Bemalte Unterführungen verraten viel über lokale Befindlichkeiten und Sehnsüchte. Doch selten ist der Gegensatz zwischen „heiler Welt“ im Bild und lebensweltlicher Realität so krass wie in der S-Bahn-Station Nänikon-Greifensee. Gemalt wird ein Landleben, wie es auch die Landbevölkerung nicht mehr zurückhaben möchte, gelebt wird ein „suburban way of life“, ein von der Dienstleistungsgesellschaft geprägter Lebensstil.


Die suburbane Sehnsucht nach dem Landleben

Gemäss Statistik ist Greifensee seit 1970 Teil der Agglomeration Zürich. 1966 hatte das Landstädtchen mit mittelalterlichem Kern noch 442 Einwohner, nur zehn Jahre später waren es über 5000. Seither ist die Bevölkerung dieser suburbanen Wohngemeinde einigermassen konstant. Von den über 3800 Erwerbstätigen, Schüler und Studierenden im Jahr 2000 waren 73% Pendler, die vor allem nach Zürich (41%), aber auch ins benachbarte Uster (17%) und die übrigen Gemeinden des Glatttals pendelten. Die französische Kurzbeschreibung dieses Lebens: métro — boulot — dodo. Von den fast 3000 Erwerbstätigen waren nur gerade 23 im primären Sektor tätig, während zwei Drittel im Dienstleistungssektor beschäftigt waren (Quelle: BfS, Eidg. Volkszählung 2000).


Und so sieht der „suburban way of life“ real aus: Wohnen in Göhners Plattenbauten — ans ländliche Leben erinnern nur noch die Schrebergärten entlang der S-Bahn.


Zum suburbanen Patchwork des mittleren Glatttals gehören auch solche Büro- und Gewerbebauten mit den zum „suburban way of life“ passenden Arbeitsplätzen.

Das Wohnen in Göhners Plattenbauten und das Arbeiten in suburbanen Gewerbezentren muss nicht a priori schlecht sein, aber dieses Leben in Suburbia unterscheidet sich doch krass von gemalten „heilen Welt“, die den PendlerInnen an der S-Bahn-Station tagtäglich vor Augen geführt wird.

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