwärtig scheinen, sind die Namen keinen Erfolgsgarantie: Während das Hotel Schiller in Bauen schon vor einigen Jahren schliessen musste, sucht das Hotel Tell in Seelisberg, das erst kürzlich zugemacht hat, einen Nachfolger. Viel erfolgreicher waren der Namensgeber und seine Story: Indem Friedrich Schiller den Stoff des Schweizer Nationalmythos um Wilhelm Tell und den Rütlischwur aufgriff und zu einem Drama verarbeitete, hat er — ohne je in der Gegend gewesen zu sein — der Region eine Geschichte verpasst, die sie prägt und die sie nicht mehr los wird.

Vier Fresken in der Tellskapelle als Kurzfassung der Tellstory (v.l.n.r., zum Vergrössern aufs Bild klicken!): Apfelschuss, Tellsprung, Gesslers Tod und Rütlischwur

Doch warum ist Schillers Geschichte von Wilhelm Tell so unglaublich erfolgreich und nachhaltig? Mögliche Erklärungen liefert Warum wir erzählen — der Mensch, das geschichtenerzählende Tier (21:30 Min.), ein Radiowissen-Podcast vom Bayrischen Rundfunk: Für Kinder seien Geschichten unglaublich wichtig, weil sie ihnen helfen, eine eigene Identität zu entwickeln und Sachverhalte zu verknüpfen und einzuordnen. Auf der gesellschaftlichen Ebene haben „solche nationalen Erzählungen (…) also ebenfalls eine identitätsstiftende Funktion, allerdings in diesem Fall für ganze Staaten und Gesellschaften, nicht nur für uns einzelne.“

„Never Let the Truth Get in the Way of a Good Story.“
Anonymer Autor, aber nicht Mark Twain

Frau Frogg braucht dieses Zitat in einer Variante (Facts statt Truth), wenn es darum geht, dass die effektiven Tatsachen einen Zeitungsknüller ruinieren können, dann nämlich, wenn JournalistInnen einer guten Geschichte auf der Spur sind, die recherchierten Fakten aber zeigen, dass die Story nicht stimmen kann und gekübelt werden muss. Schwierig jedoch ist der Faktencheck bei Legenden und Mythen, insbesondere beim Nationalhelden Wilhelm Tell und beim Gründungsmythos der Eidgenossenschaft, dem Rütlischwur. Die Versuche, einzelne Elemente Schillers Tellsgeschichte historisch zu belegen, sind meistens gescheitert. Nicht einmal die Datierung des Bundesbriefs, der „Gründungsurkunde“ der Eidgenossenschaft, ist wirklich gesichert — er könnte durchaus ein paar Jahre rückdatiert worden sein…

„Se non è vero, è molto ben trovato.“
Giordano Bruno (1548-1600)

In einem viel beachteten Essay Hört auf mit euren Geschichten! (am 19.1.2019 im Online-Magazin Republik) fordert Schriftsteller Lukas Bärfuss vom Journalismus, dass er keine Geschichten erzählen, sondern Tat­sachen berichten soll. Denn, so heisst es im Lead: „Die Welt besteht aus Tatsachen, nicht aus Geschichten. Aber Geschichten haben Macht – fatale Macht.“ Er schreibt, dass wir häufig Geschichten nicht ganz ernst nähmen, was sich in den Eigenschafts­worten, die wir dem Begriff beistellen, zeige. „Wir sagen: eine kleine Geschichte, eine lustige Geschichte, eine blöde, vielleicht auch eine traurige Geschichte. Das alles können Geschichten natürlich auch sein, vor allem aber sind sie mächtig. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass nichts den Menschen so beherrscht, ihn so stark formt wie seine Geschichten.“

Bezüglich Fake News stellt er fest, dass die menschliche Vorstellungs­kraft nicht nach Wahrheit oder Lüge unterscheidet, sondern nach anderen Kategorien urteilt: nach Anschaulich­keit und dem Grad der affektiven Beteiligung. „Geschichten, die einmal den Weg in unser Bewusst­sein gefunden haben, ob Lügen oder nicht, bleiben darin. Auch darum hat man ihre Macht eingehegt und ihnen bestimmte Räume zugewiesen, im Theater, im Roman, im Kino. Die Religionen, die die Macht der Geschichten am stärksten ausgenutzt haben, hat man in ihre Schranken gewiesen, aber wir leben in einer Zeit, in der viele Geschichten entwichen sind und sich in Gebieten breit­machen, wo sie Schaden anrichten. Das Story­telling macht den Journalis­mus unsicher, die Politik, und sogar die Universität Zürich hat unglücklicher­weise eine Abteilung für Story­telling eingerichtet. Es wäre an der Zeit, sich zu über­legen, wie man diese wilden Rosse wieder einfängt, bevor sie alle Zäune nieder­gerissen haben.“

Der Wilhelm Tell gehört also ins Tellspielhaus in Altdorf, allenfalls ins Germanistik-Seminar der Uni, aber nicht ins Bundeshaus in Bern.

Stichwort 3: Alpenquerender Verkehr
Auf der Gotthardroute wurden zu Zeiten von Wilhelm Tell und Rütlischwur Waren mit dem Schiff von Luzern nach Flüelen transportiert und dann durchs Reusstal, über den Gotthard ins Tessin gesäumert. Das änderte sich erst, als 1864/65 die Axenstrasse durch die teils fast senkrechten Felswände auf der Ostseite des Urnersees fertiggestellt und eröffnet wurde. Seither wurde dieses Nadelöhr des Nord-Süd-Verkehrs mehrmals ausgebaut. Der nächste Ausbauschritt ist bereits geplant, die Bauarbeiten sollen demnächst beginnen. Der Bau der Gotthardbahn, die 1882 den Betrieb aufnahm, brachte die nächste epochale Veränderung im alpenquerenden Verkehr: Mit der Eisenbahn wurde es möglich, Güter in grossen Mengen durch den Gotthard zu transportieren. Während der Gotthardtunnel von Anfang an doppelspurig war, wurden die Zufahrtsstrecken aus Kostengründen nur einspurig angelegt. Die Bahnstrecke zwischen Brunnen und Flüelen wurde während und nach dem Zweiten Weltkrieg auf Doppelspur ausgebaut.

Die nächste grundlegende Veränderung brachte 1980 die Eröffnung des Gotthard-Strassentunnels: Für den Schwerverkehr wurde die Gotthardroute zum wichtigsten Transitkorridor durch die Schweiz. Querten 1990 mehr als eine halbe Million Lastwagen die Alpen auf der Gotthardroute, hat sich der Verkehr bis ins Jahr 2000 mit 1’187’000 LKW-Fahrten mehr als verdoppelt. 1980, fast gleichzeitig mit dem Gotthard-Strassentunnel, wurde der Seelisbergtunnel der A2 eröffnet — die erste grosse Verkehrsachse, die nicht auf der Ostseite, sondern auf der Westseite des Urnersees gebaut wurde. Die Lastwagen-Lawine wurde rasch so unerträglich, dass vor 30 Jahren Urner UmweltaktivistInnen mit einer Initiative die Verlagerung des Transitverkehrs von der Strasse auf die Schiene verlangten. 1994 stimmten wider Erwarten 52% der Abstimmenden für die Alpen-Initiative. Mit diversen Massnahmen, insbesondere mit der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) und dem Bau des Gotthardbasistunnels (2016 eröffnet), konnte die Zahl der alpenquerenden LKW-Fahrten zwar von 1.4 Mio. auf unter eine Million gesenkt werden, das Verlagerungsziel von 650’000 Fahrten ist aber noch nicht erreicht. Die Alpen-Initiative verlangt deshalb zusätzliche Massnahmen, damit noch mehr alpenquerender Güterverkehr von der Strasse auf die Schiene kommt.

Diese Grafik der Alpen-Initiative zeigt die Entwicklung des gesamten alpenquerenden Güterverkehrs auf Schweizer Strassen, also nicht nur auf der Gotthardroute.

Fazit
Bezüglich Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs gibt es noch viel zu tun. Auf dem Weg der Schweiz merkt man grösstenteils nur wenig von der Lastwagen-Lawine auf der Axenstrasse, im Gegenteil: Diejenigen Wegabschnitte, die auf der alten Axenstrasse verlaufen, sind zwar asphaltiert, aber überaus spektakulär. Wo allerdings die Wanderroute in der Nähe der neuen Axenstrasse verläuft, ist ein unangenehmes Verkehrsrauschen zu vernehmen, an den wenigen Stellen, wo der Weg unmittelbar der Strasse entlang führt, sind die Immissionen beinahe unerträglich. Möglicherweise verbessert sich die Situation mit dem bevorstehenden Ausbau der Axenstrasse — die beiden langen Tunnel ermöglichen es, noch mehr Abschnitte der bestehenden Strasse für den Lokal- und Langsamverkehr umzunutzen. Hoffen wir mal, dass es sich dabei tatsächlich nicht um eine Kapazitätserweiterung handelt, wie die VerkehrsplanerInnen versichern. Der Weg der Schweiz ist aber nicht nur verkehrspolitisch interessant, sondern gibt — wie ich hoffentlich zeigen konnte — auch bezüglich nationaler Identitätsbildung einiges her. Landschaftlich ist der Weg der Schweiz ein besonders schöne und abwechslungsreiche Wanderung, die ich nur empfehlen kann.

⇒ Mein Beitrag über Etappe 4 von Gersau nach Brunnen: Der drittgrösste Kanton
⇒ Mein Beitrag über die Besichtigung von Gotthardbasistunnel und Schwerverkehrszentrum in Erstfeld: Die längste Orgelpfeife der Welt
⇒ Die Tellskapelle auf stories & places

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