Als zweites Etappenziel unserer Reise in die Südschweiz hatten wir Soglio auserkoren. Obwohl Frau Frogg das Bergell schrecklich fand und deswegen kulturlose Gedanken wälzte, machten wir eine eigentliche Kulturwanderung.
 

Unsere Wanderung war distanzmässig eher ein Spaziergang:

Zum Vergrössern auf die Karte klicken! Von Soglio folgten wir zuerst ein Stück der Via Panoramico, die bis auf den Malojapass führt. Wegen des Nebels sind wir aber bei der ersten Gelegenheit via Muntac und Coltura nach Stampa abgestiegen. Nach der Besichtigung des Strassendorfs nahmen wir das Postauto zurück nach Soglio (Umsteigen in Promontogno). Dauer: etwa 2 Stunden. Quelle der Basiskarte: map.geo.admin.ch

1 Panoramaweg ohne Panorama

Wie schon am Vortag verhüllte dichter Nebel das prächtige Bergeller Panorama, aber am Wegrand gab es auch sonst einiges zu entdecken…


2 Ein Giacometti in der Kirche

Kultur zum Ersten: In der reformierten Kirche San Pietro ist ein Giacometti zu besichtigen — das Gemälde „Am Morgen der Auferstehung“ in der Apsis stammt allerdings nicht vom weltberühmten Alberto Giacometti, sondern von dessen Onkel 2. Grades Augusto Giacometti (1877 – 1947), dem „Meister der Farbe“, wie es auf seinem Grabstein steht.


3 Videokunst im Zuckerbäckerpalast

Kultur zum Zweiten: In Coltura bei Stampa stiessen wir auf die Rückseite des Palazzo Castelmur, ein 1723 von Johannes Redolfi erbautes Patrizierhaus. Erst als wir um das Gebäude herumgingen, realisierten wir, dass es sich um ein Scheinschloss handelt. Um 1850 nämlich liess Baron Giovanni de Castelmur (1800-1871) talseitig eine Erweiterung mit turmbewehrter Fassade in maurischem Stil anbauen. Dieser Palazzo ist ein eindrückliches Denkmal bündnerischer Rückwandererkultur, hatte es doch die Bergeller Familie Castelmur als Zuckerbäcker und Betreiber von Konditoreien in Südfrankreich zu ansehnlichem Reichtum gebracht. Als wohlhabender Mann und mit dem Titel eines Barons kehrte Castelmur ins Bergell zurück, wo er seine Cousine heiratete. Baron und Baronin genossen als Wohltäter des Tals grosses Ansehen, ihre Ehe blieb jedoch kinderlos.



In diesem Palazzo fand die Ausstellung Video Arte Palazzo Castelmur, die, als wir in Coltura waren, leider noch nicht offen hatte.


Dieser kurze Bericht von art-tv.ch zeigt, was wir verpasst haben.

4 Kulturbefliessene Tankstelle

Weil das einzige Restaurant in Stampa ausgerechnet am Mittwoch zu hat, gingen wir bis ans Ende des Dorfs zu dieser Tankstelle, wo es einen ausgezeichneten Ristretto gab.

Kultur zum Dritten und ebenso wichtig wie der Ristretto:

In der Kaffee-Ecke des Tankstellenshops lag das Du-Heft Nr. 835 über Giacometti und das Bergell — eine schöne und empfehlenswerte Nummer der Schweizer Kultur-Zeitschrift, die im April 2013 erschienen ist und hervorragend zu unserer Reise passt. Im Bergeller Talmuseum habe ich dann dieses Du-Heft käuflich erworben.

5 Die Giacometti und Varlin in der Ciäsa Granda

Stampa Museum
Die Ciäsa Granda in Stampa, Bild: Adrian Michael auf Wikimedia Commons.

Kultur zum Vierten im „Grossen Haus“ in Stampa: Das Bergeller Talmuseum Museo Bregaglia Ciäsa Granda ist ein Allround-Museum: Es ist ethnographisches Museum, zeigt urgeschichtliche Fundstücke, thematisiert das Bergeller Handwerk, die Kastanienverarbeitung, die Auswanderung, die Zuckerbäcker und Cafetiers, stellt eine umfangreiche Mineraliensammlung sowie die Bergeller Fauna und Flora aus.

Wir interessierten uns vor allem für die grossen Künstler des Tals, die in einem eigens für sie gebauten unterirdischen Saal präsentiert werden: Rund 70 Werke von Giovanni Giacometti (1868 – 1933), seiner Söhne Alberto Giacometti (1901 – 1966) und Diego Giacometti (1902 – 1985), seines Coucousins Augusto Giacometti (1877 – 1947) sowie des Wahlbergellers Varlin (Willy Guggenheim, 1900 – 1977) sind da in einem Raum versammelt — eindrücklich, wie viele grosse Künstler das enge Tal hervorgebracht hat.

Der unterirdische Saal mit einem riesigen Bild von Varlin, „Die Leute meines Dorfes“ (272 x 777 cm), Bild: www.ciaesagranda.ch.

Fazit: Das Bergell — aus Sicht der Restschweiz ein abgelegenes Tal — ist reich an Kultur. Auch wenn wir die Bergeller Zacken nie zu Gesicht bekommen haben, hat sich schon deshalb die weite Reise gelohnt.

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